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FC Andorra: Wenn Zwerge Grenzen sprengen

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Von: Daniel Schmitt

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Zweitligafußball vor imposanter Kulisse: Das Stadion des FC Andorra eingeengt von Gebirgsmassiv und Hochhäusern.
Zweitligafußball vor imposanter Kulisse: Das Stadion des FC Andorra eingeengt von Gebirgsmassiv und Hochhäusern. © Imago

Der kleine FC Andorra strebt mit dem Präsidenten Gerard Piqué, einst Welt- und Europameister, in die große Fußballwelt. Den Vermarktern des spanischen Verbands schwant längst Böses

Inmitten der Tränen, des emotionalen Abschieds vom FC Barcelona, wusste Amador Bernabeu sogleich zu berichten, was er, der gerade in die Fußballrente eingetreten Gerard Piqué, für seine Zukunft plane. „Sein größter Traum ist es, Andorra in die erste Liga zu befördern. Das ist seine Vision.“

Man muss dazu zwei Dinge wissen: Zum einen, dass Amador Bernabeu, ein stets fein gekleideter Geschäftsmann aus Barcelona, tief verwurzelt in der Stadt, weiß, wovon er spricht. Er ist einer von ihnen, ein Blaugrana, Barca für immer. Amador Bernabeu war jahrelang Vorstandsmitglied bei den Katalanen, zwischenzeitlich Vizepräsident. Ein Mann, der zwar fast ausschließlich im Hintergrund agierte, dessen Worte aber stets immenses Gewicht hatten. Und ganz entscheidend in diesem Zusammenhang: Er ist der Großvater von Gerard Piqué.

Zum anderen ist da die Sache mit Andorra, dem kleinen Staat in den großen Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien, 79 000 Einwohner:innen. Dort erlangte Piqué vor einigen Jahren einen e Zuwachs an Bedeutung. 2018 war es, als sich der damals auf hohem Niveau verteidigende Fußballer, beim FC Andorra einkaufte, als er den 1942 gegründete Verein aus Andorra la Vella, der einzigen Stadt auf der knapp 500 Quadratkilometer großen Staatsfläche, übernahm.

Der Verein drohte zu zerbrechen an Schulden von mehreren 100 000 Euro, bis Piqué kam und sie beglich - und prompt Präsident wurde. Der Präsident eines Fünftligisten, purer Amateurfußball, der vor allem dank der finanziellen Zuwendungen ihres neues Machers längst diesem Status entwachsen ist. Piqué soll dem Klub laut spanischer Medienberichte anfangs eine Kapitalspritze in Höhe von etwa 600 000 Euro zugeführt haben und seitdem jährlich mindestens weitere 300 000 Euro in die Entwicklung hineinstecken.

Im Fürstentum, das auf der Sportlandkarte bisher nur während diverser Ski-Weltcups und vor allem der Tour de France auftauchte, 1997 strampelte sich etwa Jan Ullrich am berühmten Arcalis ins Gelbe Trikot und dadurch wenig später zum einzigen Tour-Sieg eines Deutschen, spielte der Fußball bisher so gut wie keine Rolle. Nun aber mischt der FC Andorra bereits in der zweiten spanischen Liga mit, seit Jahrzehnten schon ist der Klub dem spanischen Verband angeschlossen. Aktuelle Platzierungen: Tabellenzehnter, beachtlich. Das Ziel aber ist ein anderes: der Aufstieg in La Liga. Aus Sicht von Piqué soll es gar noch höher hinaus gehen. „Eines Tages wird die Champions-League-Hymne in Andorra erklingen“, sagte der 35-Jährige bei der ersten Aufstiegsfeier mit seinem Klub. Das Projekt habe „keine Grenzen“. Die Stadien dagegen schon.

