Warum geht es bei Frauen immer um die Optik? Der Slogan der Frauen-WM vor sechs Jahren: ?20elf von seiner schönsten Seite?.
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Warum geht es bei Frauen immer um die Optik? Der Slogan der Frauen-WM vor sechs Jahren: ?20elf von seiner schönsten Seite?.

Frauenfußball

Frauen kicken, Männer regieren

Auch im EM-Jahr 2017 wird der deutsche Fußball von Männern dominiert. Von Vielfalt keine Spur. Frauen dürfen spielen und Häppchen reichen, Männer entscheiden.

Von Ronny Blaschke

Geheimwissenschaft. Mit diesem Begriff lässt sich der Fußball ziemlich gut beschreiben, findet Katja Kraus: „Die Eigenheiten und Geschäftsregeln dieses Sports werden mystifiziert. Und sie erschließen sich angeblich nur Männern, die früher selbst mal kurze Hosen getragen haben. Bei der Jobvergabe gibt es eine Versorgungsmentalität von ehemaligen Spielern für ehemalige Spieler. Die frische Perspektive von außen wird wenig geschätzt.“ Katja Kraus hatte eine solche Perspektive eingebracht, als erste Frau im Vorstand eines Männer-Bundesligisten, beim Hamburger SV zwischen 2003 und 2011. Bis heute ist sie die einzige Frau geblieben.

Am Sonntag beginnt die Frauen-Europameisterschaft in den Niederlanden. Von bisher elf Turnieren dieser Art haben die deutschen Fußballerinnen acht gewonnen. Dieser Erfolg dürfte noch lange Bestand haben, denn inzwischen sind mehr als 1,1 Millionen Mädchen und Frauen hierzulande in Vereinen organisiert. Doch diese Zahlen sind trügerisch: Laut einer Studie des Antidiskriminierungsnetzwerkes Fare, Football Against Racism in Europe, sind nur 3,7 Prozent der Führungspositionen im europäischen Fußball von Frauen besetzt. Wie können Verbände und Vereine von Vielfalt und Demokratie sprechen, wenn an ihren Schnittstellen eine Hälfte der Gesellschaft kaum repräsentiert ist?

Seit Jahrzehnten wird in Deutschland über Geschlechtergerechtigkeit gestritten, in Politik, Wirtschaft, Kultur. Doch im Fußball wird diese Debatte nur oberflächlich geführt und an Einzelfiguren ausgerichtet. Vier Beispiele: Bei der EM 2016 wurde Claudia Neumann als erste Frau für den Live-Kommentar bei einem Männerturnier eingesetzt. Der FC St. Pauli berief Sandra Schwedler an die Spitze seines Aufsichtsrates. In Frankreich wird der Männer-Zweitligist Clermont Foot von Corinne Diacre trainiert. Und in der neuen Saison ist Bibiana Steinhaus die erste Schiedsrichterin in der Männer-Bundesliga.

Das sei hervorragend, sagt Katja Kraus, doch die systemischen Ursachen der Ungleichheit werden dadurch nicht hinterfragt: „Der Fußball sollte ein tatsächliches Bewusstsein dafür erlangen, dass gemischtgeschlechtliche Gremien und Funktionsteams eine höhere Erfolgsquote versprechen. Der Fußball schottet sich ab und setzt auf bewährte Kräfte. Es besteht eine große Angst davor, dass Veränderungen auch die eigene berufliche Existenz bedrohen könnten.“ Claudia Neumann, Sandra Schwedler und Bibiana Steinhaus mussten im Internet auch viele erniedrigende Kommentare über sich lesen. Das ist der offene, direkte Sexismus. Doch es gibt auch eine unterschwellige Ausgrenzung von Frauen: Von den 17 Mitgliedern des DFB-Präsidiums ist nur eines weiblich. Im Präsidium der Deutschen Fußball-Liga DFL findet sich keine Frau. Selbst nun bei der Frauen-EM werden zehn der sechzehn Teams von Männern trainiert. In der abgelaufenen Frauen-Bundesligasaison waren es sogar neun von zwölf. Bei prominenten Partien reichen Frauen die Häppchen oder tragen den Pokal auf den Rasen, übergeben wird er dann von einem Mann. In Verbänden und Klubs wirken sie als Assistentin und Referentin, seltener als Direktorin oder Abteilungsleiterin.

Von den Vorgesetzten hört man oft, dass sich zu wenige qualifizierte Frauen für Führungsaufgaben anbieten würden. Doch damit würde man den zweiten Schritt vor dem ersten machen, sagt Daniela Wurbs, die langjährige Geschäftsführerin des internationalen Fannetzwerkes FSE, Football Supporters Europe: „Die Kommunikationskultur im Fußball ist mit vielen Klischees beladen. In Werbung und Medien wird das gängige Schönheitsideal gepflegt. Das kann engagierte Frauen auch abschrecken.“

Sexualisierte Werbung

Ein Höhepunkt dieser Entwicklung war die Frauen-WM 2011 in Deutschland. In einer Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung bescheinigte die Soziologin Nina Degele dem DFB eine „Vermarktung der Weiblichkeit“. Dazu passte der offizielle Slogan: „20elf von seiner schönsten Seite“. Die Sponsoren zogen mit: Ein Spielzeughersteller brachte eine zierliche Fußball-Barbie auf den Markt. Ein Elektrofachmarkt warb mit dem Schriftzug: „Die schönste WM aller Zeiten“. Für ein Kosmetikunternehmen posierten einige Nationalspielerinnen in engen Abendkleidern, ergänzt mit Internettipps für Make-up und Haarpflege. Fünf Bundesligaspielerinnen ließen sich im „Playboy“ ablichten. Der „Focus“ schlussfolgerte, „dass die Fußball-Damen nicht bullig, sondern anmutig, nicht unweiblich, sondern schön anzusehen sind“.

