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Leitwolf und Topverdiener: Timo Horn.

FR-Bundesliga-Tipptabelle (14)

1. FC Köln: Spott selbst von der Schulbank

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Der Traditionsklub steht vor einer richtig komplizierten Saison. Die meisten Probleme sind hausgemacht, dafür umso schwerer zu meistern.

Schnittpunkte heißt das Schulbuch, in dem Realschüler der neunten Klassen in Nordrhein-Westfalen Mathe lernen sollen. Eine Textaufgabe darin lautet: „In welchen Fällen wird ein unmögliches Ergebnis erzielt?“ Drei Antwortvariationen geben die Autoren, und die dritte heißt allen Ernstes: „Der 1.FC Köln gewinnt.“ Man ahnt es dunkel: Das wird keine leichte Saison für die Kölner.

Wie ist die Stimmung?

Schlecht wäre untertrieben. Der größte Gegner sitzt, wie so häufig in Köln, im eigenen Haus. Unruhe, schrieb einer treffend, der sich gut auskennt, gehöre zur DNA dieses Klubs. Mal wieder sind es Machenschaften, seltsamen Gebaren und Niedertracht, die den FC lähmen, zumindest belasten, und Durchstechereien mit direktem Draht zum Boulevard sind eh die Regel. Beispiele? Der geschasste Mediendirektor überzieht den Klub mit Klagen, die Alt-Internationalen Overath, Cullmann, Thielen, Schumacher und Weber mischen sich aus zweiter Reihe ein, reklamieren einen zu großen Einfluss des Mitgliederrates. Es geht vor der im September anstehenden Mitgliederversammlung – im Groben – um die Besetzung des Vizepräsidenten-Postens, nachdem Jürgen Sieger vor Monaten genervt das Handtuch geworfen hat. Carsten Wettich ist kommissarisch zweiter Mann hinter Präsident Wolf Werner, und nicht Stephan Engels, noch so ein Kölner Urgestein, der ebenfalls Vize sein will. Er wittert „Machtspielchen“ und vermutet „Intrigen“, so sehr, dass die FC-Abteilungsleiter in einem Brief an die Geschäftsführung um Horst Heldt und Alexander Wehrle ihren Unmut über das unwürdige Gezacker zum Ausdruck gebracht haben. Und Fußball? Gut, dass noch keiner ernsthaft gespielt wird.

Wie stark ist der Kader?

Nicht besonders stark, eigentlich schwach. Professionelle Beobachter sprechen der momentanen Mannschaft rundherum die Wettbewerbsfähigkeit ab. In unschöner Erinnerung ist noch die Endphase der vergangenen Saison, als der FC die letzten neun Saisonspiele ohne Sieg blieb und nur haarscharf Platz 14 erreichte, negativer Höhepunkt: ein 1:6 gegen Werder Bremen. Viel besser ist es nicht geworden: Zehn Spieler haben den Klub verlassen, bislang hat Heldt lediglich Ron-Robert Zieler, aus Hannover weggemobbt, ausleihen können – als Torwart Nummer zwei. Fast schon verzweifelt kämpft der frühere Profi um Streli Mamba (SC Paderborn) und Robin Hack (1. FC Nürnberg), die Deals ziehen sich, Torwart Timo Horn, Verteidiger Sebastiaan Bornauw, Jonas Hector, liegen über den Schnitt. Und sonst? Ist Qualität dünn gesät. Und Florian Kainz, einer mit Tempo am Flügel, fällt nach Knie-OP wochenlang aus. Auch Jhon Cordoba droht mit einer Leistenverletzung länger auszufallen.

Bundesliga-Tipptabelle

Worauf steht der Trainer

Markus Gisdol bevorzugt eine 4-2-3-1-Formation, ein System mit zwei Sechsern und einer Spitze. Im Trainingslager in Donaueschingen hat das funktioniert – bis zum Testspiel gegen den VfL Wolfsburg, das sang- und klanglos 0:3 verloren ging und einige desillusionierte. In der letzten Saison hat Gisdol, seit November 2019 am Geißbockheim, gezwungenermaßen viele junge Spieler einbauen müssen, Noah Katterbach, Jan Thielmann, Ismail Jacobs, das hat vorübergehend hingehauen, hat für Belebung gesorgt. Besitzen die Teenager aber auf Sicht die Qualität für die Bundesliga? Leichte Zweifel sind angebracht. Gisdol barmte unlängst schon im „Express“: „Wir haben im Moment zu wenig Spieler.“ Die Angst vorm siebten Abstieg der Vereinshistorie ist mit Händen zu greifen beim zweimaligen Deutschen Meister.

