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Gigantismus: Die Kopie des Champions-League-Pokals steht vor der Sophienkathedrale.

Champions League

Flirrendes Finale zwischen Real und Liverpool

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Das Duell zwischen Real Madrid und FC Liverpool verspricht im Champions-League-Endspiel von Kiew beste Unterhaltung - auch, weil sich so viele Gegensätze begegnen.

Mitunter verdichtet sich der Vorlauf zu einem großen Fußballspiel auf wenige Quadratmeter Trottoir. Was dieser Tage in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zwangsläufig passiert, weil die zum Champions-League-Finale zwischen Real Madrid und FC Liverpool (Samstag 20.45 Uhr/ZDF) errichtete Fanzone alle Dimensionen sprengt. Direkt auf dem Prachtboulevard Kreschtschatik bleibt dem gemeinen Fußvolk am Rande gerade noch eine Torraumbreite Platz. Begegnungen auf engstem Raum sind dann unvermeidlich: Fliegende Händler versuchen, ihre Imitationen von Fanschals an gerade eingetroffene spanische Fußball-Touristen loszuwerden. Für 500 Griwna, etwa 15 Euro. Was wenig klingt, ist ein Tageslohn. Das durchschnittliche Monatseinkommen in der Ukraine liegt bei 10.000 Griwna, rund 300 Euro.

Die englischen Fans im gleich neben dem Kiewer Stadtrat gelegenen Restaurant stören die überteuerten Preise nicht. Hauptsache Flüssigkeit, um die Kehlen zu ölen. Der LFC-Song, in dem Roma, Barcelona und Real verhöhnt werden, ertönt in Endlosschleife. Die Bedienungen ertragen die schrägen Gesänge geduldig, denn so viel Umsatz winkt wohl nie wieder. Mag Bürgermeister Vitali Klitschko ansonsten das Sagen haben, jetzt gibt für ein Wochenende der Fußball den Ton an.

Die Männergruppen verlieren nur den Fokus, wenn mal wieder junge ukrainische Frauen in kurzen Röcken und gewagten Stilettos vorbeiflanieren. Spätestens am heutigen Abend hat die Kicker-Karawane jedoch nur noch eines im Sinn: das Endspiel im herausgeputzten Olympiastadion, nur anderthalb Kilometer Fußweg vom Unabhängigkeitsdenkmal am Maidan entfernt. Die Beflaggung mit den Logos der Uefa-Sponsoren und den Konterfeis der Stars weist die Richtung.

Die Konstellation hätte kaum besser sein können: Der spanische Rekordmeister kann seinen 13. Titel in der Königsklasse („Decimotercera“) vereinnahmen, den vierten binnen fünf Jahren, den dritten in Folge. Der englische Traditionsverein hat zwar fünfmal den wichtigsten Vereinswettbewerb gewonnen, aber das letzte Mal ist verdammt lang her. 2005. Damals traf noch Dietmar Hamann.

Es ist ein Aufeinandertreffen zweier Trainer, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Hier der Genius Zinedine Zidane, eher still, bedächtig, ruhend. Seine Aura definiert sich auch über sein aktives Tun als Weltklassespieler. Ein Mitnehmer. Dort der Entertainer Jürgen Klopp, mitunter vorlaut, witzig, leidenschaftlich. Seine Autorität speist sich auch aus der Empathie eines Fußballlehrers, der als Zweitligakicker eher hölzern wirkte. Ein Mitreißer. Hungrig auf den Henkelpott sind sie beide.

„Wir werden unseren Titel mit allem, was wir haben, verteidigen“, verspricht der 45-jährige Zidane. Die Generation um den Kapitän Sergio Ramos, den brasilianischen Weltklasseverteidiger Marcelo, den Taktgeber Toni Kroos oder die Tormaschine Cristiano Ronaldo würde sich in die Annalen verewigen. Auf den Punkt eine unerschütterliche Coolness an den Tag zu legen, stellt das Qualitätsmerkmal dieses in großen Spielen kaum zu bezwingenden Kollektivs. „Wir haben die einzigartige Chance, zu Legenden zu werden“, sagt Anführer Sergio Ramos. Genau wie der 32 Jahre alte Kapitän haben auch die Ü30-Kräfte Luka Modric, Karim Benzema und nicht mal Cristiano Ronaldo eine Garantie, diese Bühne noch so oft zu bespielen.

Mit Isco, Lucas Vazquez oder Marco Asensio sind die (spanischen) Nachfolger zwar schon umfänglich eingebunden, aber ohne globale Aushängeschilder kommen die Königlichen nicht aus. Und so würde ein verlorenes Endspiel gleich mal die Debatte mit befeuern, ob Präsident Florentino Perez nicht doch absurde Summen in die Hand nimmt, um Superstar Neymar zu locken. Im Gegenzug müsste dann vielleicht sogar Ikone Ronaldo das gelobte Madrid verlassen. Aber das ist Zukunftsmusik.

Liverpools Teammanager Klopp sieht „elf Weltklassespieler“ in Reals Reihen. „Wir versuchen uns in eine Verfassung zu bringen, in der wir komplett an uns glauben“, verkündet der 50-Jährige. Sein Team mit dem überragenden Angriffstrio Mohamed Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino hat sich mit dem Finaleinzug selbst übertroffen. Die meisten Akteure sind im besten Alter, ihr Trainer hat viele besser gemacht. Was sich in der Wucht zeigte, mit der die „Reds“ in den Hinspielen der K.o.-Runde an der Anfield Road erst Manchester City, dann AS Rom überrannten.

Das Limit für diese Art Vollgasfußball scheint eher körperlicher Natur. Gerade das Mittelfeld um den 32 Jahren alten James Milner, Kapitän Jordan Henderson und den Niederländer Georgino Wijnaldum arbeitet unermüdlich. Hier liegt die Herzkammer einer Pressingmaschine, die auch im Finale zwangsläufig angeworfen wird. „Wenn wir spielen wie Juventus Turin, sind wir verloren“, meint Klopp. Sollte sein Team das Endspiel tatsächlich verlieren, müsste der Klub trotzdem gar nicht so viel anders machen.

„Silbermedaillen hängen sie auch in Melwood nicht auf“, sagt der Trainer zwar, aber zur Abschlusszeremonie würden sich alle seiner Protagonisten auch als zweiter Sieger angemessen verhalten. Und natürlich im Sinne des Fairplay für den Sieger artig Spalier stehen. Gehört sich nämlich so. Es sei denn, man unterliegt als FC Bayern in einem großen Fußballspiel. Aber die Münchner haben um Kiew glücklicherweise einen noch größeren Bogen gemacht als die Bewohner hier gerade um die Fanzone.

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