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Clean Sheet: Jordan Pickford hält seinen Kasten sauber. Foto: AFP
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Clean Sheet: Jordan Pickford hält seinen Kasten sauber.

Torhüter in der Diskussion

Fels in der Brandung

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Pickford, Donnarumma oder Courtois bilden einen echten Rückhalt - die Entwicklung bei den Torhütern beobachtet der DFB mit Sorge

Gianluigi Donnarumma schaut schon aus wie ein Fels in der Brandung. Italiens Nationaltorwart ist eine imposante Gestalt von riesenhafter Erscheinung. Gefühlt mehr als 1,96 Meter groß und 90 Kilogramm schwer. Gesegnet mit einer Bärenruhe. Als könne ihn heute und morgen nichts erschüttern. Die nächste Prüfung erwartet das frühreife Torwart-Wunderkind nun im EM-Achtelfinale gegen Belgien in München – im Wohnzimmer des fünffachen Welttorhüters Manuel Neuer, als dessen legitimer Erbe der zu Paris St. Germain wechselnde Schlussmann längst gilt. Mit gerade 22.

Neuer hingegen hat wohl sein vielleicht schwächstes Turnier gespielt, auf jeden Fall präsentierte sich der 35-Jährige über die vier Partien nicht in Bestform, was die deutsche Nationaltorhüterin und ARD-Expertin Almuth Schult nach dem Achtelfinalaus sehr prägnant aussprach. „Er weiß selbst, dass er einige Szenen besser lösen kann.“ Deutschlands Nationaltorwart verlor letztlich auch das Duell gegen Englands Jordan Pickford: Während Neuer mit sieben Gegentoren ausschied, reist sein Gegenüber ohne jedes Gegentor zum Viertelfinale nach Rom.

Die Three Lions träumen auch deshalb vom ersten EM-Titel, weil da endlich einer ist, der wieder Rückendeckung gibt. Vorbei, dass sich das Mutterland des Fußballs seines Torhüters schämte. Vor der WM 2018 machte Trainer Gareth Southgate den heute 27 Jahre alten Keeper vom FC Everton zur Nummer eins, der gereift wirkt. Viele Kollegen leisteten sich hingegen fast slapstickartige Aussetzer: Wojciech Szczesny (Polen) oder Lukas Hradecky (Finnland) konnten für ihre Eigentore zwar wenig, aber Martin Dubravka (Slowakei) schmetterte den Ball hinter die Linie, Unai Simon (Spanien) ließ einen Rückpass über den Fuß ins Tor gleiten.

Was die Torhüter bei der EM leisten, beobachtet auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) genau. Akademieleiter Tobias Haupt sagt: „Unsere Analysen zeigen, dass diese EM bislang nicht die EM der Torhüter ist. Einmal mehr zeigt sich, dass in der Red Zone, also der gefährlichen Zone direkt vor dem Tor, die meisten Gegentore fallen. Die Verteidigung dieser Zone muss zu den Kernkompetenzen eines jeden internationalen Top-Torhüters gehören. Der Turnierverlauf zeigt bislang eine eher durchschnittliche Leistung der Torhüter.“

Der Italiener ist komplett

Der stabilste Schlussmann ist für Haupt, der selbst bis zum 30. Lebensjahr in der Bayernliga als Torhüter spielte, eben Donnarumma, der einer funktionierenden Mannschaft noch Sicherheit gebe: „Bei ihm ist die enorme Spielpraxis und Routine der letzten Jahre in fast jeder Aktion zu erkennen. Trotz seiner noch jungen Jahre ist er bereits äußerst abgeklärt und sicherlich einer der komplettesten Torhüter des Turniers.“

In der Akademie verantwortet der 37-Jährige seit anderthalb Jahren das Projekt „N_28“. Hinter dem Code verbirgt sich die Fahndung nach einer Nummer eins, die für die DFB-Auswahl bei der EM 2028 auf allerhöchstem Niveau halten kann. Einsatzzeiten sind bei der Entwicklung eines jeden Torwarts ein elementarer Indikator. „Der internationale Topmann kommt bis 23 im Durchschnitt bereits auf weit über 150 Spiele im Erwachsenenalter“, erklärt Haupt. Beispielhaft der Belgier Thibaut Courtois, 29, der gegen Italien am Freitag sein 89. Länderspiel bestreitet. Beim Schlussmann von Real Madrid hatten sich bis zum 23. Lebensjahr bereits mehr als 300 Pflichtspieleinsätze gesammelt. Donnarumma aber überholt sie alle, sagt Haupt: „Im Alter von 22 Jahren mehr als 240 Serie-A-Spiele und 30 Länderspiele: Das ist absolut einzigartig und toppt alles um ein Vielfaches.“ Nebenbei hat er auch noch den Uralt-Rekord von Dino Zoff gebrochen, schaffte 1168 Minuten ohne Länderspiel-Gegentor.

Das Torwart-Land Deutschland fahndet nach dem nächsten Ausnahmekönner unter der Latte. Kardinalproblem: Die nachrückende Garde spielt zu selten. Alexander Nübel (24 Jahren, 47 Bundesligaspiele) lässt sich deshalb vom FC Bayern zum AS Monaco zu verleihen. Die U21-Nationaltorhüter Finn Dahmen (23/3), Lennart Grill (23/4) und Markus Schubert (23/9) haben vergangene Saison fast ausschließlich auf der Bank gesessen. Wenn keiner der drei Nachwuchstorhüter des U21-Europameisters aber bislang auf mehr als zehn Erstligaspiele kommt, stimmt etwas nicht. DFB-Torwartkoordinator Marc Ziegler sagt: „Spielpraxis ist entscheidend. Wir haben das Ziel, dass in der Bundesliga möglichst viele deutsche Keeper gesetzt sind.“ Das Problem: Es fehlt die Dichte an absoluten Toptalenten.

So wird jeder zweite Platz unter der Latte inzwischen von Ausländern eingenommen, die inzwischen ähnlich gut ausgebildet sind. „Fast alle Nationen leisten sich hier Spezialisten, wir sind in Absprache mit den Klubs gerade dabei, eine eigene Torhüter-DNA zu definieren, die acht Themenbereiche behandelt“, verrät Haupt. Da geht es um torwartspezifische, taktische, athletische über persönliche bis hin zu ernährungsspezifische Fragen. Alles, um den nächsten Fels in der Brandung auszubilden.

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