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Zweikampfstark: Kathrin Hendrich (links) schirmt den Ball gegen Lauren Hemp ab. 

DFB-Frauen

Frauen-Nationalmannschaft: Wegweiser in Wembley

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Der Last-Minute-Sieg der deutschen Frauen-Nationalmannschaft in England sollte ein Signal für die Zukunft sein.

In der London Underground sammelte sich am Samstagabend an der Haltestelle Wembley-Park viel Trübsal. Als die Familien die Züge der Jubilee Line bestiegen, steckten die meisten Fußballschals bereits unter dem Jackenkragen. Kinder hielten ihr Fähnchen achtlos in der Hand, während die Eltern kein Wort sprachen. Aus englischer Sicht hätte ein einmaliges Event für den Frauenfußball in der Kultstätte anders verlaufen sollen, während die deutsche Kapitänin Alexandra Popp ihren Auftrag als vollumfänglich erfüllt ansah: „Wir wollten Wembley zum Schweigen bringen.“ Mit einem 2:1-Last-Minute-Sieg gegen England sendete die deutsche Auswahl zum Jahresabschluss ein Zeichen der Stärke aus.

Auch wenn nicht alle 90.000 Ticketinhaber erschienen – die latente Gefahr bei verbilligten Preisen –, erschufen 77.786 Stadionbesucher eine elektrisierende Kulisse, die nie den Eindruck erweckte, als würde sie bloß ein Freundschaftsspiel verfolgen. Gegen Deutschland geht es immer um mehr. Die DFB-Frauen zeigten jedoch „ein überragendes Fußballspiel in einem hervorragenden Rahmen“, wie Joti Chatzialexiou, der sportliche Leiter Nationalmannschaften, belobigte. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wollte sich lieber gar nicht fragen, was mit so viel Mut und Leidenschaft bei der WM in Frankreich möglich gewesen wäre, sondern tröstete sich damit, „ein Spiel für die Zukunft“ gesehen zu haben.

Ihre junge Garde schien beseelt davon, den achtfachen Europameister mit Blick auf die EM 2021 in England als Titelanwärter in Erinnerung zu bringen. „Die Lust im Kopf, dieses Spiel für sich zu entscheiden“, sah die Trainerin, die explizit in der zweiten Halbzeit anwies, den Lucky Punch zu besorgen. Kaum Zufall, dass Klara Bühl für späte Glücksseligkeit sorgte (90.). Dem erst 18-jährigen Toptalent aus der Freiburger Fußballschule fiel es schwer, die ihr durch den Kopf schwirrenden Superlative zu ordnen.

Pauline Bremer: Die Stehauffrau

Nicht minder beeindruckt wirkte der ihr gut bekannte Präsident Fritz Keller, der die hochkarätige DFB-Delegation anführte. Der sichtlich beglückte Verbandschef („ich freue mich wahnsinnig“) hatte einerseits „Hoffnung für die Zukunft“ erspäht und will andererseits „von England lernen, wie der Frauenfußball in der Gesellschaft festgeschrieben ist.“ Dazu hätte es gar nicht den Meinungsaustausch mit den FA-Kollegen gebraucht, denn der Spaziergang über die Esplanade hätte gereicht: Überall standen Anhänger für die Fanartikel der „Lionesses“ an, die gerade viel Rückenwind von allen Seiten spüren.

Warum geschieht ähnliches nicht mehr in Deutschland? „Wir können nur sportlich überzeugen, aber diese Mannschaft hat mehr Publikum verdient“, meinte Voss-Tecklenburg, die sich Highlight-Spiele auch hierzulande wünscht. „Wäre schön, wenn wir auch in diese Richtung gehen“, sagte Torschützin Popp, die sich nur drei Wochen nach einem Bänderriss mit dem Führungstor belohnte (9.). Die Stimmung sei „bombastisch“ gewesen, „bei jeder einzelnen haben die Augen gestrahlt“, erzählte die 28-Jährige.

Keeperin Frohms stark

Die auch objektiv beste Darbietung in einem „facettenreichen Jahr“ (Voss-Tecklenburg) besaß viele Erzählstränge. Die Trainerin grinste fast schelmisch, dass sie analog zu den Männern fortan über einen echten Konkurrenzkampf auf der Torwartposition verfügt. Während die verletzte Almuth Schult am Spieltag ihr nächstes Grundsatzinterview platzierte, ließ ihre Vertreterin Merle Frohms Taten sprechen. Die nur von Ellen White (44.) bezwungene Torhüterin vom SC Freiburg wertete ihren selbst verursachten und spektakulär abgewehrten Elfmeter gegen Nikita Parris (36.) als „das Mindeste, was ich tun konnte“. Was in Zukunft passiere, werde man sehen. „Jeder muss sich beweisen. Almuth hat die Verpflichtung, erst mal richtig fit zu werden“, sagte Voss-Tecklenburg.

FFC-Frankfurt-Manager Siegfried Dietrich jubilierte als neuer Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen, „der selbstbewusste Sieg war wie ein kleiner Titel“. Bei aller berechtigten Begeisterung sollte nicht verdrängt werden, dass es sich immer noch um ein Testspiel handelte. Dass Anführerin Popp später am Platzrand posierend schrieb, alle seien „als Legenden vom Wembleyrasen gegangen“, wirkte ein bisschen zu großspurig. Das könnte allenfalls behauptet werden, wenn an selber Stelle das EM-Finale 2021 ähnlich eindrucksvoll gewonnen würde.

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