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Assistent und Chef: Hansi Flick (r.) mit Joachim Löw.

DFB Nationalmannschaft

Flick: "Helmes wäre ein Kandidat"

Joachim Löws Co-Trainer Hansi Flick erklärt im Interview, was die Nationalmannschaft noch lernen muss, warum es an Stürmern mangelt und welchen Spieler von Österreichs er gerne im Kader hätte.

Hansi Flick bittet zum Interview an einen Tisch unter einem Schatten spendenden Baum oberhalb des Trainingsplatzes an der Sportschule Barsinghausen. Der Assistenztrainer von Joachim Löw erklärt, wie der Spielstil der Nationalmannschaft bis zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien entwickelt werden soll. Zwischendurch schaut der Bundestrainer zum Smalltalk vorbei. Und es wird deutlich: Löw und Flick haben die heftige Kritik nach dem EM-Aus gemeinsam verarbeitet.

Herr Flick, was von dem, was Sie im Training vor allem in Pressing-Situationen geübt haben, haben Sie gegen die Färöer gesehen?

Es war schon einiges zu erkennen. Aber mit zwei, drei Trainingseinheiten ist es natürlich nicht getan. Wir haben noch viel Detailarbeit vor uns.

Vor der EM haben Sie erklärt, die vordringliche Aufgabe sei es, Lösungen mit dem Ball für die letzten 30 Meter vor dem gegnerischen Tor zu finden. Jetzt ist plötzlich das Spiel gegen den Ball das große Thema. Wieso?

Das Spiel gegen den Ball ist immer ein Thema. Genauso wie das Spiel im letzten Drittel. Es geht um das Umschaltverhalten. Bei Ballverlust sollen unsere Spieler den Gegner sofort attackieren und nicht erst 30, 40 Meter zurücklaufen, um dann in Ruhe in ihre normale Ordnung zu finden und das Spiel zu verwalten. Das wollen wir nicht. Der Ball soll möglichst in fünf bis acht Sekunden wieder erobert werden.

"Es muss perfekt abgestimmt sein"

Das ist bei Borussia Dortmund seit zwei Jahren das große Thema, beim FC Barcelona schon lange. Warum bei der Nationalmannschaft erst jetzt?

Bis zur Weltmeisterschaft 2010 ging es bei uns eher darum, den Gegner erst kurz vor der Mittellinie zu attackieren. Seinerzeit waren die Voraussetzungen andere: Wir hatten viele Ausfälle, da wollten wir erst einmal in der Defensive gut stehen und dann schnell umschalten. Das hat die Mannschaft gut gemacht. Inzwischen hat sich vieles geändert, wir sind Zweiter in der Fifa-Weltrangliste und die Gegner wissen: Wenn wir Platz haben, wird es gefährlich. Also geben sie uns den Platz nicht mehr.

Deshalb wurden die Schwerpunkte im Training verschoben?

Genau. Es ist auch eine Frage der Mentalität, sich nicht damit zufriedenzugeben, erst mal hinter den Ball zu kommen und dann mal abzuwarten, was passiert. So habe ich den Fußball noch gelernt.

Wer gibt das Kommando? Miro Klose vorn, Sami Khedira weiter hinten?

Ein typisches Signal ist es, wenn der Stürmer vorne draufgeht. Das müssen die Spieler dahinter erkennen. Es muss perfekt abgestimmt sein. Der vordere Spieler, der den ballführenden Mann anläuft, muss das so tun, dass der Gegner nur noch eine Richtung als Abspielmöglichkeit besitzt (Flick nimmt Wassergläser zur Hilfe und verschiebt sie auf dem Tisch). Wenn er links zumacht, müssen alle anderen nach rechts reinrücken und dort die Räume schließen. Da müssen alle mitmachen.

Wieso finden Sie nur einen ? noch dazu 34-jährigen ? Stürmer für Ihren Kader, nachdem Mario Gomez verletzt ausgefallen ist?

Gute Frage. Weil derzeit niemand sonst in unser Positionsprofil passt. Patrick Helmes wäre noch ein Kandidat, aber er hat sich leider die Kreuzbänder gerissen. Schauen Sie sich in der Bundesliga um: An typischen Zentrumsstürmern mangelt es, jedenfalls an solchen mit deutscher Nationalität.

