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Artistische Einlage: Olivier Giroud.

Nationalmannschaft Frankreich

Der Fleißarbeiter

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Angreifer Olivier Giroud verkörpert wie kein anderer den Arbeitsethos der französischen Nationalelf. Ein Portrait.

Wer nicht wüsste, dass Olivier Giroud bereits stolzer Familienvater ist, würde glatt denken, das Ding in seinen Händen wäre sein Ersatzbaby. Liebevoll hat es der Mittelstürmer der französischen Fußball-Nationalmannschaft auf seinem Instagram-Profil in seinen Händen: Die Höhe (knapp 37 Zentimeter) ist zwar etwas weniger als die Größe eines Neugeborenen, das Gewicht (rund sechs Kilogramm) ist deutlich mehr als das eines Babys. Aber der stolze Blick, den der 32-Jährige auf den Goldpokal richtet, sagt alles: Da hat einer seine Erfüllung gefunden, die nur von der Geburt seiner Kinder Jade und Evan getoppt wird.

So hat es Giroud sinngemäß nach dem WM-Triumph erzählt. Und es fiel ihm verdammt schwer, zu realisieren, welcher Erfolg im Moskauer Luschniki-Stadion gelungen sei. Das Interview gab der seit 2012 in England beheimatete Angreifer, erst diesen Sommer vom FC Arsenal zum FC Chelsea gewechselt, nach der Siegerparade auf den Champs-Élysées dem französischen Fernsehsender BFM. Hochinteressant darin die Passage, die Giroud da über seinen langjährigen Klubkollegen Mesut Özil erzählte, der bekanntlich unter einigem Getöse aus der deutschen Nationalmannschaft – heute Gegner des Weltmeisters – zurückgetreten ist.

Der am Montag 30 Jahre alt gewordene Özil habe im Londoner Alltag nämlich nicht nur einmal mit der Dekoration geprahlt. „Es kam öfter vor, dass Mesut im Training mal ein Spielchen verlor. Aber dann sagte er immer gleich ‚Pssst, Pssst! Ich bin Weltmeister!‘ Ich sagte zu mir selbst damals noch, wenn ich eines Tages Weltmeister werde, weiß ich nicht, ob ich mich auch so verhalten werde. Aber jetzt ist es einfach nur schön. Jetzt kann ich in Ruhe sterben – natürlich so alt wie möglich.“

Giroud stammt aus Chambéry in den Savoyer Alpen, er ist im Gegensatz zu vielen seiner in Frankreichs Banlieues sozialisierten Weltmeisterkollegen in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen. Und so hat er die Verleihung des Ordens der Ehrenlegion durch Staatspräsident Emmanuel Macron sogar als ein Stück weit unpassend empfunden. „Der Orden sagt aus, dass man viel für sein Land getan hat. Ich finde, dass Soldaten, die Frankreich im Krieg gedient haben, ihn viel mehr verdienen als wir.“ Einerseits ist solch eine reflektierende Einschätzung begrüßenswert, andererseits braucht auch die Grande Nation immer noch Vorbilder, die das Zusammenleben verschiedener Kulturen, unterschiedlicher Hautfarbe vorleben. Und da hat die Équipe Tricolore in Russland beispielhaft funktioniert. Auch weil es Typen wie Giroud gab, die nicht das Ego an die erste Stelle gesetzt haben.

Nationaltrainer Didier Deschamps genügte ein Gruppenspiel – das mühsame 2:1 gegen Australien – um zu erkennen, dass es auch vorne einen braucht, der das Arbeitsethos verkörpert. Beim Auftakt hatte der General neben den gesetzten Superstars Antoine Griezmann und Kylian Mbappé noch Ousmane Dembélé aufgestellt, was in dieser Zusammensetzung nicht passte. Nur Künstler und kein Arbeiter. Danach bekam der Mann mit dem Bart, den Auftrag als Frontmann die Gegenspieler zu binden und zu bearbeiten, Räume zu schaffen und zuzulaufen. Die Nummer neun blieb das ganze Turnier zwar torlos, aber Deschamps verteidigte seinen Angreifer gegen alle Anfeindungen. Bis zum Schluss.

In der Nations League gegen die Niederlande (2:1) hat Giroud vor einem Monat mit einem schönen Volleyschuss seine 800-minütige Torflaute beendet. Jetzt hat er in 84 Länderspielen 32 Treffer erzielt. Nur Thierry Henry, Michel Platini und David Trezeguet stehen in der Bestenliste französischer Torjäger jetzt noch vor ihm. Dass er jüngst im Freundschaftsspiel gegen Island (2:2) leer ausging, schadet seinem Status nicht. Deschamps schenkt seiner weltmeisterlichen Angriffsreihe weiter das Vertrauen.

Manche finden sogar, der Sélectionneur Deschamps klammert sich daran schon so fest wie Giroud in seinem Profilbild am Goldpokal.

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