Vielleicht war diese Sexualisierung einer der Gründe dafür, warum die deutschen Fußballerinnen 2011 bei der WM wie fremdbestimmt wirkten und schon im Viertelfinale scheiterten. Doch auch danach wurden Klischees weiter bestärkt: Das ZDF sendete anlässlich der Frauen-EM 2013 einen Spot, in dem eine Spielerin einen dreckigen Lederball in eine Waschmaschine kickt. Etliche Boulevardmedien beschrieben die Partnerinnen der Weltmeister von 2014 als sorgenvolle Mütter oder anmutende Models. Im April 2016 meldete der Verband Deutscher Sportjournalisten in seinem Monatsmagazin die Wahl von Laura Wontorra zur „heißesten Sportmoderatorin“. Und der internationale Sportjournalistenverband AIPS lehnte eine Reform ab, die selbst die Fifa bewilligt hatte: eine Frauenquote für seine Gremien. Dass der Fußball als Schaufenster für heterosexuelle Männer inszeniert wird, liegt auch am Mangel von Frauen im Sportsponsoring und im Fußballjournalismus, sagt Nicole Selmer. Die stellvertretende Chefredakteurin des österreichischen Fußballmagazins Ballesterer hat das Netzwerk „F_in“ mitbegründet, Frauen im Fußball.

Vergleichbare Stimmen werden selten außerhalb der Fachnische gehört: Bundesweit hat einzig die Sporthochschule Köln eine Professur für Geschlechterforschung im Sport eingerichtet. Selbst bei Sozialarbeitern in Fanprojekten liegt der männliche Anteil bei 75 Prozent, das ist mehr als doppelt so hoch wie in der Sozialpädagogik allgemein. Vor kurzem erforschte die „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“, was weibliche Ultras in Fanszenen mitunter erdulden müssen: Von Vergewaltigungsdrohungen bis zum gewaltsamen Alkoholeinflößen – eine Studie über Rassismus hätte wohl mehr öffentliche Resonanz erhalten.

So kommen Funktionäre unwidersprochen mit ihrer Interpretation durch: Nicht nur die deutschen Fußballerinnen dürften nun bei der EM wieder bis zu acht Millionen Zuschauer vor den Fernseher locken, auch bei einem Männerländerspiel liegt der weibliche Anteil des TV-Publikums bei rund vierzig Prozent. Allerdings: Jenseits dieser flüchtigen Events scheinen sich Frauen weniger aufgehoben zu fühlen. Zwar wollen immer mehr Frauen für den Breitenfußball die C-Lizenz als Trainerin erwerben, die unterste Kategorie, aber schon für die B-Lizenz sinkt der Anteil beträchtlich. Vorbilder wie Inka Grings sind rar: Die 96-malige Nationalspielerin möchte sich als Trainerin bei den Männern durchsetzen. Sie legte ihren Posten bei den Duisburger Bundesliga-Spielerinnen nieder und betreut nun die B-Junioren von Viktoria Köln.

„Wenn man die Strukturen verändern will, geht es nur über Quoten“, sagt Nicole Selmer. „Alles darunter ist ein Feigenblatt.“ Seit 2016 müssen etwa hundert börsennotierte Unternehmen in Deutschland ihre frei werdenden Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzen, bis 30 Prozent weiblich sind. Auch etliche Parteien oder Redaktionen führen solche Debatten. Im Fußball hat der Weltverband Fifa eine Generalsekretärin: die Senegalesin Fatma Samoura. In seinem neuen Führungsrat, dem Council, sollen sechs von 36 Mitgliedern weiblich sein. Aber die großen Nationalverbände ziehen nicht wirklich mit.

Von den rund 280 DFB-Mitarbeitern in Frankfurt sind 40 Prozent weiblich, aber es gibt nur eine Direktorin. In den ehrenamtlichen Gremien der 21 Landesverbände sind die wenigen Frauen meist für Frauenförderung zuständig. Das soll sich ändern, auch durch ein „Leadership-Programm“. Seit einem Jahr werden 24 interessierte Frauen mit Führungsaufgaben im Verband vertraut gemacht, erzählt Willi Hink, als DFB-Direktor zuständig für die Qualifizierung. „Dieses Programm ist ein Erfolg, nun wollen wir es auch auf Landes- und Kreisebene etablieren“. Zu einer Frauenquote kann sich der DFB aber noch nicht durchringen.

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