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Megan Rapinoe weigert sich die US-Hymne mitzusingen.

WM Frankreich

Ein Spiel, das zu früh kommt

Weil sich die USA und Frankreich bereits im Viertelfinale duellieren, wird am Freitag ein Traum im Pariser Prinzenpark schon vor der Lyoner Finalwoche platzen.

Die charmanten Restaurants und trendigen Bars von Rennes, die am Place Saint-Anne das junge Publikum anziehen wie die Motten das Licht, haben sich lange der Frauen-WM im eigenen Land entzogen. Obwohl mit Beginn des Turniers im Schnitt mehr als zehn Millionen Franzosen die Spiele der Equipe de France feminine, genannt Les Bleues, angeschaut haben, standen fast nirgendwo Fernseher, auf denen die Spiele liefen. So als wollten die beliebten Begegnungsstätten in den windschiefen Fachwerkhäusern zeigen, dass sie diesen weiblichen Reiz nicht brauchen.

Die Besitzer vom Café le Pignom machten zum Wochenende den Anfang, luden zum Viertelfinale Frankreich gegen Brasilien (2:1 n.V.) erstmals zum Public Viewing ein und hängten große Flachbildfernseher vor die Fenster – und plötzlich hatte die Brasserie volles Haus. Als erste Jubelschreie über den Platz schallten, gesellten sich immer mehr Menschen hinzu. Es braucht eben oft etwas, bis der Frauenfußball eine breitere Basis begeistert.

Einfallslose US-Mannschaft

Der Freitag soll es noch mehr Anteilnahme geben. In Rennes und anderswo. Mit dem Viertelfinale Frankreich gegen USA (Freitag 21 Uhr) kündigen sich neue Rekorde an. Gewiss werden noch mehr als am Sonntagabend zwölf Millionen (49 Prozent Einschaltquote) bei TF1 und Canal+ dabei sein. Im Pariser Prinzenpark steigt das vorgezogene Finale. Der Ausrichter gegen den Rekordweltmeister. „Es wird ein großartiges Spiel. Es wird wahrscheinlich verrückt und intensiv sein. Wir haben beide gute Spieler, gute Teams“, glaubt Jill Ellis, die gebürtige Britin auf der Trainerbank des Titelverteidigers.

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Hier Stars wie Wendie Renard und Amandine Henry, die bei Olympique Lyon Monatsgehälter von 29.000 Euro einstreichen, dort Galionsfiguren wie Alex Morgan und Carli Lloyd, die professionell vermarkteten Sportstars mit Millionen Follower in den sozialen Netzwerken. Und natürlich werden sich noch mehr Blicke auf Megan Rapinoe richten, die sich jedes WM-Spiel beharrlich weigert, die US-Hymne mitzusingen, um ein Zeichen gegen die Politik von Präsident Donald Trump zu setzen. So auffällig die fast 34-Jährige mit ihrer rosa getönten Haarpracht mit Lilastich wirkt, so wichtig war sie in Reims beim Kraftakt im Viertelfinale gegen Spanien (2:1).

Ohne die beiden sicher verwandelten Elfmeter der Anführerin hätten die kraftvollen, aber merkwürdig einfallslosen US-Girls vielleicht nicht überstanden. „Wir haben uns während des Spiels gesagt, dass wir ein Level drauflegen müssen“, sagte Rapinoe. „Die Spiele werden ab jetzt anstrengender und intensiver. Jede Spielerin spielt hier um ihr Leben.“

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Erst recht, wenn jetzt zwei Trendsetter aufeinanderprallen. Während der Ausgang des Gigantenduells offen erscheint, ist eines gewiss: Dieses Spiel kommt zu früh. Eigentlich wäre es perfekt für die Finalwoche in Lyon gewesen, die auch auf Betreiben von Jean-Michel Aulas, dem umtriebigen wie spendablen Präsidenten von Olympique Lyon, am Zusammenfluss von Rhône und Saône stattfindet. Rund 15.000 Amerikaner sollen sich bereits Unterkünfte gebucht und Tickets für Halbfinals (2./3. Juli) und Finale (7. Juli) gekauft haben. Sicher ist sicher. Hotels und Apartments sind im weiten Umkreis so gut wie ausgebucht, alle drei Lyoner Finalspiele ausverkauft.

Es droht das Aus in der Runde der letzten Acht

Der Weltmeister geht ganz selbstverständlich davon aus, dem Event den typischen Stars-and-Stripes-Stempel aufzudrücken. Die Mission der US-Spielerinnen war niemals größer als bei der achten WM-Auflage, weil es diesmal um mehr als sportliche Botschaften geht. Der Arbeitssieg gegen Spanien soll nicht irritieren: Auch bei der WM vor vier Jahren hatten Morgan, Rapinoe und Co. ihren gnadenlosen Powerstil nicht die ganze K.o.-Runde durchgezogen, sondern sich in Achtelfinale (2:0 gegen Kolumbien) und Viertelfinale (1:0 gegen China) mit Arbeitssiegen begnügt. Das Beste hoben sich die US-Girls für das Endspiel (5:2 gegen Japan) auf, als die vorwiegend weibliche Gefolgschaft in Vancouver eine ekstatische Jubelorgie in Gang setzte. Die Protagonisten sind überzeugt, dass sich Geschichte wiederholt. „Ich liebe es, wie dieses Team Lösungen findet, wenn es Probleme hat. Das gehört zur Geschichte des Nationalteams, Das habe ich schon als Mädchen als Fan bewundert“, verriet Samantha Mewis, die besonders wuchtige Mittelfeldspielerin.

So stark in Kopf und Beinen scheinen die Französinnen nicht. Die Erfahrung mit dem Druck und Drumherum der großen Turnierspiele fehlt dem Gastgeber, den dasselbe Dilemma wie 2007 China, 2011 Deutschland und 2015 Kanada droht: das Aus in der Runde der letzten Acht. Der Stimmungskiller war schon in Le Havre nicht fern. „Wir waren nicht in Bestform - ich hatte das Gefühl, mein Team da draußen nicht zu erkennen. Ich habe den Spielern gesagt, sie sollten Spaß haben, das Spiel genießen“, erklärte Trainerin Corinne Diacre hinterher. Das könnte gegen die USA noch schwieriger werden.

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