Das Torsvollur-Stadion, Nationalstadion der Nationalstadion der Färöer in der Hauptstadt Tórshavn.
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Das Torsvollur-Stadion, Nationalstadion der Nationalstadion der Färöer in der Hauptstadt Tórshavn.

Gestrandeter Co-Trainer

Fischen auf den Färöern

Kevin Schindler galt einst als vielversprechendes Talent im deutschen Fußball, jetzt ist er Co-Trainer auf den Färöern - und sitzt wegen der Corona-Pandemie fest. 

Es ist eine mühsame Aufgabe, die Kevin Schindler in diesen Tagen jeden Morgen um Punkt 6 Uhr zu erledigen hat, denn manchmal, wenn er denkt, endlich alles fertig zu haben, reicht schon ein kräftiger Windstoß – und er kann wieder von vorne anfangen. Hütchen, Stangen, Bälle, alles wieder wild durcheinander und quer über den Platz verteilt, Schindlers Kleidung vom Dauerregen dann meist schon lange durchnässt. „Das mit dem Wetter ist hier so eine Sache“, berichtet der 31-Jährige, der für Werder Bremen einst fünf Bundesligaspiele absolviert hat und nun seit Jahresbeginn als Co-Trainer für HB Torshavn arbeitet, den Rekordmeister der Färöer Inseln. Deutschland, USA, die Niederlande, Vietnam und Südafrika – Schindler ist in seiner Karriere durch den Fußball schon enorm viel rumgekommen. Und doch ist seine aktuelle Station, auf dieser kleinen Inselgruppe mitten im Nordatlantik, auf gewisse Weise die abenteuerlichste. Denn Schindler sitzt auf den Färöern fest, kann die Inseln wegen der Corona-Pandemie derzeit nicht mehr so leicht verlassen.

„Im Moment ist auch hier alles ungewiss“, erklärt der Ex-Profi am Telefon. Da das Coronavirus längst auch auf den Färöern angekommen ist, ist auch dort das öffentliche Leben der rund 50.000 Einwohner stark eingeschränkt. Supermärkte, Tankstellen, Apotheken, mehr hat nicht mehr geöffnet. Der Saisonstart der nationalen Fußballliga, ursprünglich angesetzt für Mitte März, ist auf unbestimmte Zeit verschoben. „Nach drei Monaten Vorbereitung haben wir uns gefreut, dass es endlich losgeht“, sagt Schindler, „jetzt hängen alle in der Luft“. Und der gebürtige Delmenhorster irgendwie besonders, denn während sich beispielsweise Torshavns Trainer und auch der Athletik-Coach vor einigen Tagen noch schnell in die dänische Heimat verabschiedet haben, kommt Schindler nicht mehr so ohne Weiteres von den Inseln. „Ich komme hier nicht mehr weg“, sagt er. Der geplante Urlaub bei der Freundin in den USA – geplatzt. Und ohnehin: Zuletzt startete pro Tag nur noch eine Maschine auf den Inseln. Ab dem Wochenende sind Flug- und Fährbetrieb komplett eingestellt. Gefangen auf den Färöern. Schindler trägt es mit Fassung.

Innehalten, entschleunigen

Kevin Schindler, 31, galt bei Werder Bremen einst als großes Talent.

Da ist zum einen die eingangs erwähnte Aufgabe, dieses mühselige und tagtägliche Aufbauen des Trainingsparcours in aller Frühe. Schließlich sollen sich die Spieler des Teams trotz Corona fit halten. „Sie trainieren in Zweiergruppen über den ganzen Tag verteilt“, erklärt Schindler, der während des Tages viele einsame Stunden auf der Tribüne verbringt und dem Treiben auf dem Rasen zusieht. „Das kann ich aber auch nicht zwölf Stunden am Tag machen“, sagt er. In seiner Drei-Zimmer-Wohnung, gelegen in einem Vorort der Hauptstadt Torshavn, sitzt Schindler ansonsten viel am Telefon, surft im Internet, informiert sich. Zwischendurch dann immer mal wieder kleine Abstecher zum Training – oder ans Meer. Denn dort hat der Mann, der einst als eines der größten deutschen Fußballtalente galt, eine neue Leidenschaft für sich entdeckt: das Angeln.

Regelmäßig lädt Schindler Rute und Reuse, Netz und Eimer in den Kofferraum seines Autos und fährt den kurzen Weg bis zum Nordatlantik. Dort steht er dann, im Wind und Wasser – und wartet. „In diesen Momenten ist nur das Meer zu hören, Menschen sieht man weit und breit nicht“, schildert er. Erste Erfolge gab es auch schon zu verbuchen. Dorsche, 40, 50 Zentimeter lang, und Schellfische – später dann, wie es sich gehört, in der eigenen Küche selbst zubereitet. „Dafür habe ich mir von den Landsleuten ein paar Tipps geholt“, sagt Schindler, der sich bisher in englischer Sprache verständigt, seine Zeit nun aber nutzen möchte, um Dänisch zu lernen. Das wiederum würde ihm schließlich auch im Job bei der Arbeit mit den Spielern weiterhelfen.

Vier Profis stehen bei HB Torshavn unter Vertrag. Ansonsten Bankkaufleute, Elektriker, Maler und Studenten. „Einige Menschen aus dem Verein arbeiten auch im Krankenhaus“, berichtet Schindler. Von ihnen hat er aus erster Hand erfahren, dass sich das Coronavirus auch auf den Färöern dynamisch ausbreitet. „Wir Menschen sind gut daran beraten, uns jetzt an die Anweisungen der Experten zu halten“, betont Schindler, auch wenn das natürlich nicht einfach sei. Innehalten, etwas das Tempo rausnehmen und sich auf das Wesentliche besinnen – selbst wenn das gerade unfreiwillig geschehe, könne es ja durchaus positive Effekte haben. Es sind Gedanken wie diese, die Kevin Schindler kommen, wenn er in Zeiten der Corona-Krise irgendwo am Nordatlantik mutterseelenallein seine Angel auswirft.

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