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Fanmarsch durch Budapest. Foto: afp
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Fanmarsch durch Budapest.

EM 2021

Fragwürdige Fanmärsche: Wenn der Fußball keine Brücken baut

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Entspannte Fanzone hier, fragwürdige Fanmärsche dort: Vor dem Auftritt des Weltmeisters Frankreich in Ungarn kündigen sich aus Budapest die nächsten verstörenden Bilder an.

Nur anderthalb Kilometer südlich vom Stadtzentrum Budapests, nicht weit weg von der Großen Markthalle, schließt sich an einige trendige Freiluftbars ein besonders entspanntes Public-Viewing-Areal an: Gerade die Einheimischen genießen es, EM-Spiele direkt an der Donau vor der Parkanlage Nehru Part mit Blick auf Gellertberg und Burgpalast zu schauen. Ein besseres Ambiente bei Sonnenuntergang geht kaum. Als die vergangenen Tage hier die Abendspiele Italien gegen Schweiz oder Niederlande gegen Österreich liefen, war trotzdem irgendwo immer noch ein Plätzchen frei, was sich aber ändert, wenn nun Ungarn gegen Frankreich am Samstag (15 Uhr/ARD) antritt.

Dann wird auch Attila Vass nicht mehr alleine auf seiner Holzbank hocken. Der Mitvierziger kam zuletzt täglich mit dem roten Trikot der ungarischen Nationalmannschaft, trank in Ruhe sein Bier – und war erfreut über das, was in Budapest mit der EM entstanden ist. „Vor ein paar Jahren konnten wir unser Jersey in den meisten Fanshops gar nicht kaufen.“ Erst mit dieser EM, für die die Magyaren als Mitausrichter früh mit im Boot waren, habe sich das geändert. „Für uns ist es einmaliges Erlebnis, dass wir dabei sein dürfen.“ Er hätte gerne eine Karte für ein Gruppenspiel erworben; keine Chance, „nach wenigen Stunden war alles ausverkauft.“ Aber nun freut er sich, wie viele Landsleute die Public-Viewing-Angebote entdecken, um Fußball zu erleben und Kontakte zu knüpfen.

„Ihr in Deutschland hattet euer Sommermärchen 2006“, sagt er, verweist zusätzlich auf die WM 1974 oder EM 1988, „und bald kommt die ganze Euro zu Euch – wir sind nur dieses eine Mal dabei.“ An der These ist was dran. Trotzdem hat die Pandemie so manche Perspektive verändert: Und da kündigen sich jetzt gleich die nächsten verstörenden Bilder aus Budapest an. Wie schon vor dem Portugal-Spiel wollen sich drei Stunden vor Anpfiff rund 25 000 Fans am Heldenplatz treffen, um durchs Stadtwäldchen zur Puskas-Arena zu marschieren. Vermutlich wieder ohne Abstand, ohne Maske – aber mit Bier und Böllern. Der fragwürdige Fanmarsch steht im krassen Gegensatz zu den entspannten Fanzonen, wird indes von den nationalen Behörden genehmigt. Dass es international dafür keinen Beifall gibt, sondern Kritik hagelt, versteht sich von selbst.

Wobei selbst Bundesligaspieler wie Roland Sallai den Support im Stadion grundsätzlich gutheißen. „Was die Fans am Dienstag gemacht haben, ist schwer zu beschreiben. Sie haben uns einen riesigen Schub gegeben. Sie haben alles gegeben, wir haben alles gegeben – am Samstag geht’s weiter“, sagte der Stürmer vom SC Freiburg. Peter Gulacsi, Torwart von RB Leipzig, sprach von einem „einmaligen Erlebnis“. Letztlich waren gegen den Europameister aus unerfindlichen Gründen fast 12 000 der 67 155 roten Schalensitze leer blieben, obwohl alle Tickets verkauft waren.

Politisch gespalten

Ganz egal wie die „No-Show-Rate“ gegen den Weltmeister ausfällt, mutiert das monumental anmutende Nationalstadion erneut zum Testlabor, bei dem sich geimpfte, genesene oder getestete Besucher:innen zwangsläufig nahekommen. Die Debatte über den ungarischen Sonderweg führt schnell zum umstrittenen Ministerpräsidenten Viktor Orban, der die Vollauslastung im einzigen EM-Spielort bereits im Frühjahr versprach. Der rechtsnationale Fidesz-Politiker hat speziell in der Hauptstadt unter jungen Leuten viele Kritikerinnen und Kritiker, die lieber zu dem 2019 gewählten, linksliberal-grün eingestellten Oberbürgermeister Gergely Karácsony halten. Der Austausch kann selbst unter Einheimischen schnell in einer Sackgasse enden.

Budapest scheint in politischen Fragen so gespalten wie die Stadt selbst. Seit Mittwoch ist die Verbindung zwischen dem westlichen, bergigen Part Buda und dem östlichen, flachen Teil Pest gekappt. Die berühmte Kettenbrücke muss wegen Sanierungsarbeiten mindestens anderthalb Jahre gesperrt bleiben – ein Erschwernis für eine Hauptstadt, in der der Fußball gerade nicht nur Brücken baut.

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