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Französische Fans feiern den zweiten WM-Titel nach 1998.

Weltmeister

Frankreich feiert weiter

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Der WM-Titel weckt in Frankreich Hoffnung auf Fortschritt, doch Zweifel sind angebracht.

Es ist Wochenbeginn. Doch in Paris geht es zu wie an einem Wochenende. Die letzten Nachtschwärmer kehren nach Hause zurück: blass im Gesicht, die Stimme heiser, ein Lächeln andeutend. Das Glück, dass Frankreich Fußballweltmeister ist, hat sich nicht verflüchtigt. Es beseelt die Menschen auch am Tag danach. An den Bistrotresen, wo Fans mit um die Schultern geschlungener Tricolore an einem doppelten Espresso nippen, um halbwegs klaren Kopf zu bekommen, gibt es nur ein Thema: Der WM-Sieg, der zweite in der Geschichte des Landes.

Und es wird weitergefeiert. Im offenen Bus rollen die WM-Helden am frühen Montagabend die Champs-Elysées hinab. Die Scherben vor dem Nobelrestaurant Drugstore sind eingesammelt. Zum Plündern entschlossene Jugendliche hatten sich dort mit Champagner- und Weinflaschen eingedeckt, bevor sie unter Tränengasbeschuss der Ordnungskräfte das Weite suchten. Dass der Jubel hier wie auch in Lyon oder Marseille mit Gewalt einherging – jenseits der Landesgrenzen hätte das vermutlich Begeisterung in Bestürzung umschlagen lassen. In Frankreich tut es der Stimmung kaum Abbruch.

Die Melange aus überbordender Freude und überbordendem Zorn ist dort nicht neu. An Silvester oder am Nationalfeiertag gehört Randale ebenfalls dazu. In den von Einwanderung, Arbeitslosigkeit und Armut gezeichneten Vorstädten gehen zur Feier des Tages dann Autos in Flammen auf und Scheiben zu Bruch. „Wo gefeiert wird, geht halt auch was kaputt“, sagt ein Passant, der sich die Stimmung nicht vermiesen lassen will.

Eine Französin verrät, dass sie die Ehrenparade der WM-Stars nutzen und den Wunderstürmer Kylian Mbappé küssen werde. Frankreich ist Weltmeister. Warum also sollte nicht auch dieser Traum in Erfüllung gehen? Zumal es ein vergleichsweise bescheidener ist. Mit dem WM-Triumph verbinden sich in Frankreich noch ganz andere, noch viel kühnere Hoffnungen: politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche.

Nicht zuletzt Frankreichs Staatschef hegt sie. Kaum war im Moskauer Luschniki-Stadion der Schlusspfiff ertönt, sprang Emmanuel Macron auf, ballte die Fäuste, reckte die Arme empor, brüllte seine Freude hinaus. Eine immense Spannung schien in diesem Augenblick von ihm abzufallen. Dieser Sieg, signalisierte der Gefühlsausbruch, ist auch meiner.

In Beliebtheitsumfragen auf 32 Prozent Zustimmung abgestürzt, darf der Präsident in der Tat auf einen Popularitätsgewinn hoffen. Jacques Chirac jedenfalls, der Frankreichs Geschicke 1998 beim ersten WM-Titel bestimmte, profitierte von der sich ausbreitenden Euphorie. Ein Plus von 18 Prozentpunkten bescheinigten ihm Meinungsforscher.

Von allen Seiten war Macron zuletzt unter Druck geraten. Die Rechte warf dem Staatschef Halbherzigkeit in der Einwanderungspolitik vor. Die Linke kritisierte ihn als zum sozialen Kahlschlag ausholenden Wirtschaftsliberalen, der den an der Spitze des ökonomischen Fortschritts Stehenden mit Arbeitsmarkt- oder Eisenbahnreform den Weg freimache, während der Rest der Nation immer weiter zurückfalle. Frankreich gebe ein Schweinegeld für Sozialleistungen aus, hatte der sich sonst eher gewählterer Formulierungen bedienende Präsident zuvor geklagt.

 Ein Gutteil der WM-Helden ist in der Banlieue aufgewachsen

„Der Erfolg gibt mir Recht“, kann Macron nun sagen. Zusätzliches Wirtschaftswachstum steht ins Haus. Ökonomen sagen für dieses Jahr ein Plus von 2,2 anstatt der bisher prognostizierten zwei Prozent voraus – dem Fußballglück, das die Konsumenten zu Ausgaben verleitet, sei Dank.

