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Das letzte Duell auf heiligen Rasen; Lena Goeßling (li.) behauptet sich 2014 gegen Karen Carney.  

Frauenfußball-Nationalmannschaft

Frauen-Nationalelf: Die neue Dimension

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Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft tritt im Wembley-Stadion vor 90.000 Zuschauern an. Der DFB will irgendwann wieder selbst solche Highlights wie in England organisieren.

Martina Voss-Tecklenburg kann sich an eine ungewöhnliche Trainingseinheit auf kanadischem Kunstrasen im WM-Sommer 2015 noch gut erinnern. Die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft hatte sich über Umwege noch für das Achtelfinale qualifiziert, aber dort wartete der WM-Gastgeber Kanada, der in Vancouver von mehr als 50.000 Heimfans mit einem ohrenbetäubenden Getöse angefeuert wurde. „Wir haben zur Einstimmung mit Ohropax trainiert“, erzählt die Trainerin, die sich mit ihren Spielerinnen darauf verständigte, mehr auf Blickkontakte und Zeichensprache zu achten.

Was im Männerfußball gang und gäbe ist – lärmende Kulissen in ausverkauften Arenen – stellt im Frauenfußball eben nicht den Alltag dar. Insofern erlebt Voss-Tecklenburg gerade ein Déjà-vu, als die Bundestrainerin die DFB-Frauen in Tegelen an der deutsch-niederländischen Grenze auf den stimmungsvollen Jahresabschluss vorbereitete: ein Freundschaftsspiel gegen England im Wembley-Stadion am Samstag (18.30 Uhr MESZ/ Eurosport), das alle Dimensionen sprengt. Dank einem geschickten Marketing und nicht zuletzt verbilligten Preisen sind längst alle 90 000 Tickets verkauft. Jugendliche brauchten nur ein Pfund, Erwachsene maximal 20 Pfund zahlen. Der Klassiker kratzt am Zuschauer-Weltrekord im Frauenfußball: 90 185 Besucher, die sich beim WM-Finale 1999 zwischen USA und China in die offene Betonschüssel von Pasadena zwängten.

Stagnation in Deutschland

„Dass wir vor so einer Kulisse spielen dürfen, ist ein Geschenk. So etwas haben die Spielerinnen noch nicht erlebt“, sagt Voss-Tecklenburg, die von einer „kleinen Belohnung an einem besonderen Ort in dieser besonderen Atmosphäre nach einem facettenreichen Jahr“ spricht. Die 51-Jährige möchte einen mutigen Auftritt sehen. Beleg für deutschen Tatendrang: Kapitänin Alexandra Popp hat sich in Windeseile nach einem Außenbandriss wieder zurückgekämpft und will die Mannschaft auf den heiligen Rasen führen. Dieselbe Konstellation gab es vor knapp fünf Jahren, als 45 619 Interessierte den deutsch-englischen Klassiker erleben wollten. Nun hat sich der Zuspruch fast verdoppelt.

Die Kultstätte des englischen Fußballs ist auch Schauplatz des Finals bei der Frauen-EM 2021, die in England von Verband und Vereinen, Medien und Sponsoren unterstützt wird. „Solch ein Turnier löst etwas aus“, glaubt Voss-Tecklenburg und erinnert an den Hype, der Deutschland vor der Frauen-WM 2011 durchzog. Tatsächlich wirkt der Boom auf der Insel ganz ähnlich. Die Bank Barclay investiert in die Women’s Super League (WSL) einen zweistelligen Millionenbetrag, die BBC vermeldete bei der Frauen-WM in Frankreich Einschaltquoten im zweistelligen Millionenbereich. Und so ist für den Frauenfußball eine produktive Wechselwirkung entstanden, die möglicherweise nachhaltiger als damals in Deutschland werden könnte.

DFB-Direktorin Heike Ullrich konstatiert zudem fast neidvoll: „Das wünsche ich mir auch für Deutschland: Die Anerkennung und Wertschätzung, bei der kein Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball gemacht, sondern beides als attraktives und anspruchsvolles Angebot gesehen wird. Gerade bei der gesellschaftspolitischen Verankerung des Frauenfußballs sehe ich bei uns noch Potenzial, das machen die Engländer vorbildlich.“ Hierzulande ist auf vielen Ebenen eine Stagnation zu beobachten, die auch mit sportlichen Rückschlägen zu tun hat.

Bei der WM in Frankreich verpassten die DFB-Frauen fast leichtfertig eine große Chance. Während England sich als WM-Halbfinalist für das Olympische Fußballturnier qualifizierte (als Vertreter Großbritanniens), bleibt ausgerechnet Deutschland als amtierender Olympiasieger nächsten Sommer außen vor. Nur mit der Gründung eines eigenen Ausschusses Frauen-Bundesligen ist es nicht getan, um den Bedeutungsverlust zu bekämpfen. Englands Frauenliga hatte an den ersten fünf Spieltagen 117.000 Zuschauer, zu drei Auftaktevents strömten jeweils mehr als 20.000 Interessierte in die großen Stadien von Manchester City, FC Chelsea und West Ham United.

Langeweile in der Liga

Die Frauen-Bundesliga meldet nach neun Spielrunden 53.000 Zuschauer, der Schnitt liegt bei 990. Von Aufbruchsstimmung ist wenig zu spüren, zumal der VfL Wolfsburg einsam seine Kreis an der Spitze zieht. Der Vizemeister FC Bayern hinkt den Ansprüchen auf vielen Ebenen noch hinterher. Der Besucherschnitt ist in München mit knapp 700 gerade der viertschlechteste der Liga.

Und zu den EM-Qualifikationsspielen gegen Montenegro und die Ukraine kamen zuletzt 6275 ins Kasseler Auestadion und 5504 Zuschauer an den Aachener Tivoli. Voss-Tecklenburg regt in enger Abstimmung mit dem Verband an, pro Jahr künftig „ein oder zwei Highlightspiele in größeren Stadien zu organisieren“. Eine hochrangige DFB-Delegation mit Präsident Fritz Keller wird sich nun in London mit den FA-Funktionären austauschen. Aber selbst die ansonsten immer so optimistische Bundestrainerin warnt an diesem Punkt vor überzogenen Erwartungen: „Wir werden nicht heute auf morgen in die gleiche Richtung steuern.“ Die aktuelle Zielsetzung beschreibt die bei Manchester City angestellte Nationalspielerin Pauline Bremer so: „Wir wollen die Zuschauer leise schießen.“ Damit erst niemand sich nach Ohropax sehnt.

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