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FC Arsenal: Junges Licht

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Von: Jakob Böllhoff

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Der Schlusspunkt: Eddie Nketiah (links) erzielt das Siegtor für Arsenal.
Der Schlusspunkt: Eddie Nketiah (links) erzielt das Siegtor für Arsenal. © AFP

Der bewundernswerte FC Arsenal schlägt Manchester United und bleibt in England auf Titelkurs

Der FC Arsenal ist die beste Fußballmannschaft in England. Vor einem halben Jahr wäre das noch eine Nachricht für ein Satiremagazin gewesen. Arsenal? Dieser chronisch von Unglück und Unfähigkeit verfolgte Ex-Spitzenklub aus London, dieses zwischen Vergangenheit und Zukunft eingeklemmte Jammerwesen, das immer wieder neue Wege findet, sich zum Gespött zu machen? Das beste Team? Good one!

Ein halbes Jahr ist wenig im Fußball, und viel. Ein halbes Jahr ist wenig, um das Schicksal eines Fußballvereins herumzureißen. Aber wenn das Schicksal schon herumgerissen wurde, im Verborgenen, in einem jahrelangen, quälenden Prozess, denn das Schicksal ist eine träge Instanz, ein stures Monster – dann ist ein halbes Jahr viel Zeit, um das Ergebnis zu bewundern, in all seiner Pracht.

Und es gab und gibt viel zu bewundern beim FC Arsenal. Schon die Statistik in dieser Saison, herausragend: 19 Spiele in der Premier League, 16 davon gewonnen, zwei Unentschieden, nur eine Niederlage. Die hatte es Anfang September gegeben für das Team von Trainer Mikel Arteta, 1:3 beim alten Rivalen Manchester United, und diese einzige Niederlage war präsent am Sonntagnachmittag, als United zum Rückspiel nach Nordlondon kam. Arsenal wollte etwas beweisen. Arsenal bewies etwas. In einem mitreißenden Spiel gewannen die „Gunners“ 3:2, den Siegtreffer erzielte Stürmer Eddie Nketiah in der 90. Spielminute, und das Arsenal-Stadion, oft verspottet für seine lahme Atmosphäre, wurde zu einem Raum der Ekstase.

Arsenal ist Erster in der Tabelle, fünf Punkte vor Pep Guardiolas Fußballmaschine von Manchester City, bei einem Spiel in der Hinterhand. City oder Arsenal: einer von beiden wird englischer Meister in diesem Jahr, so viel scheint klar nach der Hälfte der Saison. United ist abgehängt, Liverpool und Chelsea haben sich im Tabellenmittelfeld abgelegt, unpässlich für jede Form eines Meisterkampfes.

„Werden uns zerstören“

City ist ein großer Gegner, aber City hat viermal die Meisterschaft gewonnen in den vergangenen fünf Jahren, das macht satt. „Wenn wir so weitermachen, wird Arsenal uns zerstören“, hat Guardiola letztens gesagt. Tatsächlich: Wer Arsenal am Sonntag gegen Manchester United sah, der konnte eine Aura erkennen, die Champions ausstrahlen, ein Narrativ der Unschlagbarkeit. Artetas Mannschaft bezwang United im besten Wortsinn, spielerisch, kämpferisch, mit Überzeugung bis zum Schluss.

Es gibt so viel zu bewundern. Es gibt den Ukrainer Oleksandr Zinchenko zu bewundern, vor der Saison wurde er von City abgeworben, bei Arsenal wirkt er im Mittelfeld wie ein Weltklassemann. Ballsicher, zweikampfstark, umsichtig. Entschlossen. Es gibt den Norweger Martin Ödegaard zu bewundern, der einst mit 16 mit dem Label Wunderkind im Nacken zu Real Madrid ging und danach viele Umwege machte, um nun, mit 23, als Arsenal-Kapitän zu reüssieren im offensiven Mittelfeld. Es gibt den Stürmer Nketiah zu bewundern, der eigentlich nur der Ersatzmann für den verletzten Starspieler Gabriel Jesus ist, inzwischen aber selbst spielt und rennt und trifft wie ein Starspieler. Es gibt den rechten Flügelspieler Bukayo Saka zu bewundern, einen sagenhaften jungen Mann, 21 Jahre alt, der das Dribbling zur Kunstform erhebt.

Arteta, Spieler bei Arsenal unter Trainerlegende Arsène Wenger, bringt all diese Talente zusammen. Er hat eine Mannschaft geformt, die den Namen verdient, und das Management um Sportdirektor Edu Gaspar hat dem Spanier die nötige Zeit gegeben.

Es hat erst zwei achte Plätze ausgehalten und in der vergangenen Saison einen fünften, obwohl der vierte und damit die heißersehnte Qualifikation zur Champions League bereits sicher schien. Es hat kluge Transferentscheidungen getroffen und sich nicht auf Wettbieten eingelassen, wie aktuell zum Beispiel beim Ukrainer Mychajlo Mudryk, der am Ende für 100 Millionen Euro beim FC Chelsea landete. Stattdessen kam der nicht minder talentierte Leandro Trossard für ein Viertel der Summe aus Brighton, am Sonntag gegen Manchester gab er als Einwechselspieler ein starkes Debüt.

Das ist Arsenal dieser Tage. Ruhig, bei sich. Die Schatten der späten Wenger-Ära haben sich verzogen. Zurück ist das junge Licht der frühen Jahre. Zurück ist die Hoffnung auf den ersten Meistertitel seit 2004. Ohne Witz.

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