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Verpasste Chance: Robert Lewandowski (l.) und David Alaba in Leipzig.

FC Bayern München

Der Meister im Wartestand

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Der FC Bayern zerstreut nach der Nullnummer bei RB Leipzig zumindest verbal alle Zweifel, dass mit dem Titel im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt noch irgendetwas schiefgehen könnte.

Die Kamerascheinwerfer im spärlich beleuchteten Erdgeschoss der Leipziger Arena schienen Uli Hoeneß direkt ins Gesicht. Im breiten Rücken des gewichtigen Präsidenten parkte der noch mächtigere Mannschaftsbus des FC Bayern. In diesem Ambiente trug der „Mia-san-Mia“-Vordenker seinen Optimismus für das von vielen Unwägbarkeiten geprägte Münchner Umbruchjahr nach außen. Er sagte, dass er „die nächsten sechs, sieben Nächte wunderbar schlafen“ werde; weil er „gar keine Zweifel“ an der 29. Meisterschaft habe. Wenn die Mannschaft nämlich „wieder so kämpft, fightet und sich reinhaut“ wie bei der Nullnummer gegen RB Leipzig – ja dann werden nach dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt die gewohnten Bilder produziert: Eine Bühne wird aufgebaut, Konfetti regnet herab und irgendwo inmitten jubelnder FCB-Profis wandert die Schale herum. Und doch liegt am Samstag zumindest noch ein Anflug von Spannung über der Arena in Fröttmaning. Der Saisonkehraus ist mehr als nur eine Folkloreveranstaltung im feierlichen Rahmen.

Dazu kommt die Pointe, dass es für Trainer Niko Kovac gegen seinen Ex-Verein geht, den er vor seinem Abflug nach München noch flugs zum umjubelten Pokalsieg führte. „Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Auch die SGE hat noch Ziele“, gab das lebenslange Eintracht-Mitglied zu verstehen. „EL oder CL.“ Europa League oder Champions League. Kovac‘ Schlussfolgerung: „Das wird nicht einfach.“ Er habe sich aber sagen lassen, dass es „eine außerordentliche Stimmung“ im letzten Heimspiel gebe, denn: „Das hatten wir vor 19 Jahren zuletzt.“

Dem FC Bayern reicht schon ein Remis gegen Eintracht Frankfurt für die Meisterschaft

Damit hatte der 47-Jährige die Geschichte seines Arbeitgebers richtig studiert: 2000 sprang der FC Bayern im Fernduell mit Bayer Leverkusen, das damals wenige Kilometer weiter in Unterhaching unterlag, gegen Werder Bremen noch auf Platz eins. Das Gute für Kovac: Schützenhilfe braucht es 2019 keine; schon ein Remis reicht. Entsprechend siegessicher formulierte der Pragmatiker: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Wenn’s ein Happyend gibt, kann ich damit leben, eine Woche warten zu müssen.“

Kritiker Karl-Heinz Rummenigge blieb sicherheitshalber im Ungefähren „Ich bin überzeugt, Niko wird nächste Woche seinen ersten Titel holen und dann werden wir gemeinsam feiern.“ Und wenn nicht? „Dann war es eine Scheiß-Saison“, erklärte Sportdirektor Hasan Salihamidzic im ZDF-Sportstudio, wo es ihm nicht gelang, in der Causa Kovac für Klarheit zu sorgen. Man wolle sich auf die „nächsten zwei Wochen“ konzentrieren, beschied Salihamidzic. Hieß übersetzt: Nur beim Double hat der Trainer seinen Job sicher.

In Leipzig schien der Rahmen für den ersten Titel nicht richtig passend. Das fing schon beim Schmuddelwetter an. Die Regenwolken hingen wie Blei über dem Sportforum. 20, 25 Minuten brauchte der Primus, um im Dauernieseln auf Betriebstemperatur zu kommen. Dann waren es die Bayern, die in einem intensiven, aber nicht hochklassigen Abnutzungskampf die besseren Chancen besaßen. Entweder stand Torwart Peter Gulacsi im Wege, der gegen Serge Gnabry (39.) oder Franck Ribery (83.) rettete; oder die Bälle flogen wie beim Freistoß von Robert Lewandowski hauchzart am Ziel vorbei (89.).

FC Bayern: Aufreger um den Videobeweis

Und dann war da ja noch der Aufreger mit dem Videobeweis, als Leon Goretzka die Kugel volley ins Tor geknallt hatte (50.). Sicherlich haben schon Bayernfans auf der ganzen Welt diesen titelverdächtigen Volltreffer bejubelt, als der Berliner Schiedsrichter Manuel Gräfe aus Köln mit einiger Verzögerung einen Hinweis ins Ohr geflüstert bekam: Lewandowski hatte vorher eine Fußspitze im Abseits gestanden. Kovac bemerkte daraufhin spitzzüngig, entscheidend sei immer, „wann auf den Knopf gedrückt wird“ – wann also der Moment der Ballabgabe bestimmt wird. Doch es war Abseits, und deshalb wolle er nicht diskutieren.

Sein Vorgesetzter Hoeneß debattierte sehr wohl: „Das so genannte Abseits ist der Witz des Jahres. Das war keine klare Fehlentscheidung. Der Videobeweis ist dazu da, um klare Fehlentscheidungen zu korrigieren“, wetterte der 67-Jährige. Das Oberhaupt sei daran erinnert, dass seine Bayern auch deswegen im DFB-Pokalfinale die Leipziger bald wiedertreffen, weil im Halbfinale in Bremen eine klare Fehlentscheidung – der Fall von Kingsley Coman – nicht korrigiert wurde.

Mit solchen Auslegungen macht sich der Fast-Champion nicht beliebter. So wurde den Sachsen mit den „Zieht-den-Bayern-die-Lederhosen-aus“-Gesängen aus ihrer Fankurve lange nach Spielschluss ein klarer Auftrag für den 25. Mai in Berlin mitgegeben. Das Gejohle dürfte Hoeneß weniger gestört haben als eine letzte Frage nach Timo Werner. Ob er sich den Neuzugang in spe ganz genau angeschaut habe? Da war mal wieder Zeit für eine richtige Medienschelte: „Ich habe auf die Grauen geschaut, nicht auf die Weißen! Ihr macht immer irgendwelche Nebenkriegsschauplätze auf. Wenn in der nächsten Woche irgendein Schäferhund einen Ordner beißt, ist das wichtiger.“ Was ein besonderes Schlusswort einer Woche gab, in der doch der Fußball endlich mal wieder in den Mittelpunkt gerückt war.

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