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Seriös in schwarz, aber keineswegs traurig: der scheidende Bundestrainer Joachim Löw am Donnerstag in der DFB-Zentrale.
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Seriös in schwarz, aber keineswegs traurig: der scheidende Bundestrainer Joachim Löw am Donnerstag in der DFB-Zentrale.

Jogi Löw erklärt seinen Rücktritt

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  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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  • Jan Christian Müller
    Jan Christian Müller
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Der Bundestrainer erklärt seinen vorzeitigen Abschied mit dem Fernblick auf die Europameisterschaft 2024 im eigenen Land – und beteuert, selbst noch keine Zukunftspläne zu haben.

Joachim Löw wirkte sehr ernsthaft, aber auch sehr aufgeräumt. Kaum einmal ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als der 61-Jährige in einem virtuellen Pressegespräch die Gründe vortrug, weshalb er anderthalb Jahre vor dem kurz vor der WM 2018 fixierten Vertragsende im Dezember 2022 bereits das Feld als Bundestrainer räumt. Zur Verkündung des seit Dienstag Bekannten hatte er seine Lieblingsfarbe schwarz gewählt. Aber wirklich traurig sah niemand aus am Donnerstag zur Mittagszeit, auch nicht die neben Löw hockenden Fritz Keller (Präsident) und Oliver Bierhoff (Manager). Es gab ein paar ehrlich gemeinte Worte des Respekts für Leistung und Entscheidung, aber es wurde auch keine übertriebene Betroffenheit kommuniziert. Offenbar hatte Löw mit seiner Entscheidung die Öffentlichkeit mehr überrascht als die Leute im Verband.

Rücktrittsgedanken, so Löw, seien während der Pandemie gereift und ihm dann konkret im Februar gekommen. Er spüre, „dass es an der Zeit ist, den Trainerstab weiterzugeben“. Keineswegs sei das 0:6-Debakel gegen Spanien im November vergangenen Jahres der Auslöser oder auch nur ein Mosaikstein gewesen, um selbstbestimmt erhobenen Hauptes den Rückzug anzutreten. Die Entscheidung sei „völlig unabhängig vom Spanien-Spiel“ getroffen worden, wollte der Bundestrainer auf Abruf Glauben machen. Stattdessen habe er schon in den zehn Monaten der unfreiwilligen Länderspielpause „Zeit zum Nachdenken“ gehabt.

Das klang verdächtig danach, als wolle Löw dem Eindruck entgegenwirken, Druck der Öffentlichkeit oder intern aus dem Verband habe sein Vorgehen beeinflusst. Jedoch: So druckresistent der Freigeist sich in seiner bewegten DFB-Karriere auch mehrfach gezeigt haben mag - dass die Demontage von Sevilla, die nahezu durchweg vernichtenden und in dieser Wucht und Einmütigkeit beispiellosen Kritiken an Team und Trainer und die erkennbaren Zweifel von Präsident Fritz Keller überhaupt nicht entscheidend für seinen angekündigten Rücktritt gewesen sein sollen, erscheint wenig realistisch.

Wie dem auch sei, Löw gab sich mit Blick auf die kommenden Monate kämpferisch: „Das gute Gefühl Richtung EM ist bei mir absolut vorhanden. Ich gehe in jedes Turnier mit totalem Fokus, mit aller Vorfreude und Spannung. Wenn ich etwas an dem Job liebe, dann ist es ein Turnier. Das habe ich immer über alles geliebt, darauf habe ich immer hingefiebert. Das ist jetzt genauso.“

Wichtig war ihm auch, deutlich zu machen, dass er eine funktionierende Nationalmannschaft mit sehr guten Perspektiven übergibt. Er sei zutiefst überzeugt, dass die „junge Generation vielleicht 2024 ihren Leistungshöhepunkt erreicht“. Dieses Turnier im eigenen Land, dozierte der seit 2006 tätige Bundestrainer, müsse bei der Generation mit Joshua Kimmich, Serge Gnabry oder Leroy Sané eine „Leistungsexplosion“ auslösen – und analog zum von ihm aus der Assistentenrolle begleiteten Sommermärchen 2006 wieder einen Stimmungsschub und Erneuerungsprozess auslösen. Seine Aufgabe soll das nicht mehr sein: „Ich sehe mich 2024 nicht mehr in dieser Position.“ Insofern ist sein Rückzug bei solch einer Langzeitbetrachtung nur konsequent. „Ich finde das jetzt einen guten Zeitpunkt.“ Was er danach tun wird? „Darüber habe ich mir konkret keine Gedanken gemacht“ und darüber werde er sich auch jetzt keine Gedanken machen, da alle Kraft in die EM-Vorbereitung gehe. Wie gesagt, man muss nicht alles glauben, was in Pressekonferenzen verlautbart wird.

