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Erfolgreich, aber nicht kopflos: Der FC Bayern und Lucas Hernandez wollen auch in der kommenden Saison eifrig Pokale sammeln.

FR-Bundesliga-Tipptabelle (12)

FC Bayern München: Die Kannibalen der Bundesliga

  • Jörg Hanau
    vonJörg Hanau
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Nach dem Gewinn des Triples steht der Stern des Südens weiter ganz oben am Firmament - und wird auch in dieser Saison nicht verglühen. Die FR tippt den FC München auf Platz eins.

Was für eine Saison. Der 30. nationale Meistertitel, der 20. Pokalsieg - und dann die Krönung in Lissabon: das zweite Triple. Die jüngste Erfolgsgeschichte des FC Bayern München liest sich wie ein Märchen. Und das letzte Kapitel ist möglicherweise noch nicht mal geschrieben: Trainer Hansi Flick könne „eine Ära prägen mit dieser Bayern-Generation wie zuletzt bei den Europacup-Triumphen 1974, 1975 und 1976“, behauptet der ehemalige Münchner Meistertrainer Ottmar Hitzfeld.

Wie ist die Stimmung?

Na, wie soll die schon sein? Besser geht’s nicht. München einig Partyland - trotz Corona und Social Distance. Alle, die es mit den Bayern halten, kriegen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Sieht halt nur nicht jeder - Maske sei Dank. Aber wer auf dem Gipfel steht, der kommt irgendwann wieder runter. Trainer Hansi Flick genießt erstmal den Augenblick: „Ich habe keine Angst vor dem, was kommt“, sagt der 55-Jährige der Wochenzeitung „Die Zeit“. Warum sollte er auch.

Wie stark ist der Kader?

Zu stark für alle anderen. Und vor allem bleibt das auch so. Die Mischung aus Routiniers und den sogenannten jungen Wilden stimmt. Manuel Neuer (34) ist im aktuellen Kader der Senior, aber auch auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft. Viel besser geht’s kaum. Das gilt auch für Robert Lewandowski (32), den besten Torschützen in Europa. Der Fußballer des Jahres 2020 steht ebenso wie sein Kollege zwischen den Alustangen für Konstanz. Was zwangsläufig zu Thomas Müller (30) führt, das Duracel-Häschen im Trikot der Bayern. Nach der Ausbootung durch Jogi Löw und dem Missverständnis Niko Kovac müllert es wieder in München - und Fußball-Deutschland freut sich mit ihm. Das Comeback des Jahres feierte Jerome Boateng (31). Auch er, ganz der Alte. Die meisten Champions-League-Sieger von Lissabon haben ihre besten Jahre sogar noch vor sich: Joshua Kimmich (25), Serge Gnabry (25), Leon Goretzka (25) und Niklas Süle (24) bilden auch das Gerüst der Nationalmannschaft. Dazu gehört auch der Neue aus Manchester: Leroy Sané (24), der Königstransfer. Senkrechtstarter der zurückliegenden Saison ist unzweifelhaft der kanadische Fußballsprinter Alphonso Davies (19). Und dann wäre da auch noch die Equipe Tricolore: Kingsley Coman (24), Benjamin Pavard (24), Lucas Hernandez (24), Corentin Tolisso (26) und Mickael Cuisance (21).

Worauf steht der Trainer?

Hansi Flick, der empathische Menschenfreund, ist taktisch sehr variabel, versteht es, die Qualitäten seiner Profis optimal auszuschöpfen. Die Außenverteidiger stehen um einiges höher und Thomas Müller kann wieder den „Freigeist“ geben. Dadurch sind die Bayern in der Offensive deutlich variabler. Die Angriffe werden nicht mehr stur über die Außenstürmer initiiert. Der Trainer des Jahres 2020 steht auf hohes Pressing, wie es dereinst schon unter Pep Guardiola der Fall war. Das war ein Schlüssel zum Erfolg auf dem Weg zur europäischen Krönung. Nach Ballverlusten versuchen die Bayern, die Kugel so schnell wie möglich und so weit wie möglich in der gegnerischen Hälfte zu erobern. Flick hat es geschafft, den Spielern die dafür nötige Aggressivität und Bereitschaft einzuimpfen. Ob sich das auch im mitunter faden Bundesliga-Alltag umsetzen lässt? Flick ist kein Fantast. Er wisse sehr wohl, „das alles in dem Moment vorbei sein wird, in dem die neue Saison startet. Das entspricht ja dem Leben.“ Flick weiß um die Größe der Herausforderung vor seiner ersten kompletten Saison als Cheftrainer: „Es gibt einen schönen Satz: ‚Erfolg ist kein Besitz. Er ist nur gemietet.‘ Und die Miete ist jeden Tag fällig.“

