Spurtet auch im hohen Alter allen davon: Franck Ribèry (links). verfolgt von Lazios Marco Parolo.
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Spurtet auch im hohen Alter allen davon: Franck Ribèry (links). verfolgt von Lazios Marco Parolo.

Franck Ribéry

Franck Ribéry: Aus Samt und Licht

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Der 37-jährige Franck Ribéry trumpft beim AC Florenz noch einmal groß auf.

Das alles dürfte nicht passieren. Es ist ja eine Frechheit. Wenn es noch halbwegs mit rechten Dingen zugehen würde in dieser Welt, würde nun Chronos auftauchen, der Gott der Zeit, und diesem Franzosen die Füße abbeißen, der ihn da seit Wochen verspottet im lila Trikot des AC Florenz. Franck Ribery ist 37 Jahre alt, das ist das Eine, ein von irdischen Dokumenten belegter Fakt, aber das Andere ist, dass er sich in einen 22-Jährigen zu verwandeln scheint, sobald er einen Fußballplatz betritt.

Gut, neulich war Ribery, der im vergangenen Sommer nach vielen Jahren beim FC Bayern München in die Toskana kam, mal verletzt. Ziemlich lange sogar, einige Monate. Eine Knöchelgeschichte. Aber dann war er wieder gesund, es war Ende Juni, die Corona-Pause im italienischen Fußball beendet, und Franck Ribery lief über den Rasen des Olympiastadions in Rom und machte Sachen, die sich nicht gehören für einen Mann seines Alters. Zwar verlor sein Team, die Fiorentina, am Ende bei Lazio mit 1:2, doch was in Erinnerung blieb von diesem Abend, war Riberys Sololauf in der ersten Halbzeit, als er durch mehrere riesige Römer hindurchtänzelte, um den Ball mit rechts ins Tor zu donnern.

Was ist das? Ein Pakt mit der Unterwelt vielleicht? Hat er dem Teufel seine Seele vermacht, im Tausch gegen Beine geschmiedet aus ewiger Jugend?

Belegt ist dies: Seit sie wieder spielen in der Serie A, der höchsten italienischen Fußballliga, spielt Ribery immer. Acht Mal nacheinander in der Startelf. Am vergangenen Samstag war er mit zwei Torvorlagen Wegbereiter des 2:0-Sieges der AC Florenz gegen den FC Turin, worauf sich die italienische Sportpresse vereint wie selten zeigte in ihrer Bewunderung für den Stürmer. „Riberys Fußball ist reine Poesie. Mit seinen Assists für die beiden Treffer beweist er, dass er zum Dirigenten dieser Mannschaft avanciert ist“, schrieb die „Gazzetta dello Sport“. Bei der „Corriello dello Sport“ hieß es: „Ribery macht trotz seines Alters den Unterschied. Er beschert seiner Mannschaft eine Überraschung nach der anderen“, und „Tuttosport“ dichtete, der Franzose beschere seiner Mannschaft „Licht und Strategie“. Was diese Mannschaft auch schwer nötig hat.

Erst der Sieg gegen Turin sicherte dem Team von Trainer Giuseppe Iachini den Klassenerhalt, zwei Wochen vor dem Saisonende. Das ist natürlich Teil der Wahrheit: Dass es sich bei der Fiorentina um eine sehr mittelmäßige Fußballmannschaft handelt zurzeit, und da fällt es dem genuinen Weltklassespieler Ribery leicht, herauszuragen.

Dann wiederum: Was hat man ihm überhaupt zugetraut, als er von den Bayern kam, die ihn nach mehr als einer Dekade nicht mehr gebrauchen konnten? Wie viel Motivation kann schon vorhanden sein in einem Kopf, der alles erlebt hat im Fußball, wie viel Kraft in einem Körper, in dem fast 20 Jahre Profisport stecken? Der neue Klubbesitzer Rocco Commisso, ein Italoamerikaner, ließ ihn mit angemessenem Pomp vorstellen in diesem Sommer 2019, und da war immerhin klar: Für ein wenig Folklore würde er schon noch gut sein, dieser Ribery, selbst wenn es sportlich nicht funktioniert.

Die Sache mit der Folklore sollte in der Folgezeit allerdings eine spezielle Dynamik annehmen, die man so nur bei großen Spielern erlebt. Natürlich wurde Ribery in Florenz gefeiert, für seine unverwüstliche Grandezza, seine Dribblings und samtenen Pässe. Doch plötzlich, bei einem Auswärtsspiel beim AC Mailand, erhoben sich sogar die Milan-Fans im Giuseppe-Meazza-Stadion von ihren Plätzen, um ihm bei seiner Auswechselung zu applaudieren nach einer Meisterleistung, mit der er die Fiorentina zu einem 3:1-Sieg geführt hatte.

Längst gibt es also keinen Zweifel mehr über Riberys sportlichen Wert für den AC Florenz. „Franck ist ein Phänomen, eine Legende: Mit ihm spielen zu dürfen, ist eine Ehre“, urteilte Patrick Cutrone am Samstag, er hatte als Torschütze von einer Ribery-Vorlage profitiert.

Das wird, sehr wahrscheinlich, auch noch in der kommenden Saison so möglich sein. Riberys mit vier Millionen Euro pro Jahr dotierter Vertrag ist noch bis Juni 2021 gültig, Gedanken an einen vorzeitigen Abschied sind wohl zerstreut. Die waren Ribery vor einigen Wochen gekommen, als Einbrecher während einer Auswärtsreise der Mannschaft in sein Haus einstiegen, alles durchwühlten, Schmuck und Geld entwendeten. Unter ein Video, auf dem er das Chaos dokumentierte, schrieb Ribery bei Instagram: „Was mich in Schock versetzt, ist, dass ich mich jetzt verletzlich fühle.“

Nur nicht auf dem Fußballplatz. Für einen wie Franck Ribery: der sicherste Ort der Welt.

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