Alles ganz sauber: Ein Platzwart desinfiziert eine Eckfahne im Stadion von Manchester City.
+
Alles ganz sauber: Ein Platzwart desinfiziert eine Eckfahne im Stadion von Manchester City.

Financial Fairplay

Das falsche Werkzeug

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
    schließen

Fußball-Finanzfachmann Wolfgang Holzhäuser sieht das Financial Fairplay der Uefa in dieser Form als gescheitert an und findet das auch gar nicht bedauernswert.

Nach dem Freispruch von Manchester City durch den Internationalen Sportgerichtshof Cas hat Uefa-Präsident Aleksander Ceferin sich mit Citizens-Vorstand Khaldoon Al Mubarak in einem Telefonat ausgesprochen. Das bestätigte die in der juristischen Auseinandersetzung um eine Zwei-Jahres-Sperre aus der Champions League für den Premier League-Klub unterlegene Uefa.

Wolfgang Holzhäuser kennt sich in Finanzfragen des Profifußballs bestens aus.

Für Wolfgang Holzhäuser, einen der profiliertesten Finanzexperten der Fußball-Bundesliga, ist das Financial Fairplay ohnehin „das falsche Instrument“, um Exzesse im europäischen Spitzenfußball zu kontrollieren. „So, wie die Uefa das Financial Fairplay ausgestaltet hat, führt es vor allem dazu, dass die derzeit dominanten Klubs wie Real Madrid, der FC Liverpool, Juventus Turin oder auch der FC Bayern ihre Führungsposition weiter manifestieren.“

Zwar kann der ehemalige Geschäftsführer von Bayer Leverkusen nachvollziehen, dass das Gerechtigkeitsempfinden vieler Fans geradezu verhöhnt wird, wenn Investoren binnen eines Jahrzehnts alleine an Transfers rund 1,6 Milliarden Euro in einen Klub wie Manchester City stecken, um diesen Verein zu einer europäischen Spitzengröße aufzupumpen. Jedoch gibt er zu bedenken, dass sich nur so ein breiterer spannender Wettbewerb an der europäischen Spitze entwickeln kann. Und übrigens auch national, wo in Deutschland aufgrund der finanziellen bayerischen Übermacht (siehe Grafik Personalkosten der Bundesliga) de facto ein Titel-Monopol entstanden ist. In England dagegen hätten auch die opulenten Finanzspritzen für regelmäßig wechselnde Meister gesorgt.

Der zahnlose Tiger

Unter Führung des damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini wurde das Financial Fairplay vor knapp zehn Jahren eingeführt. „Wir ziehen die Sache knallhart durch“, sagte der 2016 im Zuge einer Korruptionsaffäre vom Amt zurückgetretene Franzose seinerzeit.

Die Kernbotschaft lautete: Es darf nur in den Fußball investiert werden, was durch Fußball zum „ehrlichen“ Marktwert erwirtschaftet wurde. So wollte man milliardenschweren Investments Dritter den Riegel vorschieben. „Vergehen müssen hart bestraft werden und in letzter Konsequenz auch zum Ausschluss führen“, forderte schon 2011 Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge.
Im Zuge der Football-Leaks-Veröffentlichungen wurde bekannt, dass Paris St. Germain und Manchester City bereits in der Saison 2013/2014 nicht spürbar sanktioniert wurden, obwohl deren Bilanzen gegen die Regularien des Financial Fairplay verstießen. Das schuldhafte Defizit bei PSG betrug dem Vernehmen nach 218 Millionen, bei ManCity 188 Millionen Euro.

Der damalige Uefa-Generalsekretär und heutige Fifa-Präsident Gianni Infantino mischte sich ein und fädelte einen Deal ein. Beide Klubs kamen letztlich mit Kaderbegrenzungen von 25 auf 21 Spieler für eine Saison in der Champions League davon. jcm

Der 70-Jährige hält es für geboten, dass die Uefa eine rechtssichere europäische Lösung unter Einbeziehung der EU-Kommission anstrebt. Dem Turbokapitalismus im Profifußball mit Verbandsrecht entgegenzutreten, habe sich durch das aktuelle Urteil des Cas als unbrauchbar erwiesen. Ohnehin glaubt er, City wäre bei einer Niederlage vor dem Cas sehr aussichtsreich vor das Kartellgericht im eigenen Land gezogen oder hätte alternativ Einspruch bei den europäischen Kartellbehörden eingelegt. Denn die Crux sei ja, dass die Investoren der City-Group aus den Vereinigten Arabischen Emiraten dem Markt nicht etwa Kapital entzogen, sondern ganz im Gegenteil zugeführt hätten.

Die Personalkosten der Bundesligisten.

Ähnlich wie über das in dieser Form offenbar gescheiterte Financial Fairplay der Uefa urteilt der Fachmann inzwischen auch über seine eigene Erfindung, die 1998 hierzulande eingeführte 50+1-Regel. Sie ist international einmalig und besagt, dass in der Fußball-Bundesliga die eingetragenen Vereine und ihre Mitglieder mit 50 plus einer Stimme die Entscheidungsgewalt über die Profiabteilungen behalten sollen. „Was seinerzeit richtig war, weil die Bundesliga sich noch nicht reif dafür fühlte, sich vor einem thailändischen Gemüsehändler mit Ambitionen zur Übernahme eines Vereins zu schützen, ist es heute nicht mehr“, sagt der einstige Vizepräsident des Ligaverbandes.

Holzhäuser ist sicher, dass die Einschränkung durch 50+1 internationale Geldgeber davon abgehalten hat, in Bundesligaklubs in ähnlichem Umfang zu investieren, wie das in der Premier League der Fall geworden ist. Auch damit sei der sichtbare Rückstand der Bundesliga im internationalen Vergleich zu erklären. Seit sieben Jahren (Bayern München und Borussia Dortmund) gab es keinen deutschen Finalisten in der Champions League mehr, seit elf Jahren (Werder Bremen) keinen deutschen Klub, der in der Europa League (damals noch Uefa-Cup) das Endspiel erreichte.

Der europäische Spitzenfußball hat sich seitdem verändert, die Champions League die Umsätze eskalieren lassen. Holzhäuser sieht wenig Sinn darin, künstlich Bremsklötze in diese Entwicklung zu schieben. Und er sieht ehrlicherweise auch keinen fundamentalen Unterschied – außer in der Größenordnung – zwischen den Investments arabischer Geschäftsleute in Manchester City und dem Deutschen Lars Windhorst in Hertha BSC oder dem Österreicher Dietrich Mateschitz in RB Leipzig. Er halte diese Investitionen nicht für kritikwürdig. Sie brächten der Bundesliga die Chance ein, dass es wieder spannender könnte. Denn Klubs wie die Bayern und der BVB würden sonst dank steter exorbitanter Umsätze aus Medien, Sponsoring und Merchandising ihren Vorsprung immer weiter ausbauen. Ohne externes Kapital sei eine Konkurrenzfähigkeit kaum herzustellen. So wie Leipzig die Bundesliga belebt habe, tue das City in der Premier League. „Ich finde, daran ist nichts auszusetzen.“

Kommentare