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Merci, Madame! Trainer Olivier Echouafni und Mittelfeldspielerin Abily Camille.

Fußball-EM 2017

Frankreich steckt in der Sackgasse

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Camille Abily rettet die Französinnen ins Viertelfinale - und gleichzeitig den Trainer vor einer Blamage. Ein Kommentar.

Als Camille Abily am Mittwochabend das Zeichen zur Auswechslung erhielt, machte sie auf einmal ganz langsam. Und so schritt eine der besten Spielerinnen, die der französische Frauenfußball je hervorgebracht hat, in Breda beinahe majestätisch zur Seitenlinie, wo Olivier Echouafni schon ungeduldig wartete: Erst klatschte der Nationaltrainer seine Retterin mit beiden Händen ab, dann nahm er sie kräftig in den Arm und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sinngemäß vermutlich: Merci, Madame!

Der 44-Jährige wäre wohl nicht länger Nationaltrainer geblieben, wenn Abily nicht jenen Freistoß über die Mauer geschlenzt hätte, hinter der sich die Schweizer Torhüterin Gaëlle Thalmann so schwerwiegend verschätzte. Ein Topfavorit der Frauen-EM rettete sich mit Ach und Krach ins Viertelfinale. Eine der besten Besetzungen dieses Turniers steckt in einer Sackgasse: Gegen Island (1:0) brauchte es einen umstrittenen Elfmeter, gegen Österreich und die Schweiz (jeweils 1:1) grobe Fehleinschätzungen der gegnerischen Torfrauen. Dass die wohl spielstärkste Frauenfußballnation dreimal nacheinander anrennt wie gegen eine Betonmauer, muss ein Alarmzeichen sein. 

Frankreich neigt zum Sterben in Schönheit

Abily hat dafür eine einfache Erklärung gefunden. „Wir spielen nicht wie Messi, um uns durchdribbeln zu können“, sagte die 32-Jährige kürzlich. Nur: Ihr Verein Olympique Lyon spielt in der Regel trotzdem alle Gegner an die Wand, hat Meisterschaft, Pokal und zuletzt die Champions League gewonnen. Doch in der Équipe féminine verflüchtigt sich diese Klasse schneller als jeder Zigarettenqualm. Das regelmäßige Scheitern bei WM, EM oder Olympischen Spielen ist die Regel geworden.

Es gelingt nicht, den technisch beschlagenen Ballbesitzfußball auf die nächste Entwicklungsstufe zu bringen. Dazu kommt die mentale Anfälligkeit vieler Führungskräfte, die zum Sterben in Schönheit neigen. Die Zeit drängt. Die hochbegabte Generation um Wendie Renard (27 Jahre), Amandine Henry (27) und Eugénie Le Sommer (28) spielt nicht mehr ewig weiter. Ihr erklärter Karrierehöhepunkt soll die Frauen-WM 2019 im eigenen Land sein.

Dafür wurden Spielorte in Grenoble, Reims und Rennes, aber auch Montpellier, Lyon und Paris bereits bestimmt: Stadien mit teils erheblichen Kapazitäten, die nur zu füllen sind, wenn zuerst das Heimteam eine Begeisterungswelle auslöst. Davon sind die französischen Fußballerinnen mit ihren Auftritten in den Niederlanden aber ungefähr so weit entfernt wie Camille Abily von den Qualitäten eines Lionel Messi. 

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