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Florian Kohfeldt nahm in Köln den Trainerpreis entgegen.

Florian Kohfeldt

Rein ins Rampenlicht

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Mit der Auszeichnung zum Trainer des Jahres steigert Florian Kohfeldt noch einmal seine Popularität.

Die Anekdote aus seiner Jugendzeit kann Florian Kohfeldt fast schon nicht mehr hören. Ihm werde die Geschichte zu hoch gehängt, erzählte der Trainer von Werder Bremen, kürzlich beim Besuch im Hamburger Fernsehstudio beim NDR-Sportclub. Dabei ist es ja durchaus ein Kompliment, wenn ein zwölfjähriger Torwart einer Jugendmannschaft nach einer 0:5-Niederlage die Handschuhe auf den Boden wirft, den Platz verlässt und sich dann später hinsetzt, um seinem Trainer auf neun handgeschriebenen Seiten detailliert darzulegen, was alles besser gemacht werden müsste, um nicht immer den Kasten vollzubekommen. Gefällt keinem Keeper der Welt.

Beim TV Jahn Delmenhorst sind sie immer noch stolz, dass sich das damals so zugetragen hat, aber der mittlerweile in der Bundesliga etablierte Fußballlehrer will das vielleicht auch deshalb nicht mehr wiedergekäut wissen, weil er dabei zu sehr als Besserwisser rüberkommt. Ist er aber gar nicht. Der 36-Jährige hätte nicht am Donnerstagabend in feierlicher Runde in Köln den Trainerpreis des deutschen Fußballs 2018 erhalten, wenn er nicht zu den Vertretern gehören würde, die ohne den allwissenden Anspruch ihren Job erledigen.

Der Bremer Cheftrainer, erzählen enge Weggefährten, hört gerne zu, nimmt Ratschläge an, speist andere Meinungen ein. Und dann kommt in der reflektierenden Rückschau auch mal heraus, dass dieses oder jenes bei ihm nicht so gut gelungen ist. So ist der gebürtige Siegener, der in jungen Jahren bereits in die Vorstadt Delmenhorst kam, inzwischen der Ansicht, dass er sich beispielsweise beim turbulenten Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt am zweiten Rückrundenspieltag (2:2) nicht gerade vorbildlich verhalten hat. Sein ständiges Gemecker am Spielfeldrand brachte ihm damals ein Tribünenverweis ein. Seine entglittenen Gesichtszüge in Jürgen-Klopp-Manier, sein Tänzchen wie Rumpelstilzchen, gestand er kürzlich, hätten ihn selbst erschreckt. Sein Versprechen: „Das kommt nicht mehr vor.“

Dafür haben Trainer und Mannschaft auch noch zu viel vor. Mit dem Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 (Samstag 15.30 Uhr) beginnt für den SV Werder eine Woche der Wahrheit. Darauf folgt das DFB-Pokalviertelfinale beim FC Schalke 04 (Mittwoch 20.45 Uhr), und das die Bremer ja selbst proklamiert haben, möglichst nach dieser Saison wieder europäisch spielen zu wollen, wären zwei Siege in Liga und Pokal ganz dienlich.

Schließlich gilt es nach den Brüdern Maximilian und Johannes Eggestein, deren Vertragsverlängerung in Kürze verkündet werden dürfte, ja auch Max Kruse zu halten. Der 31-Jährige hat sich mit seinen grandiosen Leistungen bei einem auslaufenden Vertrag in beste Pokerposition gebracht. Sollte Kapitän Kruse an der Weser bleiben, hätte auch Kohfeldt seinen Anteil, der dem Allesmacher vom ersten Tag für seine Mission mit ins Boot nahm – ihm viele Freiheiten gewährte, ihm aber auch Forderungen stellte. Die zwischenmenschliche Komponente kommt bei ihm definitiv nicht zu kurz. Der persönliche Handschlag vor jedem Gespräch ist ihm wichtig.

Ihm kommt für seine Bodenständigkeit zupass, dass er als aktiver Torhüter nur ein begrenztes Talent besaß. Dritte Mannschaft bei Werder Bremen, Bremen-Liga – höher ging es nicht hinaus. Der Trainerberuf fesselte ihn früh, weil ihm seine Fähigkeiten – analytische Herangehensweise mit sozialer Kompetenz zu verbinden – halfen. Nach der Trennung von Viktor Skripnik durfte dessen Assistent Kohfeldt bleiben und bekam die zweite Mannschaft, um nach dem Irrtum mit Alexander Nouri im November 2017 die Profis zu übernehmen. Sein Einstand gab er mit einer 1:2-Niederlage bei Eintracht Frankfurt - die Grün-Weißen waren damals siegloser Vorletzter. Seitdem hat sich das Team mit gar nicht groß veränderter Besetzung unter diesem Trainer vor allem fußballerisch deutlich weiterentwickelt.

DFB-Präsident Reinhard Grindel stellte an Kohfeldt sein Gespür „für die Entwicklung von Talenten und genauso den Umgang mit älteren Spielern, die als nicht immer pflegeleicht gelten“, heraus. Direktor Oliver Bierhoff pries ihn als „Glücksfall und Sympathieträger für Werder Bremen“. Der passendste Spruch fiel allerdings dem Bremer Aufsichtsratsvorsitzenden Marco Bode ein: „Didi Hamann lobt ihn, meine Frau mag in – er muss ein Guter sein.“

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