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Der DFB kann immerhin vermelden, dass fast 6000 Frauenteams am Spielbetrieb teilnehmen.

Trainerinnen

„Die Frauen sind bereit, die Männer nicht“

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Im Fußball sind Frauen auf vielen Gebieten immer noch die Ausnahme – ganz krass ist das Missverhältnis im Trainerberuf. Der DFB setzt statt auf eine Quote lieber auf ein Förderprogramm.

Die jüngste Erhebung kann eigentlich niemanden überraschen: Bei den Ehrenamtlichen im Deutschen Fußball-Bund (DFB) handelt es sich überwiegend um (ältere) Männer. Sage und schreibe 92 Prozent der diversen Posten und Pöstchen, vom Kassenwart über den Spartenleiter bis zum Vorsitzenden, sind in den fast 25 000 Klubs mit Männern besetzt. Diese Zahl machte der Verband jüngst selbst bei seinem Amateurfußball-Kongress in Kassel öffentlich und brachte gleich diese Botschaft noch mit unter: „Die erfolgreichsten Vereine sind die, in denen Frauen mitregieren dürfen.“ Was allerdings die große Ausnahme ist.

Und so zeigt sich ein Kardinalproblem: Noch immer sind Frauen in vielen Bereichen unterrepräsentiert. Ganz krass ist das Missverhältnis im Trainermetier, wo der Medienrummel um die beim niedersächsischen Oberligisten BV Cloppenburg eingestellte Imke Wübbenhorst im Grunde belegt, wie exotisch dieses Thema betrachtet wird. Der 31-Jährigen war das im Grunde nämlich gar nicht recht, weil sie nur die fachliche Eignung für entscheidend hält. „Ich hoffe, dass ich nicht nur auf das Thema Mann/Frau reduziert werde, sondern daran gemessen werde, welche Leistung wir bringen.“ Auf die Frage, ob sie denn nun eine Sirene auf dem Kopf trage, damit die Männer sich noch schnell eine Hose anziehen können, bevor sie in die Kabine komme, reagierte sie mit einem derben Spruch: „Natürlich nicht. Ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf.“

Die neue Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg glaubt, dass viele Vereine sich schlicht nicht trauen, eine Fußballlehrerin einzustellen. „Die Frauen sind bereit, die Männer noch nicht“, sagte die 51-Jährige kürzlich in Kassel, weil man „sich vielleicht auch nie damit auseinandergesetzt hat“. Sie wäre übrigens – hätte sie den Job beim DFB nicht bekommen und hätte beim Schweizer Fußball-Verband aufgehört – aktiv auf Viert- oder Drittligisten zugegangen, um sich als Trainerin im Männerbereich zu verdingen. Gut vorstellbar, dass die Frau vom Niederrhein irgendwann zur Pionierin wird.

Bei den Schiedsrichtern hat es bislang nur Bibiana Steinhaus bis in die Bundesliga gebracht hat. Bei den Funktionären reden nur Heike Ullrich als Direktorin Spielbetrieb und Hannelore Ratzeburg als langjähriges Präsidiumsmitglied im größten deutschen Sportverband auf Führungsebene mit. Ein „Männlichkeitsrefugium“ beobachtet Katja Kraus. Die frühere Pressesprecherin von Eintracht Frankfurt war zwischen 2003 und 2011 Vorstandsmitglied beim Hamburger SV und erklärte kürzlich im HR-Fernsehen: „Der Fußball wird immer zu einer Art Geheimwirtschaft erklärt, die sich nur Männern erschließt.“ Es gebe „eine Art Versorgungsmentalität für ehemalige Fußballspieler. Von daher ist es schwer, Frauen in die entsprechenden Positionen zu bringen.“ Außerdem habe das viel mit einem „Arbeitszeitmythos“ zu tun, sinngemäß: Den Frauen traue man nicht zu, Familie und eine verantwortliche Position unter einen Hut zu bringen. Dabei sei doch nachgewiesen, dass gemischte Teams bessere Erfolge erzielen. Man könne doch wie in der Wirtschaft eine Quote für Aufsichtsräte und Präsidien festlegen, findet die in Offenbach geborene 48-Jährige.

Genau an diesem Punkt will aber der DFB nicht mitmachen. Und die erfahrene Funktionärin Ratzeburg erklärt auch warum: „Es gibt diese Quotendiskussion auch in anderen Bereichen schon ewig. Jetzt geht’s darum, dass man diese aktuelle Situation verändert. Ob das mit einer Quote geht? Wenn man sagt: Quote – da machen alle gleich den Deckel zu.“ Die 67 Jahre alte Hamburgerin rückte 1977 als Referentin für ihren Sport in den Spielausschuss. Da waren die Herren froh, dass sie sich nicht mehr um den „Damenfußball“ – wahlweise „Weiberfußball“ – kümmern mussten. Wenn Ratzeburg damals bei Sitzungen sprach, konnte es schon vorkommen, dass sie eine provokante Pause einlegte – damit die Kollegen die Zeitung weglegten.

