+
Darf den Blick gut gelaunt nach oben richten: Werder-Trainer Florian Kohfeldt.

Werder Bremen

Florian Kohfeldt, lächelnder Bessermacher

  • schließen

Werder Bremen ist nach einem Jahr unter Trainer Florian Kohfeldt wieder eine Bundesliga-Adresse mit Wiedererkennungswert und steht nicht zufällig weit oben.

Bei seiner Bundesliga-Premiere vergrub Florian Kohfeldt häufiger die Hände in den Hosentaschen. Das sah damals, am 3. November vergangenen Jahres, ein wenig ulkig aus, denn an jenem Freitagabend bewegte sich der junge Fußballlehrer wie ein unruhiger Geist in seiner Coaching Zone auf und ab. Er spürte, dass seine neue Mannschaft, der nach zehn Spieltagen noch sieglose Bundesligist SV Werder, gerade im Frankfurter Stadtwald drauf und dran war, sein Debüt im Oberhaus zu vergeigen. Und so kam es: Sébastien Haller traf in der 89. Minute zum 2:1-Siegtreffer für die Eintracht gegen nachlassende Bremer. Werder blieb Vorletzter, und Vorzeigefigur Max Kruse konstatierte knochentrocken: „Wir haben endlich wieder mal Fußball gespielt, aber dafür können wir uns nichts kaufen.“

Kurz darauf übermittelte Geschäftsführer Frank Baumann, der nach Alexander Nouri und Viktor Skripnik den dritten Trainer von der zweiten Mannschaft erst einmal nur vorläufig befördert hatte, verklausuliert die Botschaft: Nur mit Siegen erhält das Eigengewächs auf der Bundesliga-Trainerbank ein Bleiberecht. Dieser Blick zurück ist auf den Tag ein Jahr später lohnend, um in der von hektischen Entschlüssen und vorschnellen Urteilen durchzogenen Branche eine der wohl bemerkenswertesten Entwicklungen beschreiben zu können.

Kohfeldt hat nunmehr in 34 Spielen unter seiner Anleitung 54 Punkte gesammelt. Nur Bayern München und Borussia Dortmund waren im besagten Zeitraum besser, und wenn der SV Werder am Sonntag (18 Uhr) beim FSV Mainz 05 antritt, dann als Favorit und Tabellensechster. Die Bremer haben den Kader mit der zweitgrößten Bundesligaerfahrung und dem zweithöchsten Durchschnittsalter nach den Bayern.

Anwärter auf die Europapokalplätze

Ein Anwärter für die Europapokalplätze sind sie auf alle Fälle, auch wenn die individuelle Qualität so mancher Mitbewerber höher erscheint. Doch an der Weser wächst gerade was zusammen. Die mittlerweile geschickte Transferpolitik des anfänglich von außen mit Vorbehalten bedachten Managers Baumann ist die eine Begründung für die Auferstehung. Die von einem offensiven Ansatz gekennzeichnete Arbeit des erst 36 Jahre alten Trainers die andere.

Vergleiche mit dem einst für die halbe Liga als Vorbild dienenden Duo Klaus Allofs und Thomas Schaaf sind zwar in vielerlei Hinsicht nicht mehr zeitgemäß, aber Kohfeldt war nicht dagegen, dass der Ehrenspielführer Baumann den ehemaligen Erfolgstrainer Schaaf als Technischen Direktor einbindet. Er selbst ist ja ohnehin viel kommunikativer – und holt sich gerne auch mal einen Rat ab. Er sei aber derjenige, der sich bei Schaaf meldet. Etwa um die Sichtweise zum Königstransfer Davy Klaassen einzuholen, der im Sommer für die Rekordablöse von 14 Millionen Euro kam. So viel Geld hatten die Hanseaten nicht mal annähernd in den Champions-League-Hochzeiten für ihre teuersten Stars ausgegeben. Doch Klaassen gibt zusammen mit dem Überflieger Maximilian Eggestein und dem zum Kapitän beförderten Allesmacher Kruse die grün-weiße Herzkammer.

Der am üppigsten besetzte Mannschaftsteil ist der Angriff, für den sage und schreibe zehn Profis parat stehen. Vom bislang noch versteckten US-Toptalent Josh Sargent bis zum beliebten Altstar Claudio Pizarro, der in Bremen eigentlich alles erlebt hat. Vieles ist jedoch anders als früher, als Pizarro noch von Artisten wie Diego oder Mesut Özil in Szene gesetzt wurde.

Werder spielt wieder nach vorn, zieht sich aber auch gerne zurück. Anders als unter Schaaf ist die Taktik nicht ausrechenbar. Statt der störanfälligen Raute im 4-4-2 vertraut Kohfeldt meist einem flexiblen 4-3-3. Zweimal probierte der im Verein für seinen respektvollen Umgang mit allen handelnden Personen geschätzte Trainer in dieser Saison eine Dreierkette aus – beide Mal ging die Ausrichtung gegen den VfB Stuttgart (1:2) und kürzlich gegen Bayer Leverkusen (2:6) gewaltig schief.

Kohfeldts Lernprozess

Es spricht für den Lernprozess, dass Kohfeldt sich Fehler eingesteht, dann aber doch nicht mit allen Prinzipien bricht. Es wäre ja ein Leichtes gewesen, die am vergangenen Sonntag überforderte Bayern-Leihgabe Marco Friedl erst einmal rauszunehmen. Doch der Jahrgangsbeste des Fußballlehrerlehrgangs 2015 stellte den 20-jährigen Österreicher gleich wieder am Mittwoch im DFB-Pokal gegen Weiche Flensburg (5:1) auf. So gehen Überzeugungstäter vor. Der Mann muss nicht schreien, um sich Gehör zu verschaffen; er muss sich nicht verstellen, um zu überzeugen. Natürliche Autorität und angeborene Authentizität sind sein Faustpfand. Öffentlich kommt er sogar als lächelnder Bessermacher rüber.

Für die vom jahrelangen Abstiegskampf genervten Verantwortlichen wie Aufsichtsratschef Marco Bode und Vorstandsboss Klaus Filbry ist dieser im eigenen Verein ausgebildete Sympathieträger neuerdings ein Glücksfall, weshalb es gar nicht schnell genug gehen konnte, ihn und sein Team, zu dem der ehemalige Nationalspieler Tim Borowski gehört, bis 2021 zu binden. Einen Karriereplan verfolgt der mit einer Engländerin verheiratete Familienvater angeblich nicht. „Wenn es Werder möchte, bin ich so lange hier. Die Aussage steht und wird so bleiben.“ Da kann ihn Pizarro gerne mit Pep Guardiola vergleichen.

Derzeit deutet wenig darauf hin, dass Kohfeldt sich die besserwisserische Attitüde mancher Kollegen angewöhnt. Vielleicht weil er weiß, dass sein Talent als Torhüter nicht über die dritte Werder-Mannschaft, Bremen-Liga, hinauskam. Gegenüber seiner Entwicklung als Trainer verspürt er daher Dankbarkeit. „Wenn ich heute U15-Coach bei Werder wäre, dann wäre ich auch super-glücklich“, sagte er der „Sportbild“. Dann dürfte er sich auch den ganzen Tag mit Fußball beschäftigen. „Jetzt ist es einige Stufen weiter nach oben gegangen.“ Sogar mit Händen in den Taschen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion