2015 - der letzte große Triumph des 1. FFC, der Champions-League-Sieg gegen Paris.
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2015 - der letzte große Triumph des 1. FFC, der Champions-League-Sieg gegen Paris. 

Frauenfußball

1. FFC Frankfurt wird zu Eintracht Frankfurt: Wehmut und Vorfreude

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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  • Michael Löffler
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Am Sonntag bestreitet der 1. FFC Frankfurt in der Fußball-Bundesliga der Frauen sein letztes Spiel. Der bekannte Name verschwindet, um unter dem Dach von Eintracht Frankfurt zu alter Stärke zu finden.

Auch bei besonderen Ereignissen duldet das für den deutschen Profifußball entworfene Hygiene- und Sicherheitskonzept keine Ausnahmen. Die Männer des FC Bayern haben sich bei ihrer Zeremonie zur 30. Meisterschaft genauso zurückgehalten wie die Frauen des VfL Wolfsburg bei ihrer Titelsause. Und so kann der 1. FFC Frankfurt sein historisches Saisonende in der Bundesliga gegen den SC Freiburg (Sonntag 14 Uhr) nicht so begehen, wie das dem Anlass angemessen wäre. Obwohl der erfolgreichste deutsche Frauenfußballverein Abschied feiert, bleibt die Personenzahl eng begrenzt.

Nur wenige prägende Gesichter wie Nia Künzer, Golden Girl beim ersten WM-Titel 2003, sind im Stadion am Bretanobad anwesend. Auch Axel Hellmann, Marketingvorstand von Eintracht Frankfurt, und Peter Fischer, der Präsident, kommen, denn schließlich geht es ja darum: Der 1. FFC Frankfurt schlüpft, auf das jahrelangen Drängen des Machers Siegfried Dietrich, unter das Eintracht-Dach, um dem Frauenfußball in Frankfurt einen neuen Schub zu verleihen.

„Ich werde sicherlich mit einem besonderen Gefühl des Respekts, der Sentimentalität und der Wehmut so manchen Erfolg, viele große Namen, aber auch viele Erlebnisse mit Menschen, die uns auf diesem Weg begleitet und unterstützt haben, Revue passieren lassen“, sagt Dietrich. Einerseits hat der Manager eine Träne im Knopfloch, andererseits schaut er mit Vorfreude nach vorne: „Uns erwartet die Zusammenarbeit mit einem der am modernsten aufgestellten Vereine in Europa. Ein Klub, der mit seinen vielfältigen Aktivitäten weit über den Tellerrand des Fußballs hinaus die Gesellschaft mitnimmt.“

Im Grunde schließt sich ein Kreis, wenn die Fusion zum 1. Juli greift: Ohne die Verselbstständigung vor 22 Jahren wäre der aus dem Stadtteilverein SG Praunheim hervorgegangene 1. FFC Frankfurt nie zum Trendsetter des europäischen Frauenfußballs aufgestiegen, ohne die Eingliederung in einen Großverein mit Männer-Profis hätte er jetzt kaum die Chance gehabt, wieder zu den Besten aufzuschließen. Dietrich beteuert, dass sich gar nicht so viel ändere: „Wir bleiben in derselben Stadt, im selben Stadion.“

Der 63-Jährige entdeckte den Frauenfußball Anfang der 90er-Jahre für sich, als er die damalige Trainerin der SG Praunheim, Monika Staab, bei einem Tennismatch traf. Der Promoter von Eiskunstlauf-Galas oder Tennisjugend-Weltranglistenturnieren lud die Fußballerinnen in die Eissporthalle mit der Eiskunstlauf-Ikone Katharina Witt ein, im Gegenzug schaute sich Dietrich ein Frauenspiel an. Ihm fiel auf, dass keine Werbebanden vorhanden waren, „ich habe dann den ersten Werbepartner besorgt“.

Der Frauenfußball fristete noch ein Mauerblümchendasein, wurde oft belächelt und gerne verspottet. 1989 hatten deutsche Nationalspielerinnen für den EM-Titel das berühmte Kaffeeservice bekommen, und bis weit in die 90er-Jahre fragten die männlichen Besucher, ob ein Trikottausch stattfinden würde. Der 1. FFC Frankfurt bekämpfte solche Vorurteile einfach dadurch, dass er mit seiner Doppelspitze Staab und Dietrich ein Vorreiter für die Professionalisierung war. Mit Dietrich kamen nicht nur Sponsoren, sondern auch Pressekonferenzen und Vip-Räume

Die Eigenständigkeit und der Umzug ins Stadion am Brentanobad bildeten die Basis, sich sportlich und wirtschaftlich abzusetzen. Dietrichs Geschäftsprinzip war recht simpel: Als Investor pachtete er vom Verein die Vermarktungsrechte und garantierte dafür ein jährliches Budget. Dazu vermarktete er die besten Spielerinnen: In seinem Büro gaben sich die bekanntesten deutschen Nationalspielerinnen die Klinke in die Hand.