Steueroase Andorra

Das Estadi Prada de Moles, 500 Sitzplätze, wurde für den Klub unter Piqués Führung schnell zu klein, der Umzug ins Estadi Nacional, das Nationalstadion, 3306 Sitzplätze, eingeengt zwischen Hochhäusern mit allerbester Sicht aufs Grün und imposanten Gebirgsketten, war die logische Folge. Und doch: wieder zu klein. Im Herbst des vergangenen Jahres wurde die Baugenehmigung für eine rund 6000 Menschen fassende Mini-Arena genehmigt, mindestens 26 Millionen Euro teuer.

Der positiven Entwicklung des Klubs sicher nicht abträglich ist, dass Andorra ähnlich wie Monaco eine Steueroase ist, Piqué und andere Investoren also schlechtere Bedingungen vorfinden könnten. „Der Unterschied zu anderen Klubs in Spanien ist, dass hier ein ganzes Land hinter der Mannschaft steht“, erklärte der Präsident selbst einmal gegenüber der BBC.

Bei den Vermarktern des spanischen Spitzenfußballs stößt das Projekt Andorra, wie es der achtfache spanische Meister, vierfache Champions-League-Sieger, Europa- und Weltmeister, gerne nennt, nicht auf Gegenliebe - zu klein, zu provinziell, zu amateurhaft. Spiele vor wenigen Tausend Fans taugen fernab eines womöglich anfänglichen Hypes aus Sicht von Verbandsboss Javier Tebas mittel- und langfristig wahrlich nicht dazu, die Menschen rund um den Globus vor die TV-Geräte zu locken. Schlecht fürs Geschäft.

Piqué führt Investoren an

Gerard Piqué ist das egal, schließlich läuft sein Geschäft. Der Sohn eines Rechtsanwalts und einer Ärztin werkelt seit Jahren an einer Karriere nach der Karriere. Dass sich die Investorengruppe Kosmos Global Holding (KGH), die von Piqué gegründet wurde, den FC Andorra vereinnahmt hat, sind im Grunde bis zum jetzigen Zeitpunkt nur Peanuts. Überall wird von ihr in der Sportwelt investiert. 2021 kaufte KGH die spanischen Übertragungsrechte für die Copa America, ebenso wie vereinzelte für den spanischen Fußball. Für Aufsehen sorgte die Gruppe 2018, als sie mit dem Internationalen Tennisverband eine Partnerschaft über 25 Jahre einging, drei Milliarden Euro teuer wohlgemerkt, in dessen Folge öffentlichkeitswirksam der Modus des Daviscup umgestaltet wurde. Wer kann, der kann. „Die Generation der Millennials verlangt nach einem aufregenderen Tennis“, erläuterte Piqué damals seinen Ansatz von einem Finalturnier an einem einzigen Ort wider der Traditions des dezentralen Wettbewerbs. Piqués Motto: anders denken, groß denken.

Warum also nicht mit dem Zwerg aus Andorra bis in die Königsklasse vorstoßen? Bis dahin ist es trotz des bisherigen Erfolgs ein weiter Weg. Um bis in die Spitze vorzudringen, bedarf es Geduld wie anhaltende Finanzkraft. Derzeit besteht das Zweitligateam von Trainer Eder Sarabia, vormals Co-Trainer in Barcelona und von Piqué, aus eher unbekannten Profis, viele von ihnen recht jung, oft aus der Barca-Jugend entwachsen. Bester Torschütze der Mannschaft ist derweil ein Deutscher, Sinan Bakis, 28 Jahre, Stürmer, geboren in Troisdorf bei Köln, in der Jugend für Bayer Leverkusen am Ball, später in der Türkei und Österreich, versehen mit einem Marktwert von einer Million Euro.

Stars sind im Kader der Los Tricolores, der Blau-Gelb-Roten, nicht zu finden, sollte Piqué nicht doch, wie in spanischen Medien gemutmaßt, für seinen Klub irgendwann selbst auflaufen. Allzu wahrscheinlich ist dies jedoch nicht. Ganz im Gegenteil zu einer anderen Interpretation von Piqués Wirkens in den Pyrenäen. In Wirklichkeit nämlich, so heißt es, wolle er gerne einmal Präsident des FC Barcelona werden. Übung macht den Meister.

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