1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Fast schon Verrat

Erstellt:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Mit Köpfchen: Ake (re.) im Luftduell mit Valencia. Foto: AFP
Mit Köpfchen: Ake (re.) im Luftduell mit Valencia. Foto: AFP © AFP

Die Niederlande muss sich nach einem schläfrigen Auftritt gegen Ecuador mit einem dünnen 1:1 begnügen, hat dennoch beste Chancen auf den Gruppensieg. Das liegt am nächsten Gegner.

In den bunt geschminkten Gesichtern fand sich viel Enttäuschung. Wer sich als „Oranje“-Fan ins Khalifa Stadium begeben hatte, der starrte an diesem Abend irgendwann entgeistert Löcher in den Nachthimmel von Katar. Klar, ihre Lieblinge hatten ja nicht verloren, aber das enttäuschende 1:1 (1:0) der Niederlande gegen Ecuador fühlte sich ziemlich geschmacklos an. Weitgehend ohne Mut, ohne Idee und ohne Überzeugung trat ein Team auf, das früher mal Trends im Weltfußball setzte. Nun aber stand eine Darbietung, die eigentlich nicht zum Selbstverständnis passt.

Fast jeder Bondscoach wäre wohl für den Verrat an der holländischen Fußball-Idee kritisiert worden, wenn der Verantwortliche nicht gerade Louis van Gaal heißen würde, der sich in Katar auf seiner letzten Mission befindet. Immerhin redete der 71-Jährige die schwache Leistung gar nicht erst schön: „Wir haben kein gutes Spiel gemacht. Gegen den Ball haben wir es gut gemacht, aber nicht in Ballbesitz. Alle zweiten Bälle haben wir verloren. Dann kann man nicht gewinnen. Ecuador war physischer und schneller.“ Letztendlich wollte er aber keine Grundsatzschelte auf seine Mannschaft abladen: „So viele Chancen hatte der Gegner aber auch nicht, um das Spiel zu gewinnen. Daher bin ich mit dem Ergebnis, aber nicht mit dem Spiel zufrieden.“

Für das letzte Gruppenspiel gegen Katar am Dienstag hat sein Team dennoch alle Trümpfe in der Hand, schließlich wird ein Sieg gegen den bereits ausgeschiedenen Gastgeber wohl reichen, um die Vorrunde als Erster abzuschließen, während Ecuador zeitgleich gegen Senegal eine Art Endspiel um den Achtelfinaleinzug bestreitet. Dass der dreifache Vizeweltmeister nach der frühen Führung durch Cody Capko (6.) nicht mehr verdient hatte, als den überfälligen Ausgleich durch Kolumbiens Torjäger Enner Valencia (49.), der nicht nur sein drittes Turniertor erzielte, sondern auch die letzten sechs WM-Tore seines Landes, negierte in den Niederlanden niemand. Am Ende standen 2:14 Torschüsse in der Statistik. „Wir haben den Ball zu schnell verloren und zu langsam gespielt. Sie waren deutlich aggressiver. Aber am Ende haben wir immerhin ein Ergebnis geholt“, sagte Abwehrchef Virgil van Dijk.

Vom Elan überrascht

Van Gaal hatte sich mit seinem Anführer gleich am Spielfeldrand über diese merkwürdige Leistung ausgetauscht. Auch wenn der ehemalige Trainer des FC Bayern nicht die individuelle Qualität vergangener WM-Turniere vorfindet, hatte der Lehrmeister erst wieder betont, er sei hier, „um Weltmeister zu werden“. Diesen Optimismus nahm sein Ensemble nur am Anfang auf: Nach einem Ballverlust des Gegners landete der Ball über Davy Klaassen bei Angreifer Capko, der mit einem humorlosen Schuss mit links zum frühen 1:0 traf. Doch die Führung erwies sich als trügerisch. Durch eigene Passivität baute die Niederlande den recht selbstbewussten Kontrahenten auf. Auch Mittelfeldorganisator Frenkie de Jong widersprach der langen Mängelliste nicht, betonte aber: „Wir haben immer noch genug Qualitäten im Kader, um uns zu verbessern.“

Torwart-Novize Andries Noppert musste einmal seine 2,03 Meter Körpergröße ausspielen, um einen Schuss von Valencia zu entschärfen (33.). Nach dem Ausgleich hob Noppert mal schnell die Hand, um Abseits zu reklamieren, doch nach seiner Parade hatte Valencia kurz nach Wiederanpfiff völlig regulär zum 1:1 abgestaubt. Van Gaal nahm erstmal einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche. Auf den Rängen besaßen inzwischen die Ecuadorianer genauso die Oberhand wie auf dem Rasen. So hämmerte Gonzalo Plata den Ball nach einer Stunde an die Latte. Die Niederländer schienen fast verdutzt über den Elan der Ecuadorianer, die in der Schlussphase ihre dreimal erfolgreichen Goalgetter Valencia mit einer Knöchelverletzung verloren.

Der aus Argentinien stammende Trainer Gustavo Alfaro wollte hernach herausgestellt haben: „Wir haben gezeigt, dass wir gegen ein Team wie die Niederlande mithalten können. Wir haben Südamerika würdig vertreten – ein Team von uns kann Weltmeister werden.“

Auch interessant

Kommentare