Geste der Überlegenheit: Trent Alexander-Arnold vom FC Liverpool. 
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Geste der Überlegenheit: Trent Alexander-Arnold vom FC Liverpool. 

Premier League

Liverpool und Klopp vor der ultimativen Krönung

  • vonHendrik Buchheister
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Niemand scheint auch nur im Ansatz in der Lage, Jürgen Klopps FC Liverpool stoppen zu können - die „Reds“ pulverisieren ihre Gegner und ziehen in einsam ihre Kreise.

Jürgen Klopp kann bekanntlich ein emotionaler Geselle sein. Seine Jubelläufe an der Seitenlinie, seine Faustschläge in die Luft und seine Grimassen haben einen beachtlichen Teil zu seiner Popularität beigetragen. So war es in Mainz und Dortmund, und so ist es beim FC Liverpool. Es gibt allerdings auch eine andere Version des Coaches, und sie kommt in diesen Tagen zum Vorschein. Es ist die Version, die vollkommen gelassen ist, ihre Gefühle kontrolliert und vorgibt, sich nicht um den ganzen Lärm des Fußballgeschäfts zu kümmern.

Premier-League-Spitzenreiter Liverpool hatte gerade das Topspiel am zweiten Weihnachtstag, dem Boxing Day, beim Spitzenklub Leicester City gewonnen. Nein, mehr noch: die Mannschaft hatte bei dem 4:0-Erfolg einen Triumphzug veranstaltet und den Vorsprung auf Leicester auf 13 Punkte ausgebaut. Eine solche Führung nach Weihnachten hat in der Premier League kein Team mehr abgegeben. Trotzdem wollte Klopp nichts wissen von einer möglichen Entscheidung im Kampf um den Titel. „Es war einfach nur ein Spiel gegen ein richtig gutes Team“, sagte er. Die glänzende Aussicht auf Liverpools erste Meisterschaft seit 30 Jahren ist angeblich kein Thema: „Wir denken nicht daran. Vor dem Spiel haben wir es nicht einmal erwähnt. Es ist einfach nicht interessant.“

Man kann das glauben oder nicht – entscheidend ist, dass der FC Liverpool in dieser Saison so spielt, als wäre ihm das ganze Drumherum tatsächlich egal. Die Mannschaft lässt nicht nach, trotz des komfortablen Punktepolsters an der Tabellenspitze. Sie geht jedes Spiel so an, als wäre es das wichtigste. Nach getaner Arbeit konzentriert sie sich schon wieder auf die kommende Aufgabe. „Die größte Qualität meiner Jungs ist es, dass wir nicht auf das Gerede von außerhalb hören. Wir fokussieren uns komplett auf das, was wir tun müssen“, sagte Klopp. Er hat in Liverpool eine Von-Spiel-zu-Spiel-Mentalität installiert. Sie ist ein entscheidender Grund dafür, dass nach dem Gewinn der Champions League im Frühjahr und der Klub-WM vor wenigen Tagen ziemlich sicher am Ende der Saison der Premier-League-Titel und damit die ultimative Krönung für Klopp in England folgt.

Auf Arsenals Spuren

Denn so nachvollziehbar es ist, dass sich der Trainer in Zurückhaltung übt, so offensichtlich ist die Faktenlage. Nach dem 4:0 in Leicester ist der Weg zur Meisterschaft für Liverpool frei. Um die nationale Krone noch zu verspielen, müsste sich die Mannschaft einen monumentalen Zusammenbruch leisten. Dafür sind keine Anzeichen erkennbar nach 17 Siegen und einem Unentschieden aus den bisher 18 Saisonspielen. Außerdem bräuchte es einen Verfolger, der alles gewinnt. Weder Titelverteidiger Manchester City noch das Überraschungsteam aus Leicester scheinen dazu in der Lage zu sein.

Englands Zeitungen fangen deshalb schon mal an, die Sonderausgaben zu Liverpools Meisterschaft vorzubereiten. „Sie sind Europas Champions, Weltmeister und werden auch Englands Meister sein“, prophezeit die „Times“. „Liverpool ist auf dem Weg zum dominantesten Team, das der englische Erstliga-Fußball je gesehen hat“, schreibt die „Sun“ und vermutet, dass Klopps Mannschaft im Rahmen der aktuellen Siegesserie auch noch die traditionelle Regatta zwischen den Universitäten Oxford und Cambridge und den Eurovision Song Contest gewinnen würde. Realistischer ist die Chance darauf, dass Liverpool das Kunststück des FC Arsenal aus der Saison 2003/2004 wiederholt und eine ganze Spielzeit ohne Niederlage bleibt. So vermutet es zum Beispiel Thierry Henry, Torjäger bei Arsenals Invincibles.

Liverpools Rezept ist es, jede Aufgabe mit den jeweils nötigen Mitteln zu lösen. Viele Siege in dieser Saison sind harte Arbeit und kommen ohne besonderen Glanz zustande. In großen Spielen wie gegen Manchester City (3:1), im Stadtderby gegen Everton (5:2) oder jetzt gegen Leicester zeigt Liverpool dafür große Leistungen. Die Wunderwaffe beim 4:0-Erfolg am Boxing Day war wieder einmal der junge Trent Alexander-Arnold. Er wird als rechter Verteidiger geführt, ist aber längst Liverpools Spielmacher, wie er mit zwei Torvorlagen und einem eigenen Treffer bewies. Auf die Frage nach der Meisterschaft sagte er hinterher: „Wir freuen uns über unsere Position. Aber ist es noch so lange zu spielen.“ Trainer Klopp war vermutlich stolz auf Alexander-Arnold, nicht nur wegen dessen Leistung auf dem Platz.

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