ZU- und ABGÄNGE

Zugänge: Ron-Robert Zieler (Hannover 96, Leihe), Jannes Horn (Hannover 96, Leihe beendet), Tim Lemperle (eigene U19), Salih Özcan (Holstein Kiel, Leihe beendet), Joao Queiros (Willem II, Leihe beendet), Louis Schaub (Hamburger SV, Leihe beendet), Lasse Sobiech (Royal Mouscron, Leihe beendet), Robert Voloder (eigene U19), Frederik Sörensen (Young Boys Bern, Leihe beendet)

Abgänge: Marcel Risse (Viktoria Köln, Leihe), Vincent Koziello (CD Nacional, Leihe, war zuvor an Paris FC verliehen), Tomas Ostrak (MFK Karvina, Leihe, war zuvor an TSV Hartberg verliehen), Yann Aurel Bisseck (Vitoria SC Guimaraes, Leihe, zuvor an Roda JC verliehen), Jan-Christoph Bartels (SV Waldhof Mannheim, war an SV Wehen Wiesbaden verliehen), Niklas Hauptmann (Holstein Kiel, Leihe), Thomas Kessler (Karriereende), Toni Leistner (Hamburger SV, zuvor Leihe mit Queens Park Rangers beendet), Mark Uth (FC Schalke 04, Leihe beendet), Birger Verstraete (Royal Antwerpen, Leihe), Brady Scott (Nashville SC), Simon Terodde (Hamburger SV), Kingsley Schindler (Hannover 96, Leihe)

Wo hapert’s noch?

Der Kader ist zu teuer, viele Spieler mit zu langen Verträgen ausgestattet, um die 50 Millionen Euro betragen die Kosten für die Lizenzspieler-Abteilung. Allein die drei Topverdiener Horn, Hector, Anthony Modeste kassierten dem Vernehmen nach zehn Millionen Euro im vergangen Jahr. Dazu soll, wie es heißt, auch der Teamspirit schon mal besser gewesen sein. Zudem ist die Hierarchie in der Kabine nach den Abgängen der Routiniers Thomas Kessler, Marvel Risse und Simon Terodde durcheinander gebracht, kaum einer ist in der Lage, dieses Vakuum zu füllen. Immerhin: Die Defensive scheint leidlich zu funktionieren, erhebliche Defizite gibt es in der Offensive. Dem 1. FC Köln fehlt ein Taktgeber, einer mit Ideen. Und wehe, Cordoba fällt wegen einer Verletzung länger aus. Dann sieht es im Angriff zappenduster aus, auch Modeste ist aktuell angeschlagen. Dazu sind einige in der Branche befremdet über das penetrante Auftreten von Heldt bei der Abwerbung von Spielern, etwa von Mark Uth von Schalke. Manche kreiden ihm an, es nicht geschafft zu haben, das Ausnahmetalent Florian Wirtz in Köln zu halten. Aber das ist unfair, vermutlich legte Bayer Leverkusen mehr Geld auf den Tisch - obwohl es eine Abmachungen zwischen Köln, Leverkusen und Gladbach gibt, sich nicht gegenseitig Talente abzujagen.

Wer sticht heraus?

Wenige. Timo Horn hat offensichtlich seine kleine Krise zum Ende der Rückrunde überwunden. Er wirkt sicherer, gibt dem Team Rückhalt, auch Innenverteidiger Bornauw und Benno Schmitz hinterlassen in der Vorbereitung einen guten Eindruck.

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Nicht gut. Das sagen in der Corona-Krise alle Schatzmeister, aber Alexander Wehrle, für Finanzen zuständig, leidet noch ein bisschen mehr. Das jüngste Geschäftsjahr wird mit einem satten Minus von 20 Millionen Euro abgeschlossen. Corona beschert dem wirtschaftlich angeschlagenen Klub – trotz Eigenkapitals von 38 Millionen – Umsatzeinbußen von 25 Millionen. Rücklagen werden schnell schmelzen. „Der FC“, ätzte der „Express“, „taumelt wie ein angeschlagener Boxer durch die Corona-Krise“. Immerhin gibt es 40 Millionen Euro an Fernsehgeld - nur drei Klubs erhalten noch weniger.

Was ist drin?

Nicht viel. Der Abstieg ist vermutlich nicht zu vermeiden. Sie ahnen es in Köln: „Es wird in jedem Fall eine schwere Saison“, unkte Vize Wettich. Können wir vollumfänglich unterschreiben.

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