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Nicht nur die Fans von Hannover 96 sprechen sich immer wieder deutlich für den Erhalt und die konsequente Durchsetzung der 50+1-Regel aus.
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Nicht nur die Fans von Hannover 96 sprechen sich immer wieder deutlich für den Erhalt und die konsequente Durchsetzung der 50+1-Regel aus.

50+1 auf dem Prüfstand

Falscher Fuffziger

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Die Ausnahmeregelungen der 50+1-Regel für Investoren-Klubs stehen in der Ligaversammlung am Mittwoch auf dem Prüfstand. Der Fußball-Bundesliga droht eine Zerreißprobe.

Wenn die Bundesligamanager ehrlich zueinander wären, müssten sie sich gemeinsam mit dem Ligaboss Christian Seifert eingestehen: Es ist eine Menge schiefgelaufen in den vergangenen Jahren: der Wettbewerb um den Titel seit fast einem Jahrzehnt maximal eintönig, die Nationalmannschaft mit dem auch von der Liga stets unterstützten Bundestrainer Löw nur noch Mittelmaß, die Talentförderung hinter England, Spanien, Frankreich und sogar Italien zurückgefallen, die Vereine bis auf Ausnahmeklub Bayern München europäisch schon lange nicht mehr erstklassig. Und nun noch obendrauf: die zweite Liga durch vermehrte Abstiege von Traditionsklubs vielerorts attraktiver als das vermeintliche Premiumprodukt Bundesliga,

All diese Fehlentwicklungen sind nicht kurzfristigen operativen Entscheidungen geschuldet, sondern Folgen strategischer Irrtümer. Einer, der mit allem zusammenhängt, soll am heutigen Mittwoch bei der mit Spannung erwarteten Mitgliederversammlung aller 36 Lizenzklubs in Frankfurt besprochen werden: die 50+1-Regel mit ihren Ausnahmen.

Kritiker sagen, die zur Jahrtausendwende eingeführte Regelung habe dazu geführt, dass Investoren die Bundesliga meiden und Deutschland somit den Anschluss an die europäische Spitze verloren hat. Befürworter argumentieren, dass die Regel die letzte Bastion ist, um eine ungehemmte Wettbewerbsverzerrung durch externe Gelder und eine weitere Entfremdung der Fans vom deutschen Profifußball zu verhindern.

Die Unterstützer der Regel sind unter Vereinsmitgliedern, Klubvorständen und im Präsidium der Deutschen Fußball-Liga (DFL) bei weitem die Mehrheit. Das Problem, das einer dringenden Lösung harrt, ist nur: Für drei Erstligisten gilt die 50+1-Regel nicht: Bei Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg und der TSG Hoffenheim haben nicht die Vereine, sondern finanzstarke Konzerne (Bayer, Volkswagen) oder superreiche Gönner (Dietmar Hopp) das Sagen, weil diese sich schon länger als 20 Jahre intensiv um ihre Profifußballer kümmern und somit von der DFL eine Ausnahmegenehmigung erhalten haben. Hinzu kommt RB Leipzig, das die 50+1-Regel mit Investor Red Bull schon bei der Gründung juristisch umschifft hat.

Für Oke Göttlich, den Vereinschef des Zweitligisten FC St. Pauli, ist schon länger klar: „Es ist nicht fair, wenn bei einem 1000-Meter-Lauf einige schon an der 900-Meter-Marke starten.“ Nicht ganz so plakativ, aber inhaltlich gleichlautend, hat sich Ende Mai das Bundeskartellamt geäußert. Die Kartellwächter machen Druck auf DFL und Klubs. Sie akzeptieren die 50+1-Regel zwar im Grundsatz, finden aber, die Ausnahmeregelung sei „unverhältnismäßig“ und würde zu einem „Wettbewerbsnachteil für die von der Ausnahme nicht profitierenden Klubs“ führen, tatsächlich würde so der Wettbewerb sogar „verzerrt.“

Lizenzklubs und DFL wissen, dass sie diese Einschätzung sehr ernst nehmen und unbedingt tätig werden sollten. „Denn“, so Pauli-Boss und DFL-Präsidiumsmitglied Oke Göttlich, „es ist ein Verstoß, Ausnahmen von dieser Regel zugelassen zu haben.“ Es müssen nun also Vorschläge auf den Tisch, um einen Ausgleich zu finden, dass Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und Leipzig den 1000-Meter-Lauf an der selben Startlinie beginnen wie die Konkurrenten. So hat beispielsweise der VfL Wolfsburg in den Geschäftsjahren 2019 und 2020 insgesamt fast 66 Millionen Euro Verlust gemacht und vom VW-Konzern ausgeglichen bekommen.

Der ehemalige DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig bezeichnete den vorläufigen Kartellamtsentscheid auf FR-Anfrage als „Steilvorlage für die DFL und die Klubs, im Sinne von 50+1 eine Lösung zu finden“. Laut Rettig wäre es „der Königsweg, wenn die drei Klubs auf ihre Ausnahmeregelungen verzichten und so zurück in die Solidargemeinschaft kehren.“ Auch von RB Leipzig erwartet Rettig eine deutliche Botschaft in dieser Richtung.

Zudem würde er „erwarten, dass der DFB sich zu dieser zentralen Frage äußert“. Denn der Verband sitze dabei satzungsgemäß „auf der Kapitänsbrücke“. Nur: Im DFB herrscht gerade mal wieder ein Führungsvakuum, wie auch in der DFL, wo die zentrale Figur Seifert vor dem lange angekündigten Absprung steht.

Einen alternativen Denkanstoß hat Ex-St.-Pauli-Geschäftsführer Rettig schon vor Jahren gegeben. Er schlug vor, die konzern- oder investorengeführten Klubs bei der Verteilung der TV-Gelder kleiner zu halten, um deren Vorteile bei der Kapitalbeschaffung auszugleichen. Die Idee könnte jetzt zwar wieder aktuell werden, ein entsprechender Zwei-Drittel-Mehrheitsentscheid der Mitgliederversammlung würde von den betroffenen Klubs aber wohl rechtlich angefochten werden. Deren Stellungnahmen weisen darauf hin, dass bei Wegfall ihrer Ausnahmeregelung ihre Existenz auf dem Spiel stehen könnte, was von Konkurrenzklubs wie Hannover 96 in einem offenen Brief bezweifelt wird. „Bekommen wir keine einvernehmliche Lösung hin, steht die Liga vor einer Zerreißprobe“, hat Eintracht Frankfurts Vorstand Axel Hellmann jüngst der „Sportbild“ gesagt.

Dass es nach dem Gutachten des Kartellamtes so nicht weitergehen kann, ist unstrittig, wie am Montag auch der 1.FC Köln in einer Mitteilung klarstellte. „Es ist offensichtlich, dass der Wettbewerb nicht gesund ist“, sagt Oke Göttlich gebetsmühlenartig. „Wir müssen uns die Finanzierungsmöglichkeiten sämtlicher Vereine angucken und eine Bewertung vornehmen dürfen: Was ist daran eigentlich gerecht?“ Und was ist dabei für den deutschen Fußball eigentlich herausgekommen?

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