Ist Mitglied des FSV Frankfurt: Goran Culjak, der neue Kreisschiedsrichterobmann aus Frankfurt.
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Ist Mitglied des FSV Frankfurt: Goran Culjak, der neue Kreisschiedsrichterobmann aus Frankfurt.

Ganz nah dran

Frankfurter Kreisschiedsrichterobmann über Gewalt im Amateurbereich und die Corona-Krise

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Der Frankfurter Kreisschiedsrichterobmann Goran Culjak über die Herausforderungen in Zeiten der Gewalt im Amateurbereich, der Digitalisierung und der Corona-Krise.

  • Goran Culjak ist Frankfurter Kreisschiedsrichterobmann
  • Große Herausforderungen in Zeiten der Gewalt im Amateurbereich
  • Culjak über Digitalisierung und die Corona-Krise

Frankfurt - Normalerweise ist Goran Culjak fast jedes Wochenende auf den Sportplätzen unterwegs – meistens im Frankfurter Westen. „Ich meide Fitnessstudios“, sagt er lachend. „Ich bewege mich lieber an der frischen Luft.“ Seit vielen Jahren beobachtet und begleitet der 44-Jährige die Schiedsrichterneulinge, wenn sie ihre ersten Schritte mit der Pfeife in der Hand bei Jugendfußballspielen machen. Er gibt ihnen Ratschläge, wie sie sich verhalten sollen, wenn mal jemand aus der Reihe tanzt, bespricht die getroffenen Entscheidungen mit ihnen und zeigt einfach, das jemand da ist, der sich um sie kümmert und ihre Arbeit wertschätzt. Ab und zu pfeift er auch noch selbst, zuletzt im Februar ein Spiel in der D-Jugend.

Kreisschiedsrichterobmann: Goran Culjak wurde frisch gewählt

Seit der Hessische Fußball-Verband (HFV) den Spielbetrieb wegen der Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie bis auf Weiteres eingestellt hat, „gibt es auch für mich nichts mehr zu tun im Moment“, sagt Culjak, der am 21. Januar zum neuen Kreisschiedsrichterobmann gewählt wurde. Zuvor war er 14 Jahre lang stellvertretender Vorsitzender des mittlerweile 330 Mitglieder zählenden Kreis Frankfurt.

Für viele Studenten und Jugendliche, die sich damit ein Taschengeld verdienen, fällt eine Einnahmequelle aus. „Sie schreiben mir und fragen, wann es denn weitergeht“, berichtet der Kroate. Eine zufriedenstellende Antwort kann er ihnen nicht geben. Er hält aber einen kompletten Abbruch der Saison für wenig sinnvoll. „Ich finde, man kann die Sommerferien nutzen, weil sowieso kaum jemand in den Urlaub fliegen kann“, sagt Culjak. Natürlich immer unter der Voraussetzung, die aktuelle Lage lässt es zu.

Die Lage der Schiedsrichter war besonders Ende des vergangenen Jahres in aller Munde. Zahlreiche gewaltsame Ausfälle gegenüber Unparteiischen hatten den Fokus auf die Arbeit der Männer und Frauen an der Pfeife gelenkt. Die Frankfurter Schiedsrichter hatten im April 2018 für ein Wochenende gestreikt, um auf die Probleme auf den Sportplätzen aufmerksam zu machen. „Seitdem hat sich aber nicht viel verändert“, moniert Culjak, der den Streik damals mit vorangetrieben hatte.

Das größte Ärgernis für ihn ist, dass Schiedsrichter brav ihre Sonderberichte schreiben, aber nicht wissen, welche Urteile im Sportgericht herauskommen. Das löst Frust aus und veranlasst einige auch dazu, keine Berichte mehr zu schreiben. „Mein Vorschlag ist, die angefertigten Sonderberichte nach einer Hinrunde zu analysieren, um zu schauen, um was für Fälle geht es und welche Vereine dahinterstecken“, erklärt Culjak. „Dann können wir die gezielt ansprechen.“ Alleine in der D-Jugend seien in den ersten fünf Wochen der Saison 40 Sonderberichte verfasst worden.

Neben den normalen Hinausstellungen seien es vermehrt Zuschauer und Trainer, die wegen Pöbeleien des Platzes verwiesen werden. Culjak findet es bedenklich, dass Spieler, die wegen Gewalt bei dem einen Verein rausfliegen von einem anderen wieder aufgenommen werden. „Dadurch ist die Frankfurter Erklärung aus dem Jahr 2013 obsolet, die die Vereine damals unterzeichnet haben“, sagt Culjak und fordert eine Sünderkartei, um die Wiederaufnahme zu verhindern.