Das meiste aber schon: Löw verriet, dass er zuerst seinem langjährigen Wegbegleiter Oliver Bierhoff die Entscheidung mitgeteilt habe. Der DFB-Direktor Nationalmannschaften und Akademie betonte, der Abschied sitze „bei ihm tief“, weil er bis heute „Kompetenz und Ruhe“ des Weggefährten schätze. „Um Jogi zu würdigen, wird nicht eine Feier oder eine Grußrede reichen.“ Doch Bierhoff weiß, dass die Öffentlichkeit den Blick längst nach vorne richtet, das tut er selbst ebenfalls. Jedoch: „Es ist eine wichtige Entscheidung. Wir werden uns die Zeit nehmen, die notwendig ist.“

Auch für DFB-Präsident Fritz Keller geht „Qualität vor Geschwindigkeit“. Bierhoff stellte klar, dass er sich weder zeitlich treiben lassen noch Kandidaten kommentieren will, „das wird mein Vorgehen sein.“ Man habe allerdings beschlossen, dass bestehende Verträge respektiert werden. Das könnte ein Problem bei Hansi Flick werden, der noch bis 2023 an den FC Bayern gebunden ist, der den Erfolgstrainer nur sehr ungern verlieren will.

Nur wenn der frühere Löw-Assistent proaktiv einen Trennungswunsch hinterlegen würde, könnte der 56-Jährige zum Thema werden – und wäre sicherlich mit seiner Vita ein Wunschkandidat. Zudem hat Flick den mächtigen Bayern-Block hinter sich, er kennt die Abläufe sowohl bei der Nationalmannschaft und im Verband bis ins Detail und soll sich in München mit Sportchef Hasan Salihamidzic nicht immer ganz grün sein. „Wie mein Verhältnis zu Hansi ist, weiß ja jeder“, erklärte Löw. „Aber es ist nicht meine Aufgabe, über Nachfolger zu sprechen.“

Ein anderer Kandidat ist Ralf Rangnick, der nunmehr öffentlich sein großes Interesse hinterlegt hat. Sein Auftritt am Mittwochabend im Sky-Studio als Experte zur Champions-League-Partie von RB Leipzig gegen den FC Liverpool war lange geplant. Dort betonte der 62-Jährige neben seiner Bereitschaft („Im Moment bin ich frei“), dass der Verband bitte nicht zu lange warten sollte: „Wenn sich der DFB erst zu einem Zeitpunkt melden würde, an dem ich nicht mehr frei bin, ist es zu spät.“ Dass sich der erfolgreiche Projektleiter der TSG Hoffenheim und bei RB Leipzig im Verantwortungsbereich von Bierhoff verhaken würde, weil er über Talententwicklung und Trainerausbildung eigene Vorstellungen entwickelt, negierte Rangnick, indem er generös seine Hilfe anbot: „Ich könnte mir vorstellen, dass eine Zusammenarbeit mit Oliver Bierhoff sehr fruchtbar wäre.“

Damit hatte er seinen Hut in den Ring geworfen, zumal ihn auch noch der in allen Umfragen vorne liegende, aber definitiv nicht zur Verfügung stehende Jürgen Klopp auch als persönlichen Favoriten kürte: „Ralf Rangnick würde dem DFB gut tun“, konstatierte der Meistermacher vom FC Liverpool. „Das wäre meine erste Lösung.“ Doch im Verband, in der Liga und sogar bei einigen Nationalspielern soll es Vorbehalte gegen das mitunter pedantische Mastermind geben. Bierhoff kommentierte den Namen Rangnick nicht, machte aber deutlich klar, dass eine „deutsche Nationalmannschaft auch einen deutschen Trainer“ haben sollte. Die Chancen für einen ausländischen Trainer seien eher gering, Ansonsten, so Keller, gebe es „keine Denkverbote. Der DFB ist derzeit sowieso im Umbruch. Alles ist möglich.“

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