"Mario Gomez macht das sehr gut"

Als Kind schießt man doch immer gern Tore. Warum gibt es so wenig hochklassigen Stürmer-Nachwuchs?

Vielleicht auch deshalb, weil es inzwischen andere Vorbilder gibt. Mein Vorbild war Gerd Müller …

… der deutsche Rekordtorjäger, der in 62 Länderspielen 68 Tore erzielt hat.

Heutzutage heißen die Vorbilder Mesut Özil, Marco Reus, Mario Götze, Lionel Messi. Denen eifern die meisten Kids nach.

Alles Spieler, die lieber aus der zweiten Reihe kommen, genau wie Cristiano Ronaldo.

Ja, das ist der Trend: technisch starke Spieler, die mit dem Ball viel anfangen können. Aber einen Dzeko, Ibrahimovic oder Drogba hat natürlich auch jede Mannschaft gern dabei, und Mario Gomez macht das sehr gut.

Hat Stefan Kießling keine Perspektive?

Stefan kann einer Mannschaft sehr viel geben, auch dank seines kämpferischen Einsatzes. Er macht das in seinem Verein sehr gut und steht wie einige andere Spieler aus Leverkusen weiterhin unter Beobachtung.

Drängt sich denn kein Talent auf? Esswein, Volland, Polter, Schieber?

Alles gute Jungs, aber sie sind noch jung und müssen sich noch weiter beweisen.

Gibt es einen Spieler Österreichs, den Sie gern im Kader hätten?

Österreich hat inzwischen sehr, sehr gute Spieler. Christian Fuchs, Marko Arnautovic, der verrückte Sachen macht, und der absolute Konterspieler Martin Harnik, dazu David Alaba, der derzeit verletzt ist. Die Qualität ist sehr hoch, zumal Marcel Koller inzwischen dort arbeitet, der die Mannschaft taktisch sehr gut einstellt.

"Wir spüren nach wie vor Vertrauen"

Die taktische Einstellung der deutschen Mannschaft im EM-Halbfinale gegen Italien wurde harsch kritisiert. Wie haben Sie es wahrgenommen, dass über Nacht so viel Kritik auch über den Cheftrainer hereinbrach?

Joachim Löw stand nie alleine da. Wir haben gemeinsam mit Oliver Bierhoff und Andy Köpke als Team an seiner Seite gestanden. Die Wucht der Kritik, vor allem in einigen Boulevardmedien, empfanden wir als überzogen, aber wir müssen auch einräumen, dass wir Fehler gemacht haben. Wir haben intern alles ganz offen angesprochen, alles und auch uns selbst hinterfragt. Aber eben intern. Wie es sich gehört. Kritik gehört dazu. Und sofern sie sachlich ist und sich auf den Sport bezieht, stellen wir uns ihr auch.

Waren Sie persönlich dagegen, mit diesem Personal und dieser Taktik gegen Italien zu agieren?

Das haben wir gemeinsam entschieden.

Haben Sie das Gefühl, dass die Nationalmannschaft Kredit zurückgewinnen muss?

Die Länderspiele in Deutschland gegen Argentinien und die Färöer haben gezeigt, dass wir viel Kredit haben. In Frankfurt erhielt die Mannschaft nach Abpfiff Applaus – trotz der 1:3-Niederlage. Wir spüren nach wie vor Vertrauen und Rückenwind. Aber die Fans erwarten natürlich zu Recht, dass wir weiterhin begeisternden Fußball spielen.

Müssen Sie und Joachim Löw auch in der Mannschaft Kredit zurückgewinnen, nachdem Sie jahrelang immer richtig lagen mit Ihren Entscheidungen und dann in einem so wichtigen Spiel nicht?

Niemand ist frei von Fehlern. Kein Trainer und kein Spieler. Von daher ist es ganz gut, wenn jeder sich in diesem Fall zumindest sachte an der eigenen Nase zupft.

Das Gespräch führte Jan Christian Müller.

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