Als Kreisschiedsrichterobmann wird sich Culjak künftig vor allem mit den Sonderberichten im Seniorenbereich kümmern, vorher hat er das im Jugendbereich getan. „Manchmal schreiben wir die auch gemeinsam um, weil einige der deutschen Sprache nicht so mächtig sind“, erklärt der Diplom-Betriebswirt, der als Journalist für den Wirtschaftsnachrichtendienst Platow („Platow-Briefe“) arbeitet.

Culjak ist im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Er ist in Höchst aufgewachsen und hat dort bis zu seinem 23. Lebensjahr für die SG Höchst gekickt. „Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und bin dann Schiedsrichter geworden“, erzählt er. Als Unparteiischer hat er es bis in die Gruppenliga geschafft, als Assistent war er in der Hessenliga aktiv.

Schiedsrichter: Regeländerungen sind Thema

Neben der Gewalt auf dem Platz, sind die vielen Regeländerungen in den vergangenen drei Jahren ein großes Thema unter den Schiedsrichtern. „Alle Unparteiischen auf den Stand im Amateurbereich zu bringen, ist schwierig. Die meisten Spieler kennen die Regeln erst recht nicht“, sagt Culjak. Gerade den älteren Schiedsrichtern falle es schwer, sich an die neuen Vorgaben zu halten und pfeifen dann einfach so, wie sie es immer getan hätten. „Das geht natürlich nicht“, sagt Culjak. Genau wie in der Bundesliga ist auch die Handspielregel ein großes Problem. Klar ist nur, dass bei einem Handspiel vor dem Tor ein Treffer nicht gilt. Aber was ist, wenn ein unabsichtliches Handspiel ein paar Szenen vorher war? Wie hoch war der Arm bei der Berührung des Balles? Einen Videoassistenten oder Zeitlupe gibt es nicht. Und unterhalb der Gruppenliga auch keine Linienrichter, die einem helfen könnten.

Ein weiteres großes Thema ist die voranschreitende Digitalisierung. Angefangen mit dem elektronischem Spielbericht über die Passkontrolle im Internet. „Die klassische Gesichtskontrolle ist im Seniorenbereich weggefallen“, berichtet Culjak, der diese Entwicklung bedauert. Jetzt müssen die Unparteiischen vor jedem Spiel die Ausdrucke, die die Vereine zur Verfügung stellen, mit den Daten aus dem Internet auf einem PC überprüfen. Auch das ist gerade für ältere Schiedsrichter ein Problem, wenn sie nicht besonders technikaffin sind.

Deshalb treibt Culjak in allen Bereichen Fortbildungen voran, um die Qualität der Schiedsrichter zu steigern. Am monatlichen Regeltest haben 60 Prozent der Schiedsrichter schon einmal teilgenommen. „In anderen Kreisen sind das nur 20 Prozent“, sagt er. Der Regeltest sei ein „super Druckmittel“. Denn wer den Test verhaut und in der Gruppenliga oder höher pfeift, bekommt einen Monat kein Spiel zugeteilt. Ferner ist es gut, um sein Wissen aufzufrischen. Dafür ist in der Corona-Krise viel Zeit.

Schiedsrichter: Kooperation mit Lebensmitteldiscounter Lidl

Jetzt macht sich auch die seit mehr als zwei Jahre bestehende Kooperation mit dem Lebensmitteldiscounter Lidl bezahlt, der die Schiedsrichter als Zielgruppe entdeckt habe. „Das ist für Personaler ein angesehenes Hobby“, sagt Culjak. Seit Ausbruch des Virus sucht der Discounter händeringend nach Aushilfen – „und da haben wir einige Jugendliche vermitteln können“, berichtet Culjak.

Durchsetzungsvermögen, Persönlichkeitsentwicklung. Entscheidungen treffen - all diese Eigenschaften sind bei Arbeitgebern gefragt und haben auch Goran Culjak geprägt. Seine Erfahrungen will er auch weiter an die jungen Nachwuchsschiedsrichter weitergeben, „weil es mir einen Riesenspaß macht und es einen Mehrwert für die Neulinge hat“, sagt er. Ein wenig bedauerlich sei, dass es im Kreis Frankfurt nur sieben Schiedsrichterinnen gibt. Aber Mädchen, die beim FFC spielen, würden nun mal in erster Linie Fußball spielen wollen, genauso wie bei der Eintracht oder dem FSV Frankfurt. „Schiedsrichter sind in vielen Vereinen das notwendige Übel“, erzählt Culjak. Für ihn dagegen ist das Pfeifen eine große Leidenschaft, der er demnächst liebend gerne wieder nachgehen würde.

Von Timur Tinç

Unterdessen lehnen die „Fanszenen Deutschlands“ Bundesliga-Geisterspiele ab: „Der Profifußball ist längst krank genug gehört weiterhin in Quarantäne.“

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