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FC Arsenal: Sturm und Drang in Holloway

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Von: Jakob Böllhoff

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Hat den deutschen Nationaltorwart Bernd Leno auf die Bank verdrängt: Aaron Ramsdale.
Hat den deutschen Nationaltorwart Bernd Leno auf die Bank verdrängt: Aaron Ramsdale. © IMAGO/Shutterstock

Nach Jahren des Verfalls mischt der FC Arsenal wieder die Premier League auf – mit der jüngsten Mannschaft der Liga. Nun steht der Stresstest gegen den FC Liverpool bevor.

Im Norden Londons, Stadtteil Holloway, wo der bewegte Fußballklub Arsenal zu Hause ist, sind die Geister der Vergangenheit omnipräsent, nicht alle tragen sie Unverfängliches wie ein Trikot am Leib. In der Gegend des Stadions befindet sich zum Beispiel ein berühmtes Frauengefängnis, das Holloway Prison hat historische Bedeutung, denn hier wurde im Jahr 1955 zum letzten Mal in Großbritannien eine Frau hingerichtet: Ruth Ellis. Die hatte ihren Liebhaber erschossen und wurde daraufhin gehängt. Seit 2016 ist das Gefängnis nicht mehr in Betrieb und wartet auf den Abriss, und vor einer Woche, nicht zufällig am internationalen Weltfrauentag, wurde bekannt, wie die Zukunft des Areals aussieht: Ein gewaltiger Appartementkomplex soll entstehen. Längst nicht alle in der Nachbarschaft freuen sich über die Pläne.

Wie schwer es sein kann, die Vergangenheit geschmeidig und respektvoll an die Zukunft heranzuführen, weiß man auch beim Gefängnisnachbarn Arsenal. 2006 wurde die historische und spirituelle Heimat des Traditionsklub demoliert, das Highbury-Stadion, nur zwei denkmalgeschützte Fassaden blieben stehen, als auch hier sündhaft teure Wohnungen entstanden. Arsenal zog in einen fußläufig entfernten Prachtbau für 60 000 Fans, schien auf dem Weg aber steckenzubleiben zwischen Damals und Morgen, Tradition und Moderne. 2018 erfolgte schließlich auch die Demolierung des nur scheinbar denkmalgeschützten Franzosen Arsène Wenger, der nach 22 Jahren als Trainer fortgehen musste. Doch besser wurde erst einmal nichts.

Seit sechs Jahren haben die stolzen Gunners – 13-facher englischer Meister, 14-facher Pokalsieger – sich nicht mehr für die Champions League qualifiziert, der letzte Premier-League-Titel liegt 18 Jahre zurück. Zuletzt beendete die Mannschaft die Saison zweimal in Folge auf einem sinnlosen achten Platz. Der Gipfel der Peinlichkeiten war erreicht, als das im Mittelfeld herumdümpelnde Arsenal im April 2021 verkündete, man gedenke an der – inzwischen gescheiterten – europäischen Super League teilzunehmen.

Doch wenn die Londoner an diesem Mittwoch den Tabellenzweiten FC Liverpool empfangen zum Spitzenspiel in der Premier League (21.15 Uhr/live bei Sky), sind die Qualen und die Peinlichkeiten der vergangenen Jahre fürs Erste vergessen. Leichtigkeit hat sich über Arsenal gelegt. Das Team von Trainer Mikel Arteta ist Vierter in der Tabelle, mit besten Aussichten auf den ersehnten Einzug in die Champions League, hat fünfmal nacheinander gewonnen, spielt mit der jüngsten Mannschaft der Premier League attraktiven Offensivfußball, der sehr nach Zukunft aussieht.

Das Ende des Neuanfangs

Der Klub hat es in den zurückliegenden Monaten geschafft, sich von den bleiernen Altlasten der späten Wenger-Ära zu befreien. Die Bosse um den brasilianischen Sportdirektor Edu haben es ertragen, dass es auch unter Wunschkandidat Arteta, einem ehemaligen Arsenal-Profi, keine schnellen Erfolge gab. Sie haben es ertragen, dass der 39-Jährige erst Mesut Özil und dann Pierre-Emerick Aubameyang verjagte, weil die Stars vom Kopf her nicht in der Lage waren, dem anstrengenden Spanier zu folgen. Die Coverboys sind inzwischen andere, es sind aufregende Stürmer wie der Brasilianer Gabriel Martinelli (20), die Eigengewächse Emil Smith-Rowe (21) und Bukayo Saka (20) sowie der Norweger Martin Ödegaard (23), der seinen Ruf als gescheitertes Wunderkind losgeworden ist. Auch im Tor haben die Gunners mehr Ausstrahlung, seit Aaron Ramsdale (23) im Sommer den Deutschen Bernd Leno (30) auf die Bank verdrängte.

Arsenal scheint das Ende des Neuanfangs erreicht zu haben, aber wie tragfähig Artetas schöne, neue Welt bereits ist, wird sich beim Stresstest gegen Liverpool zeigen. Das Team von Trainer Jürgen Klopp kann nach dem 0:0 von Manchester City am Montagabend bei Crystal Palace bis auf einen Zähler an den Spitzenreiter heranzurücken, und um es mal so zu sagen: Gefangene pflegt Liverpool bei so einer Chance nicht zu machen.

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