Auch mag Macron sich in seiner Vorstadtpolitik bestätigt sehen. Der Präsident will der Banlieue nicht mit mehr Sozialhilfe, sondern mit mehr Ausbildungsinitiativen zum Anschluss an den Rest des Landes verhelfen. Diejenigen, die bei der WM triumphierten und die er am Montagabend im Elysée-Palast willkommen hieß, dürften ihm willkommene Beweise dafür sein, dass es geht: dass man sich aus dem Vorstadtelend ganz nach oben arbeiten kann. Ein Gutteil der WM-Helden ist in der Banlieue aufgewachsen.

Und so wäre alles bestens, wären da nicht die Spielverderber. Soziologen, Politologen wie auch ein Teil der Ökonomen winken ab. Letztlich werde alles beim Alten bleiben, prophezeien sie. Der WM-Triumph sei ein Aufputschmittel, das die Leute in Hochstimmung versetze, ohne dass sich in ihrem Alltag Entscheidendes ändere. Der vorhergesagte Wirtschaftsaufschwung werde nicht nachhaltig sein, glaubt Denis Ferrand, Leiter des Wirtschaftsinstituts COE-Rexecode. Das Geld, das die Franzosen jetzt ausgäben, werde im Herbst wieder eingespart. Schließlich gehe das Fußballglück nicht mit Einkommenserhöhungen einher.

Der Politologe Jérôme Fourquet, Leiter des Meinungsforschungsinstituts Ifop, erinnert daran, dass Chiracs dem WM-Triumph geschuldete Beliebtheit schon bald zu bröckeln begann und sich wieder auf Vor-WM-Niveau einpendelte. Und schon gar nicht trauen die Experten den Franzosen zu, dass sie es den siegreichen Fußballern nachtun, dass Blacks, Blancs, Beurs, dass Schwarze, Weiße und Nachfahren arabischer Einwanderer zum Wohle des Landes gemeinsame Sache machen.

Franzosen haben die Reihen geschlossen

Aber dass dem Fußballwunder ein Integrationswunder folgt, erwartet auch kaum noch jemand. Die Franzosen haben dazugelernt. 1998 hatten sie von ihren WM-Siegern einen landesweiten Integrationsschub erhofft. Es kam anders. Bei den Präsidentschaftswahlen 2002 eroberte der fremdenfeindliche Jean-Marie Le Pen Platz zwei. Drei Jahre später brannten Frankreichs Vorstädte. Die Weißen, die alteingesessenen Franzosen, hatten sich verweigert. Sie wollten den Vorstadtkids nicht in mannschaftlichem Geiste das Tor zum gesellschaftlichen Aufstieg öffnen, einem Khaled oder einer Rachida auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt die gleichen Chancen einräumen wie einem Francois oder einer Hélène.

Aber auch wenn die Blauen keine Zeitenwende herbeiführen dürften, Zeichen gesetzt haben sie sehr wohl. Seit jenem 1998 errungenen ersten Weltmeistertitel haben sich die Franzosen nicht mehr so einig gezeigt wie bei den am Sonntagabend ausgebrochenen Jubelfeiern. Zurück bleibt die Gewissheit, dass es funktionieren kann, dass die ethnisch und religiös auseinanderdriftende Nation die Reihen schließen kann, wenn sie nur will und dass alle dabei gewinnen können. Zurück bleibt, wie der Philosoph Roger-Pol Droit herausstreicht, ein gewachsenes Selbstwertgefühl.

Gewiss, die schweren Terroranschläge der vergangenen Jahre hatten die Gesellschaft auch schon zusammengeschweißt. Alle oder jedenfalls fast alle Franzosen waren Anfang 2015 Charlie gewesen. Die von Terroristen überfallenen Pariser Cafés und der Musikclub Bataclan erfreuten sich nach den Massakern vom November 2015 bald wieder ungeschmälerten Zulaufs.

Aber in Trotz und Trauer haben die Franzosen die Reihen geschlossen, dem Terror die Stirn geboten, nicht in Freude und Glück. Und vor allem: Anders als nach dem WM-Triumph, waren die Nachfahren afrikanischer und arabischer Einwanderer nicht die Helden der Nation, im Gegenteil. Als potenzielle Islamisten gerieten sie nach den Anschlägen noch mehr in Verruf, gesellschaftlich noch mehr ins Abseits.

Diesmal zollt die Nation ihren Vorstadtkids frenetisch Beifall, ein paar wenigen zumindest. Am Montagabend drangen mehr als eine halbe Million Menschen auf die Champs-Elysées. Sie feierten Kylian Mbappé, aufgewachsen in der Pariser Vorstadt Bondy, Sohn eines Kameruners. Sie jubelten N’Golo Kanté zu. Aus Mali stammt er, trat als Kind in der Pariser Vorstadt Suresnes nach dem Ball. Bilder sind das, die sich ins kollektive Gedächtnis eingraben werden, die Mut machen. Das immerhin.

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