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Martina Voss-Tecklenburg: Einfach pragmatisch.

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Auf der Spur der Pragmatiker

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Die deutschen Fußballerinnen folgen offenbar einer geschlechterübergreifenden Vorgabe: Glanzlichter waren gestern. Ein Kommentar.

Es gehört zu den Eigenarten der Frauen-WM, dass für den Fortschritt des deutschen Fußball gerade Silvia Neid und Martina Voss-Tecklenburg völlig unabhängig voneinander durch Frankreich touren. Zwei starke Charaktere, die dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) dienen. Die langjährige Bundestrainerin spürt als Leiterin der Scouting-Abteilung Frauen- und Mädchen den Trends nach, die anderen arbeitet daran, das Nationalteam wieder zu einem Trendsetter zu machen. Insofern interessant, was Neid in einem Zwischenfazit über die achte WM-Auflage veröffentlicht hat.

Die 55-Jährige, an den bisherigen WM-Titeln 2003 und 2007 als Assistenz- und Cheftrainerin beteiligt, beobachtet „faszinierende Entwicklungen“ im Frauenfußball. Viele Teams, deutlich mehr als noch vor vier Jahren in Kanada, würden mit einem guten Spielaufbau, einer guten Raumaufteilung und hohen Ballsicherheit beeindrucken. Aber: Ab dem Achtelfinale werde es in diesem Jahr zunehmend auf die Effektivität ankommen. Das ist ungefähr dieselbe Erkenntnis, die bei den letzten Männer-Turnieren entstand. 2016 in Frankreich setzte Portugal dem Pragmatismus genauso die Krone auf wie 2018 in Russland bekanntlich die Franzosen.

Kein Anlass zum Übermut

Insofern folgen die deutschen Fußballerinnen offenbar einer geschlechterübergreifenden Vorgabe: Glanzlichter waren gestern. Die DFB-Frauen haben sich bei dem dichter gewordenen Leistungsniveau sehr hartnäckig eine fast einmalige Chance erarbeitet, denn sie befinden sich in der vermeintlich leichteren Hälfte des Turniertableaus. Gastgeber Frankreich, Weltmeister USA oder der Weltranglistendritte England eliminieren sich vor dem Finale in Lyon in zwei Wochen noch gegenseitig. Härtester Widersacher für Deutschland wäre wohl bis dahin Europameister Niederlande.

Trotzdem besteht zu Übermut kein Anlass: Das Viertelfinale gegen Kanada oder Schweden wird zum Lackmustest, weil es dann um die für den Frauenfußball immens wichtige Olympia-Qualifikation geht. Nur die besten drei europäischen Teams sind bei den Spielen 2020 in Tokio dabei. Die Basis haben Trainerin und Spielerinnen gelegt. Selbst wenn es bei Passqualität oder Kreativität auch gegen den geschlauchten und durch den Ausfall seiner besten Spielerin geschwächten Afrikameister Nigeria noch Verbesserungsbedarf gab, so beindruckte die Disziplin, mit der die Rückwärtsbewegung verinnerlicht ist; die Flexibilität, mit der Systeme und Positionen getauscht werden.

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Übrigens der größte Vorzug, den das deutsche Nationalteam im Vergleich zur WM 2015 aufweist. Und was Voss-Tecklenburg vielleicht besser macht als Neid. Deren von prägenden Figuren wie Nadine Angerer, Annike Krahn oder Celia Sasic geführte Mannschaft stieß an ihre Grenzen, als auf kanadischen Kunstrasen ein Plan B gefragt war, den die damalige Fußballlehrerin bis dahin fast nie aus der Schublade ziehen musste. Ihre Nachfolgerin ist da weiter. Notgedrungen. Denn ohne Dzsenifer Marozsan eine makellose Bilanz aufzuweisen, wo doch bei dieser WM alles auf sie ausgerichtet war, ist die bislang beste Leistung, die das deutsche Kollektiv unter seinem Leitmotiv „Allez maximal“ erbracht hat.

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