1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

FC Bayern München: Gibraltar auf den Fersen

Erstellt:

Von: Thomas Kilchenstein, José Carlos Menzel López

Kommentare

Klatschparade: Joshua Kimmich, Thomas Müller und Robert Lewandowski (von links).
Klatschparade: Joshua Kimmich, Thomas Müller und Robert Lewandowski (von links). © dpa

Die zehnte Meisterschaft kann für den FC Bayern nur ein Trostpreis sein - die großen Ziele wurden verfehlt.

Wie ein Titelrennen richtig aussieht, hat dieser Tage eine Sportzeitschrift zusammenaddiert. Die Leute vom Boulevard haben einfach die Punkte der beiden Titelanwärter der letzten vier Saisons in England, Spanien und Italien zusammengezählt und mit der Bundesliga verglichen, sie kamen auf ein recht erstaunliches Ergebnis: Auf der Insel betrug der Punkteunterschied zwischen Manchester City und FC Liverpool genau einen Zähler, 339:338 Punkte, ein mickriges Unentschieden in 152 Begegnungen entscheidet. In Spanien liegen zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona sechs Punkte, in Italien zwischen Juventus Turin und Inter Mailand drei Punkte - und in der Bundesliga? Zwischen den Münchner Bayern und seinem Jägerchen Borussia Dortmund sind es 38 Zähler. Spannung sieht anders aus.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Begeisterung in München über den zehnten Titel in Folge eher gedimmt daherkommt. Ja, das Saisonfazit dürfte allenfalls bedingt positiv ausfallen. Zu frisch sind die Wunden, die das krachende Viertelfinal-Aus in der Champions League gegen den Tabellensiebten der spanischen Liga aus Villarreal verursacht hat. Ins Gewicht dürfte weiterhin das nicht minder unerfreuliche Zweitrunden-Aus im DFB-Pokal gegen Gladbach (0:5) fallen, bei dem die Münchner auf die Rolle genommen wurden. Und jetzt?

Was ist diese Meisterschaft, die am Samstagnachmittag in Fröttmaning gegen Borussia Dortmund (15.30 Uhr/Sky) eingefahren kann, noch wert beim erfolgsverwöhnten Klub von der Säbener Straße? Einiges, lautet die überraschende Antwort. Denn dieser Coup ist, so unzufriedenstellend die übrigen Wettbewerbsleistungen ausfielen, doch etwas einmaliges.

Gewinnen die Bayern am Samstag, wird aus dem Rekordmeister der Rekordserienmeister. Zehnmal in Folge Deutscher Meister ist noch keine andere Mannschaft geworden in den fünf Eliteklassen des Kontinents. Besagtem Kunststück sehr nah war lediglich Juventus Turin, das von 2012 bis 2020 insgesamt neun Scudetti in der Serie A einfuhr. Und nun können die Bayern dafür sorgen, dass Grundschulabgänger keinen anderen Meister kennen als den FC Bayern. „Das ist eine Auszeichnung“, sagt Cheftrainer Julian Nagelsmann, der die Meisterschale zum ersten Mal in seiner Karriere in den Himmel recken kann. „Die Meisterschaft hat einen Tick weniger Bedeutung als der Titel in der Champions League. Trotzdem ist es der ehrlichste Titel, den man zum zehnten Mal in Folge holen kann.“ Andererseits hat er auch schon gemerkt: Ohne diesen Titel wäre er vielleicht schon kein Bayern-Trainer mehr.

Und wenn es geschafft ist? Geht die Jagd auf den lettischen Klub Skonto Riga sowie den gibraltarischen Verein Lincoln Red Imps schon weiter. Beide Mannschaften halten mit 14 Meistertiteln in Folge den wirklichen Europa-Rekord, den der deutsche Rekordserienmeister erst 2026 knacken könnte.

Ein „Delirium“, wie Ehrenpräsident Uli Hoeneß in der „SZ“ die Meistersausen zu seiner Zeit als Spieler und Manager beschrieb, dürfte dieses Mal sicherlich nicht eintreten. Denn die Schale kommt nach den jüngsten Ereignissen ein wenig als Trostpreis daher, darüber machte auch Nagelsmann selbst keinen Hehl. „Die letzten zwei Wochen trüben das Stimmungsbild“, so der Fußballlehrer. Es gebe „viele Dinge, die meine Euphorie ein bisschen runterdrücken“. Damit meint der Coach nicht nur das Aus gegen Villarreal, sondern auch den Vertragspoker einiger Leistungsträger, die damit zur Unruhe in den wichtigen Wochen der Saison entscheidend beitrugen. Bevor über die Saisonleistung philosophiert wird, muss sie erst mit dem 32. Titel standesgemäß beendet werden.

Trotz der geringen Brisanz ist diese Begegnung für Niklas Süle eine besondere, der ja im Sommer ablösefrei zum BVB wechselt. Und womöglich Nico Schlotterbeck für stolze 22 Millionen Euro vom Pokalfinalisten SC Freiburg. Mit Karim Adeyemi besteht eine grundsätzliche Einigung. Die Dortmunder müssen den Bayern vielleicht gratulieren, doch die Verantwortlichen basteln mit Hochdruck am neuen Kader für die Jagd auf den Erzrivalen. Sebastian Kehl hat bereits angekündigt, „verkrustete Strukturen im Kader aufzubrechen“ und „den Konkurrenzkampf anzuheizen“. Finanziert werden soll Schlotterbeck durch den Abgang von Manuel Akanji. Auch Dan-Axel Zagadou dürfte keine Zukunft in Dortmund haben. Routinier Mats Hummels, 33, muss befürchten, künftig nicht immer erste Wahl zu sein.

„Ein einfach weiter so“, betonte Kehl, „kann es nicht mehr geben.“ Dortmund brauche „ein paar neue, frische Spieler, die die Dynamik innerhalb der Mannschaft verändern“. Um es den Bayern künftig ein bisschen schwerer zu machen. Und um die aufstrebende Konkurrenz aus Leipzig in Schach zu halten. Die wären, ohne Saisonfehlstart, schon ein hartnäckigerer Bayern-Jäger gewesen. mit sid/dpa/kil

Auch interessant

Kommentare