Laut Generalsekretär Friedrich Curtius sind beim DFB insgesamt 15 Frauen im Hauptamt als Abteilungs- oder Teamleiterinnen tätig. Von den 212 Mitarbeitern seien 89 weiblich. „Vom Männerbetrieb DFB kann daher keine Rede sein“, betont Curtius, räumt jedoch ein: „In der Leitungsebene finden sich – wie in einer Vielzahl von Unternehmen und Verbänden – mehrheitlich Männer.“ Wohl wahr: 21 Landesverbandschefs hat der DFB – alles Männer. Nach einer Studie des Antidiskriminierungsnetzwerkes Fare (Football Against Racism in Europe) sind nur 3,7 Prozent der Führungspositionen im europäischen Fußball mit Frauen besetzt. Oft gilt immer noch: Hübsche junge Damen dürfen den Journalisten oder den Logengästen die Häppchen reichen.

Auch eine Aufsichtsratschefin wie Sandra Schwedler beim Zweitligisten FC St. Pauli gilt als ungewöhnlich. Sie berichtet von Veranstaltungen, wo sie „wahlweise für die Freundin, Frau oder Tochter von ...“ gehalten werde. Begrüßt werde sie öfter so: „Ich weiß nicht, ob Sie dazugehören, aber ich sage einfach mal Hallo.“ Sie habe eine Quote früher immer für überflüssig gehalten. „Doch wenn wir in diesem Tempo weitermachen, sind wir erst in 50 Jahren am Ziel“, sagt die 38-Jährige und verweist darauf, dass inzwischen 25 Prozent der Fans in den Stadien weiblich sind.

Andererseits belegen die DFB-Mitgliederzahlen die ungebrochene männliche Dominanz: Von den 7,09 Millionen Mitgliedern (Stand 2018) sind 792 782 Frauen und 313 322 Mädchen. Und daraus ist mitnichten abzuleiten, dass wirklich mehr als eine Million auch wirklich Fußball spielen, denn der größte Anteil machen diejenigen aus, die über eine Vereinsmitgliedschaft der namhaften Bundesligisten geführt sind.

Immerhin konnte der DFB zuletzt konstatieren, dass fast 6000 Frauenteams am Spielbetrieb teilnehmen. 147 mehr als in 2017.

Der DFB bemüht sich, die Situation zu ändern – mit einem seit 2016 angelaufenen Leadership Programm für Frauen, bei dem auch die Landesverbände mitmachen. Zum Beispiel in Niedersachsen, wo es heißt: „Fußball und Frauen sind kein Widerspruch.“ 149 Frauen haben sich beworben. 24 wurden ausgewählt, jeder Landesverband ist vertreten. „Man sollte bei den Entscheidungsträgern das Bewusstsein schaffen, diese Türen zu öffnen. Gleichzeitig müssen die Kandidatinnen erkennen, dass ihnen tolle Wege offen stehen“, sagt Heike Ullrich, die es bis zur Direktorin geschafft hat. Auch ihr Weg war ein „ein langer Prozess“.

Bei der anderen großen Fußball-Organisation, der Deutschen Fußball Liga (DFL), gibt es auf Geschäftsleitungsebene keine Frauen. Doch der Vorsitzende der Geschäftsführung, Christian Seifert, hört in seinem Umfeld gerne auf weiblichen Rat. Die DFL verweist in ihrer GmbH auf eine Frauenquote von 40,9 Prozent. Und: Frauen würden beispielsweise die Repräsentanz in New York, die Event-Abteilung und die Tochtergesellschaft Liga Travel führen.

Gleichwohl drehen in der Bundesliga fast allein die Männer am großen Rad: In den Führungsetagen der Bundesliga sind nach einer Erhebung der „Welt am Sonntag“ 201 von 210 Posten in Aufsichtsräten, Präsidien und Vorständen von Männern besetzt.

Prominenteste Ausnahme: Martina Voss-Tecklenburg sitzt im Aufsichtsrat von Fortuna Düsseldorf. Fachgebiet Sport. Ihre Meinungsstärke und Fachkenntnis war dem Kontrollgremium angeblich so wichtig, dass sie diesen Nebenjob auch nach der Ernennung zur Bundestrainerin unbedingt weiterführen sollte. Und der Erfolg des Bundesliga-Aufsteigers kommt vielleicht nicht von ungefähr.

Von Ulrike John und Frank Hellmann

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