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Bundestrainer Joachim Löw würde sich unglaubwürdig machen, wenn er der nachrückenden Generation prompt das Vertrauen entzöge.

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Aus Fehlern lernen dürfen

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Die noch unvollkommenen Profis im DFB-Team brauchen Raum und Zeit, eine neue Hierarchie zu entwickeln. Das dürfte einigen  ohne das Alphatier Hummels leichter fallen. Der Kommentar.

Wenn eine Fußballmannschaft, ganz egal auf welchem Niveau, vier Gegentreffer in einer Halbzeit zugefügt bekommt, schließt sich daran automatisch eine Debatte darüber an, warum die Defensive nicht funktioniert hat. Das ist bei Viktoria Preußen II im Tabellenkeller der Kreisliga A Frankfurt bestimmt nicht anders als bei der deutschen Nationalmannschaft. Es gibt aber einen gravierenden Unterschied: Während die schon arg gerupften Preußen vermutlich froh über jeden Mann sind, der ihnen die Schotten etwas dichter machen könnte, kann der Bundestrainer selbst gute Leute einfach wegschicken, er findet immer Ersatz aus einem unerschöpflichen Reservoir. Es fragt sich nur, ob der Ersatz dann auch besser ist als das Original.

Nach dem 2:4 gegen die Niederlande hat es nicht sehr lange gedauert, ehe ein Name die Runde machte, den Löw eigentlich im konkreten Zusammenhang mit der Nationalmannschaft nicht mehr hatte diskutieren wollen: Mats Hummels. Der 30-Jährige würde, ähnlich wie Thomas Müller, mutmaßlich zu Fuß über Glas laufen, um in den Schoß des DFB zurückzukehren, wenn er denn nur dürfte. Nun haben diejenigen, die Hummels Aufgaben übernehmen sollen, am Freitag in Hamburg keineswegs zu überzeugen gewusst.

Aber wäre es deshalb richtig, wenn der Bundestrainer sich neu besinnen würde im Fall Hummels, den er gemeinsam mit Müller und Jerome Boateng im Frühjahr verabschiedet hat? Es sprechen Argumente dagegen und dafür: Dafür spricht, dass Hummels in einer Mannschaft, die derart tief verteidigt wie Deutschland gegen die Niederlande, seine Probleme im Antritt mit seinem hervorragenden Stellungsspiel und starker Antizipationsfähigkeit überkompensieren könnte. Dagegen spricht, dass Deutschland vermutlich nie mehr im Trainerleben des Joachim Löw derart nah am eigenen Strafraum verteidigen wird.

Dafür spricht, dass mit Hummels ziemlich sicher ein anspruchsvolleres Aufbauspiel möglich wäre als ohne ihn. Seine technischen Fähigkeiten sind beträchtlich, mit dem Ball am Fuß ist er stärker als die vielkritisierten Jonathan Tah und Matthias Ginter. Aber Löw müsste diesen beiden schlichtweg absprechen, sich mit der Perspektive EM 2020, WM 20222 und EM 2024 noch weiterentwickeln zu können. Das tut er aus wohl berechtigten Gründen bislang nicht. Beide haben Spielzeit vom Bundestrainer bekommen, die vor allem Ginter schon mehrfach mit Leistung zurückgab. Tah ist mit 23 Jahren noch jung genug, weitere Schritte zu machen, gleichfalls aber in der Bringschuld. Zuletzt war das entschieden zu wenig.

Abgesehen davon, dass der derzeit noch verletzte Antonio Rüdiger nicht ewig ausfallen wird - gegen eine Rückkehr von Hummels spricht vor allem auch, dass Löw sich unglaubwürdig machte, würde er der nachrückenden Generation prompt das Vertrauen entziehen. Es wäre auch eine fatale Botschaft an alle anderen Jungen. Zum Neuaufbau gehört eine Fehlerkultur, die verzeihen kann. Zum Umbruch gehört auch, den nachwachsenden, noch unvollkommenen Profis Raum und Zeit zu schenken, eine neue Hierarchie zu entwickeln. Das dürfte einigen Spielern ohne das Alphatier Hummels in unmittelbarer Umgebung leichter fallen. Aber das sollte dann durch souveräne Vorstellungen auch stabil untermauert werden. Und zwar eher morgen als übermorgen. Sonst könnte es schon bald zu spät sein.

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