Die Neider, und von denen hatte Dietrich viele, gingen auch schon mal unter die Gürtellinie, als beispielsweise in Potsdam ein Fahndungsbrief auftauchte. Abgebildet war Dietrichs Konterfei hinter Gittern. Drauf stand: „Gesucht wegen Mädchenhandel“. Doch die Behauptung vom zusammengekauften Team stimmte nur teilweise, weil viele Spielerinnen aus Frankfurt und Umgebung kamen: Steffi Jones verbrachte mit Unterbrechungen 15 Spielzeiten am Main. Birgit Prinz blieb 13 Jahre, Pia Wunderlich und ihre Schwester Tina Wunderlich sogar 16. Auch Renate Lingor oder Nia Künzer trugen mehr als ein Jahrzehnt das FFC-Trikot. Die meisten waren im Teenageralter zu einem Verein gewechselt, der beinahe jedes Jahr seinen Briefkopf änderte.

Die vom 1. FFC Frankfurt und seinem langjährigen Gegenspieler Turbine Potsdam geprägten Machtverhältnisse änderten sich erst, als Männer-Lizenzvereine wie der VfL Wolfsburg und Bayern München ihre Anstrengungen intensivierten. Dietrich hatte solch Engagement immer gefordert, nun musste sein Verein eine neue Rolle finden. Talententwicklung war in jüngerer Vergangenheit oberste Prämisse, die Meisterschaft aber seitdem auch in weiter Ferne.

Schon vor Jahren begann Dietrich die Bereitschaft bei der Eintracht auszuloten, die zwei Marken zusammenzuführen. Ihm kam dann zupass, dass sich Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic einst als elftes Gründungsmitglied eingetragen hatte – und spätestens mit der Frauen-WM 2019, die in vielen Ländern Europas ein viel größerer Erfolg war als in Deutschland, sich auch die Debatte in eine Richtung verlagerte, dass Profiklubs eigentlich eine gesellschaftliche Verpflichtung besitzen, Männer wie Frauen eine Perspektive zu bieten.

Den herausragenden Standort „in einem veränderten Wettbewerbsumfeld zu erhalten, sehen wir für Frankfurt und Hessen, aber auch für den deutschen Spitzenfußball als wichtige Aufgabe an“, sagt denn auch Hellmann zum Zusammenschluss mit. Der PR-Stratege weiß, dass das auch etwas kosten wird. Über kurz oder lang muss sich der bisherige Etat (1,6 Millionen Euro) mindestens verdoppeln. VfL Wolfsburg und Bayern München haben ihren Führungsanspruch für mindesten zwei Jahre mit ihren Personalplanungen zementiert.

Gerade in München werden gewaltige Anstrengungen unternommen, sogar die Nummer eins von Europa zu werden. Frankfurt wäre erstmal damit zufrieden, sich als dritte Kraft in Deutschland zu positionieren. Dieser öffnet nächste Spielzeit die Hintertür, sich für die Königsklasse zu qualifizieren, die bald mit Gruppenphase veranstaltet wird. Den internationalen Anspruch könnten die Eintracht-Frauen dauerhaft vermutlich sogar leichter als die Männer erfüllen.

DFB-Präsident Fritz Keller sieht eine Signalwirkung für Deutschland. „Ich hoffe, dass weitere Klubs dem Vorzeigemodell der beiden Frankfurter Vereine folgen und dadurch den Frauenfußball sportlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich voranbringen.“ Dietrich verweist auf die prominenten Beispiele „in England, Frankreich, Spanien und bald auch in Italien“. Er wird künftig der Generalbevollmächtigte für den Frauen- und Mädchenfußball in der Eintracht Frankfurt Fußball AG sein. Die meisten Mitarbeiter des FFC-Funktions- und Organisationsteams werden im neuen Eintracht-Konstrukt übernommen. Auch Trainer Niko Arnautis (erste Mannschaft) und Trainerin Kim Kulig (zweite Mannschaft) bleiben verantwortlich.

Was die Zielsetzung angeht, sagt Dietrich: „Natürlich wollen wir oben anklopfen und sobald wie möglich auch wieder international spielen. Klar ist aber, dass wir einen organischen Entwicklungsprozess anstreben und nichts überstürzen.“ Das Gerüst soll das entwicklungsfähige Team mit den Jung-Nationalspielerinnen Sophia Kleinherne, 20 Jahre, und Laura Freigang, 22, bilden, ferner sind Sjoeke Nüsken, 20, und Tanja Pawollek, 21, längst im Blickfeld der Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg („Ich bin mir sicher, dass die Eintracht und der FFC unter einem Dach Großes schaffen werden“). Auch Shekiera Martinez, 18, und die oft verletzte Theresa Panfil, 24, besitzen genügend Talent.

Auf der Wunschliste sollen die slowenische Angreiferin Lara Prasnikar (Turbine Potsdam) und die österreichische Abwehrspielerin Virgina Kirchberger (SC Freiburg) stehen. Und dann ist da ja noch die deutsche Nationaltorhüterin Merle Frohms, deren Wechsel bereits fix sein soll. Auch für die Freiburger Torfrau ist das Spiel am Sonntag daher ein Besonderes, weil Abschied und Aufbruch zugleich.

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