Zu- und Abgänge

Zugänge: Leroy Sané (Manchester City), Tanguy Kouassi (Paris St. Germain), Alexander Nübel (FC Schalke 04), Adrian Fein (Hamburger SV, Leihe beendet) Abgänge: Lars Lukas Mai (SV Darmstadt 98, Leihe), Philippe Coutinho (FC Barcelona, Leihe beendet), Alvaro Odriozola (Real Madrid, Leihe beendet), Ivan Perisic (Inter Mailand, Leihe beendet), Christian Früchtl (1. FC Nürnberg, Leihe), Sarpreet Singh (1. FC Nürnberg, Leihe)

Wo hapert’s noch?

Es gibt noch ein paar personelle Fragen zu klären: Der Abgang von Thiago (29) zum FC Liverpool scheint bereits beschlossene Sache zu sein. Aber was passiert mit David Alaba (28), dem Abwehrchef des Triple-Siegers? Wir wissen es nicht - noch nicht. Seine Mannschaft werde „einige Spieler verlieren, die enorme Qualitäten haben“, sagt Trainer Hansi Flick, „das müssen wir auffangen. Wenn ich mit diesem Kader weiterarbeiten könnte, das wäre schön. Aber das ist nun mal nicht der Fall.“ Auch die Leiharbeiter Philippe Coutinho und Ivan Perisic müssen zurück nach Barcelona und Mailand. Das Transferfenster ist noch bis zum 5, Oktober geöffnet, eine ganze Weile. „Die Zusammensetzung eines Kaders kann man nie als abgeschlossen betrachten“, sagt CEO-in-Ausbildung Oliver Kahn: „Wichtig ist, dass man eine stabile Achse langfristig unter Vertrag hat. Das ist im Moment sicherlich gegeben.“

Wer sticht heraus?

Wo soll man da anfangen? Eigentlich verbietet es sich, einzelne Spieler in dieser Mannschaft hervorzuheben. Weltklasse wohin man schaut. Neuer und Lewandowski haben zweifelsohne eine Sonderstellung inne - Müller darf zwar nicht mehr unter Löw, in der Bayern-Hierarchie ist er neben Alaba aber das vielleicht wichtigste Puzzleteil. Vergleichbares gilt für Kimmich, der Wortführer der neuen Generation, die sich so gerne als „Brüder“ verstehen. Der fußballerische Allrounder besticht auf und neben dem Platz durch seine Führungsqualitäten.

Die FR-Bundesliga-Tipptabelle

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen kann ruhig schlafen. Das Festgeldkonto des FC Bayern ist proppenvoll - trotz Corona. Die viralen Einbußen werden locker durch den Sieg in der Königsklasse wettgemacht. Mit dem finalen Sieg gegen Paris Saint-Germain steigerten die Münchner ihre Einnahmen allein in der Champions League auf 115,69 Millionen Euro, sofern die Uefa wegen geringerer Erlöse aus der Vermarktung der Königsklasse keine Corona-Abschläge vornimmt. Nimmt man den zweistelliger Millionenbetrag aus dem sogenannten Marktpool und Zuschauereinnahmen aus drei Heimspielen in der Gruppenphase hinzu, bleiben unterm Strich aller Voraussicht nach mehr als 140 Millionen Euro übrig. Rekord!

Was ist drin?

Der Meister aller Klassen ist das Nonplusultra im deutschen Fußball. Im Grunde kann er sich nur selbst schlagen. Und genau darauf hofft der Rest der Liga. So lange aber der Erfolgshunger der Profis anhält, wird es für die namhafte Konkurrenz schwer bis unmöglich, den Kannibalen der Bundesliga die „Salatschüssel“ streitig zu machen. Mag langweilig klingen, ist aber nichts als die Wahrheit.

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