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Flexibel ist das Fußballherz

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Von: Felix Lill

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Als es Frankreich ins Finale schafft, ist der Jubel auch in Hongkong groß.
Als es Frankreich ins Finale schafft, ist der Jubel auch in Hongkong groß. © Robert Michael/dpa

In Hongkong erwacht nach Aufheben der Corona-Beschränkungen die WM-Begeisterung. Alle sind für alle.

Eine Fußballhochburg ist Hongkong nicht gerade. Trotzdem prägt die WM auch in dieser internationalen Metropole den Alltag – und sorgt für ein einmaliges Fußballerlebnis: Rivalitäten sind hier unbekannt, das Publikum ist so wandelbar wie kaum irgendwo sonst.

Als Kylian Mbappé Frankreich ins WM-Finale führte, war der Jubel in Hongkong groß. Am Tag zuvor hatte die Regierung mehrere Covid-19-Regeln abgeschafft, so dass der Besuch in Bars und Restaurants wieder ohne größere Hürden möglich war. Trotz der Anstoßzeit um drei Uhr morgens Ortszeit freuten sich diverse Lokale über guten Besuch. Das Publikum war global. Wie immer in Hongkong.

Die 7,5-Millionenmetropole besteht zum Großteil aus Hongkongern und Festlandchinesinnen, hinzu kommen Arbeitsmigrant:innen vor allem aus Süd- und Südostasien, Europa und Nordamerika. Die höchst diverse Bevölkerung dieses Ortes an der chinesischen Südküste lebt ihren Globalismus nicht nur im Handel, sondern auch im Sport. „Die Leute feuern hier wirklich alle an“, sagt Chin Yung Lu, der für die Hongkonger Stadtverwaltung arbeitet. So wurde der Regionalnachbar Japan zur Sensation, als dieser Deutschland und Spanien geschlagen hatte.

Als England – das größte Land Hongkongs einstiger Kolonialmacht Großbritannien – noch im Turnier war, unterstützten viele Hongkonger:innen auch dieses Team. Der Unternehmer Oscar Venhuis sagt: „Ich habe bei dieser WM schon ein paar Mal die Seiten gewechselt.“ Venhuis passt insofern zu Hongkong, als dass er ungefähr so international ist wie die Metropole selbst.

Geboren ist der heute 51-jährige in Südkorea, aufgewachsen in den Niederlanden, studiert hat er in England. Seit ungefähr einem Vierteljahrhundert hat Venhuis immer wieder in Hongkong gelebt. Entsprechend flexibel sei das Fußballherz: „Ich bin eher so ein Mitläufer.“ Natürlich habe er am Anfang Südkorea angefeuert. „Aber ich war auch für die Niederlande und England. Und hätte Hongkong eine Mannschaft, wäre ich auch für die.“

Fußballwetten sind erlaubt

In nationalen Rivalitäten zu denken, sagt man sich hier, habe der Handelsmetropole noch nie geholfen. Seinen Wohlstand verdankt Hongkong dem Hafen und den lockeren Regulierungen für den Warenaustausch, die immer wieder zu sozialem Austausch geführt haben. So lebt die Metropole auch von einem wachen Blick für neue Möglichkeiten.

Entsprechend wenig wird diese WM auf politischer Ebene diskutiert. Die Menschenrechtslage im Ausrichterland Katar ist hier kein Thema – nicht zuletzt wohl deshalb, weil dann auch eine Diskussion über die Situation in Festlandchina nötig wäre, unter dessen Einfluss Hongkong steht. So geht es bei dieser WM weder um Haltung noch um Zugehörigkeit. Es geht in erster Linie um Entertainment.

So sieht es auch der Taxifahrer Peter: „Die Hongkonger Regierung erlaubt Fußballwetten. Deswegen wetten hier alle auf die Spiele.“ Allgemein ist das Glücksspiel in Hongkong verboten. Um sich in Casinos zu vergnügen, müsste man mit der Fähre zur nahegelegenen Insel Macau fahren.

Aber seit rund 20 Jahren gilt neben dem Pferderennen auch für Fußballwetten eine Ausnahme – was der Popularität des Sports einen Schub verpasst hat. Im Finale ist Peter für Argentinien. Die Mannschaft fand er zum Turnierbeginn zwar nicht herausragend. Aber Lionel Messi sei in Topform. Und das Geld ist schon gesetzt.

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