+
Bundestrainer Löw: Legendäre Treue zu alten Weggefährten.

EM-Auswahl

Wer in Frankreich dabei ist - und wer nicht

Der Kader für die Fußball-EM in Frankreich steht fest. Bundestrainer Joachim Löw setzt bei der Auswahl auf eine Mischung aus Altbewährtem und Draufgängertum.

Von Jan Christian Müller

Überraschungen, auch persönlich schmerzhafte, gehören zur Routine, wenn deutsche Bundestrainer ihre EM- oder WM-Kader öffentlich machen. Man muss gar nicht so weit in den Geschichtsbüchern zurückblättern: 2006 warf Jürgen Klinsmann den völlig konsternierten Strafraumstürmer Kevin Kuranyi („Das ist nur ein Spaß, oder?“) kurzerhand raus und nominierte den Außenläufer David Odonkor. Eine Sensation, die sich im späteren Turnierverlauf auszahlen sollte. 2008 verzichtete Joachim Löw auf Torwart Timo Hildebrand („Bin geschockt und irritiert“) und nahm lieber René Adler mit zur EM, 2014 musste Mario Gomez weichen, aber der bis dahin allenfalls Insidern bekannte Verteidiger Shkodran Mustafi durfte zur WM nach Brasilien düsen und dort sogar manchmal mitspielen.

Mustafi gehört auch zu jenem Aufgebot von 27 Fußballprofis, das der Bundestrainer am Dienstagmittag in den weitläufigen Räumlichkeiten der französischen Botschaft in Berlin preisgab. Löw hat ganz in der Nähe inzwischen eine Zweitwohnung, der Freiburger gilt als ausgewiesener Berlin-Liebhaber. Da traf es sich, sich dort erst mit seinem Trainerteam einzuschließen und die Köpfe zusammenzustecken und sodann die Journalisten an den Pariser Platz mit Sicht aufs Brandenburger Tor einzuladen. Dorthin also, wo sie 2006 auf einer Bühne von ganz Deutschland bejubelt worden waren und 2014 ihre Titelfeierlichkeiten als Beste der Welt gebührend abschlossen.

Angenehme und unangenehme Gespräche

Damit die Informationen nicht schon vorher öffentlich durchsickern, hat Löw erst am Dienstagmorgen eine ganze Reihe junger Männer mit seinen Anrufen aus dem Schlaf gerissen. Es gab unangenehme Gespräche mit Christoph Kramer, Matthias Ginter, Ron-Robert Zieler und Erik Durm, die bei der WM 2014 noch dabei waren, nun aber eine persönliche Absage erhielten. Und es gab angenehme Telefonate  mit jungen Kerlen wie Julian Brandt, Julian Weigl und Leroy Sané, alle drei gerade mal 20, und mit Joshua Kimmich, 21. Dieses Quartett, das es zusammen auf ein einziges A-Länderspiel bringt, weil Sané im November in Frankreich eingewechselt wurde, habe sich „wahnsinnig gefreut“, berichtete Löw, „diese Freude spürt man durchs Telefon“.  Am 24. Mai fliegen sie allesamt mit ins Vorbereitungs-Trainingslager an den Lago Maggiore. 14 Weltmeister sind noch dabei. 

Vier Spieler muss der Bundestrainer bis zum Stichtag 31. März, 23.59 Uhr, noch streichen. Mit 23 Auserwählten geht es dann am 7. Juni an den Genfer See ins EM-Camp. Die beiden Tempodribbler Brandt und Sané und die beiden eher strategisch veranlagten Defensivleute Weigl und Kimmich sind allesamt noch jung genug, um statt zur Europameisterschaft dann Anfang August zu den Olympischen Spielen nach Brasilien mitfliegen zu dürfen. Für andere ist das keine Option mehr.

Schweinsteiger und Podolski sind dabei

Löws Treue zu langjährigen Weggefährten ist legendär, so kommt es, dass sein dauerverletzter Kapitän Bastian Schweinsteiger (31) ebenso benannt wurde wie Lukas Podolski (30) und der zuvor wegen eines schweren Muskelrisses im Oberschenkel vier Monate lang unpässliche Benedikt Höwedes (28). Dass besonders im Fall des Gute-Laune-Bärs Podolski folkloristische Gründe eine gewisse Rolle gespielt haben, wurde vom Bundestrainer zumindest teilentkräftet: „Lukas hat schon auch einen sportlichen Wert, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen. Und er ist eine Persönlichkeit, die der Mannschaft viel geben kann.“ Spaß zum Beispiel, was in sieben Wochen zur Vermeidung des berüchtigten Lagerkollers bedeutungsvoll werden kann. Löw wies ausdrücklich darauf hin: „Es geht darum, ein bedingungsloses Miteinander zu schaffen für ein Ziel. Diese Haltung hat uns stark gemacht. Das Kollektiv ist wichtiger als jeder einzelne Spieler“, diese Kriterien seien in die Entscheidungsfindung mit eingeflossen. 

Bastian Schweinsteiger hat sich als furchtloser Anführer des Weltmeisterteams vor zwei Jahren genau deshalb einen Ruf wie Donnerhall erworben, dessen Nachhall an seinem Arbeitsplatz in Manchester allerdings längst nicht mehr zu hören ist. Nun soll der fortwährend am rechten Knie malade Mittelfeldspieler rechtzeitig wieder aufgepäppelt werden. In diesem Kalenderjahr brachte der von Löw in den Stand des „emotional leader“ gesetzte ältere Herr es für Manchester United auf exakt sechs Einsätze: Am 2. Januar gegen Swansea City, am 20. März 20 Minuten gegen Manchester City in der Premier League, zwischendurch am 10. März und 17. März insgesamt 30 Minuten in der Europa League gegen den FC Liverpool. Und im FA-Cup im Januar gegen Sheffield United 90 Minuten sowie im März gegen West Ham United 14 Minuten. Das ist sehr wenig. Das ist sogar verdammt wenig. Aber nicht zu wenig für Löw. „Wir haben die Aufgabe, ihn an die Mannschaft heranzuführen. Wenn er keine Nachwirkungen spürt, weiß ich, wie wichtig er für die Mannschaft ist.“ Derzeit sind das nicht mehr als eine verklärte Erinnerung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion