Frauenfußball-EM

Fernab vom rot-weiß-roten Rausch

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Die österreichischen Fußballerinnen geben sich in der Abgeschiedenheit ihres niederländischen Quartiers entspannt vor dem wichtigen Spiel gegen Spanien.

Die Frisur sitzt. Und das Makeup ist sowieso wetterfest. Anders könnten österreichische Fußballerinnen auch gar nicht durch ihren Alltag kommen, der sich neuerdings zur Mittagszeit im Medienfenster so darstellt: Das erste Interview fürs österreichische Fernsehen gab Carina Wenniger am Freitag direkt am Platzrand, fürs zweite mit den deutschen Anstalten ging es vor die Werbetafeln ins Vereinsheim, das dritte Gespräch mit den Printjournalisten fand dann wieder draußen statt. Und das zwischendrin der Regen einsetzte? Erst mal halb so schlimm.

Die 1,78 Meter große Abwehrspielerin lachte und scherzte viel. Nur einen Ort würde sie hier, im Stadion De Wagingsche Berg, nicht betreten: die Tribüne. „Keine gute Idee. Vermutlich nicht so standfest“, sagte sie im typischen Dialekt und feixte sich einen. Tatsächlich wird jedem beim Anblick angst und bange. Eher heute als morgen bricht das Gerippe zusammen. Der ortsansässige Klub, der FC Wageningen, war in den Niederlanden mal eine gute Adresse, aber das liegt lange zurück. 1992 verschwand der Klub von der Bildfläche. Und so sieht die zerfallene Haupttribüne auch aus: Vom Dach sind nur die verrosteten Träger übrig.

Jeden Dienstag treffen sich hier die alten Legenden aus besseren Zeiten, um gemächlich auf dem gepflegten Grün das Bällchen laufen zu lassen. Vielleicht sind derzeit dort trainierenden ÖFB-Frauen ein Vorbild: Will der Klub mal eine Wiederauferstehung feiern, müsste er sich ein Beispiel an ihnen nehmen. Nie waren sie populärer als jetzt, und mit dem Viertelfinale der Frauen-EM gegen Spanien in Tilburg (Sonntag 18 Uhr/ARD) gehen tausend Träume in Erfüllung.

„Jeder fiebert diesem Spiel entgegen“, erzählte Wenninger und empfand die Umgebung als den besten Ort, um die Bodenständigkeit zu behalten: „Wir finden das hier cool.“ Seit einem Jahrzehnt ist die blonde Defensivspezialistin für den FC Bayern am Ball, weitere 13 Spielerinnen aus der Frauen-Bundesliga werden in Österreich als neue Heldinnen gefeiert. In der Gemeinde Wageningen, Provinz Gelderland, ist es allerdings trotz 15 akkreditierter österreichischer Reporter so ruhig, dass vom rot-weiß-roten Rausch nur eine gedämpfte Fassung ankommt. Die meisten Spielerinnen überfliegen nur die Schlagzeilen, Lobeshymnen und Gratulationen. Satiriker verkünden daheim die  Streichung der Söhne aus der Hymne, Politiker fabulieren über den Frauenfußball und die männlichen Kollegen  Zlatko Junuzovic, Julian Baumgartlinger oder Sebastian Prödl übermitteln allesamt ehrliche Anerkennung. Teils persönlich adressiert. Die ganze Alpenrepublik spielt gerade verrückt.

In der Spitze 999.000 Landsleute schalteten im ORF beim dritten EM-Gruppenspiel Österreichs gegen Island (3:0) ein. Wenn es nun gegen einen Gegner geht, der nach Niederschlägen gegen England (0:2) und Schottland (0:1) mit Ach und Krach die K.o.-Runde erreichte, fällt die Millionengrenze. Übermäßigen Respekt hat die 26-jährige Wenniger vor den Spanierinnen nicht: „Kein Problem, wenn sie immer den Ball haben wollen. Wir setzen dann unsere Nadelstiche.“ Tiki-taka scheint bei den spanischen Frauen tatsächlich nicht sonderlich effektiv zu sein – zuletzt verströmte das Team null Torgefahr.

Und so traute sich Wahl-Münchnerin  sogar, den Blick verstohlen nach vorne zu richten. Auf ein mögliches Duell gegen Deutschland im Halbfinale. „Erstmal haben wir am Sonntag ein ganz wichtiges Spiel. Aber klar, das wäre ein Mega-Traum.“ Aber so wird es nicht kommen, nachdem Deutschland gegen Dänemark ausgeschieden ist.

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