+
Auch der begnadete Strippenzieher Rainer Koch (r.) scheint sich von Grindel zu distanzieren.

Kommentar

Der Fall Reinhard Grindel

  • schließen

Der DFB-Präsident hat die Messlatte für Regeltreue und Transparenz im DFB sichtbar höher gelegt. Jetzt hat es den Anschein, dass ausgerechnet er sie reißt. 

Es ist zwar purer Zufall, aber es ist auch bezeichnend, dass vormals wichtige Weggefährten im DFB gestern Abend nicht im Dortmunder Fußballmuseum zugegen waren, als Reinhard Grindel seine Laudatio auf die just in die „Hall of Fame“ aufgenommenen Nationalstürmer Uwe Seeler, Gerd Müller und Helmut Rahn hielt. Sein bedeutendster und schlauster und am besten vernetzter Unterstützer bei der Wahl zum DFB-Präsidenten vor drei Jahren, der bayerische Verbandschef und begnadete Strippenzieher Rainer Koch, hatte lange schon seine Teilnahme an der Ehrung der Amateurfußballerin des Jahres in Tübingen zugesagt. Grindel allein im Museum – irgendwie passt das ins Bild.

Im DFB sind sie alle miteinander ebenso entsetzt wie traurig über die Entwicklung um Grindel. Vieles spricht dafür, dass dieser in absehbarer Zeit die persönlichen Konsequenzen zieht. Denn tatsächlich lässt es sich in einer derart bedeutenden Position des deutschen Fußball kaum ertragen, sowohl medial vollkommen ungeschützt durchs Dorf getrieben zu werden als auch intern zu spüren, dass einflussreiche Leute sich abwenden. Grindel wirkt wie ein abstiegsbedrohter Trainer nach einer Niederlagenserie. In solchen Fällen kennt das Fußballgeschäft keine Gnade.

Lesen Sie dazu auch: Reinhard Grindel - Präsident ohne Volk

Grindel wurde im April 2016 als Nachfolger des über die Sommermärchenaffäre gestolperten Wolfgang Niersbach ins Amt gehievt. Kumpel Wolfgang war bei Kollegen, Spielern, DFL-Funktionsträgern und Bundesligamanagern gleichermaßen beliebt, ein entspannter Typ, den alle kannten und der mit allen konnte. Entsprechend lange hielt er sich noch im Amt, als die Öffentlichkeit längst den Finger gesenkt hatte.

Die lässige Eloquenz seines Vorgängers geht Grindel ab. Das weiß er und hat deshalb versucht, es mit unermüdlicher Detailarbeit zu kompensieren, die manchem im Verband auf die Nerven geht. Er hat zudem die Messlatte für Regeltreue und Transparenz im DFB sichtbar höher gelegt und den unbedingten Eindruck vermittelt, als sei es ihm sehr ernst damit, Überweisungen nicht in Hinterzimmer-Diplomatie auszukungeln. Jetzt hat es den Anschein, dass ausgerechnet der DFB-Präsident diese Messlatte gerissen hätte.

Grindel weiß selbst, dass er einer zunehmend kritischeren Fußball-Öffentlichkeit in diesem Zustand nicht mehr vermittelbar ist, sondern eine Belastung für den Verband darstellt. Also sollte er auch mit Rücksicht auf sich selbst und seine Familie entweder nachvollziehbar begründen, warum er das Geld angenommen hat, ohne es offenzulegen, oder sein Amt zur Verfügung stellen.

Das könnte Sie auch interessieren:

DFB sucht neuen Präsidenten: Wer folgt auf Grindel?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare