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Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge zeigt Solidarität mit Dietmar Hopp.

Sinsheim

Der Fall Dietmar Hopp: Scheinheilige Solidarität

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Die Bundesliga greift bei den Beleidigungen gegen Milliardär und Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp durch wie in keinem anderen Fall. Man kann das seltsam finden. Der Kommentar.

Was wäre eigentlich passiert, es hätte in Sinsheim nach der zweiten Spielunterbrechung, sagen wir, 1:0 für die TSG Hoffenheim gestanden? Hätten sich Bayern und Badner in den letzten 13 Minuten auch friedlich die Bälle hin und her gespielt?

Diese Frage ist müßig, es stand 6:0 für Bayern München, die Partie war längst entschieden, Gelegenheit und Wille ohne eigenes Risiko waren also vorhanden, ein vielfach zitiertes „starkes Zeichen“ zu setzen - also machten die Spieler ein Spiel zur Farce. Weil sie Schmähungen und Beleidigungen auf hoch gehaltenen Betttüchern gegen einen Mäzen nicht mehr ertragen wollten. Weil eine Linie übertreten wurde?

In Sinsheim ging es an diesem in die Annalen eingehenden 24. Bundesligaspieltag um Solidarität. Um Solidarität für einen sehr, sehr reich gewordenen Mann, der mit seinem Privatvermögen einen Dorfklub in die Bundesliga gehievt und noch viele, viele Millionen Euro mehr in soziale Projekte, in Krankenhäuser, in Forschung, in regionale Infrastruktur gesteckt hat, und der darüber hinaus DFB und DFL mit großzügigen Sponsorengeldern bedenkt. Alles zum Wohle des Fußballs.

Der Fall Dietmar Hopp: Verrutschen die Dimensionen?

Kein Mensch muss sich in der Öffentlichkeit ständig anfeinden lassen, auch sein Konterfei im Fadenkreuz zu sehen, ist nicht nur geschmacklos, es ist justiziabel. Dagegen kann man juristisch mit Privatklagen vorgehen, das tut Dietmar Hopp mit seinen Anwälten auch. Braucht dieser Mann also zusätzlich die massive Unterstützung praktisch der kompletten Bundesliga? Braucht es martialische Worte und dramatische Forderungen nach härteren Strafen, ja nach Gefängnis für vermummte Chaoten, die „Hurensohn“ auf ein Laken schreiben? Verrutschen in dieser hyperaufgeregten Atmosphäre nicht gerade die Dimensionen?

Solidarität zeigt man in der Regel mit Schwachen, mit Unterdrückten, die Hilfe benötigen, mit Menschen, die eine Schulter brauchen. Solidarität braucht etwa ein Jordan Torunarigha von Hertha Berlin, Solidarität braucht Leroy Kwadwo aus Würzburg, brauchen die vielen namenlosen schwarzen Sportler, die tagtäglichem Rassismus ausgesetzt sind, die Affenlaute in und außerhalb des Stadions ertragen müssen. Hat sich für die je einer stark gemacht, ist da ein Spiel unterbrochen worden? Wo war der Aufschrei der Bundesliga, als einer der ihren, der Schalker Clemens Tönnies, öffentlich rassistisch gepöbelt hat? Ein paar Wochen hat der Mann sein Amt als Aufsichtsratschef ruhen lassen, mehr war nicht. Ist es nur Zufall, dass Torunarigha später ausgerechnet im Schalker Stadion beleidigt wurde? Als die B-Jugend von Hertha das Spielfeld wegen rassistischer Schmähungen verlassen hatte, wurde die Partie gegen sie gewertet. Gibt es somit Opfer erster und zweiter Klasse?

Die Bundesliga wandelt derzeit auf einem sehr schmalen Grat. Wenn es künftig bei allen Beleidigungen, Schmähungen oder Geschmacklosigkeiten zur Spielunterbrechung oder Spielabbruch kommt, dürfte bald kein Bundesligaspieltag ordnungsgemäß zu Ende gehen. Auch in anderen Stadien gab es an diesem Wochenende Plakate zu sehen, wobei Dietmar Hopp als Adressat nur als Stellvertreter für grundsätzliche Kritik an den verhassten (und eigentlich vom DFB seit August 2017 aufgehobenen) Kollektivstrafen gilt. Eigentlich wäre es jetzt zwingend erforderlich, dass DFB und DFL nun die gleiche Elle, um nicht zu sagen: Härte anlegt wie jetzt gegen protestierende Fans, wenn es um Homophobie, Rassismus oder Sexismus in den Fußballstadien geht. Und vielleicht sollte man die gleichen hehren moralischen Ansprüche auch dann anlegen, wenn mal wieder ein Trainingslager in Katar organisiert oder eine WM gespielt wird oder ein Vorstandsmitglied Werbung für einen Wettanbieter macht. Vieles im bezahlten Fußball kommt nämlich extrem scheinheilig und verlogen daher, nicht erst seit dem Wochenende.`

Der Fall Dietmar Hopp: Der Karren ist ziemlich verfahren

Wie freilich kommt man heraus aus dieser sich immer weiter drehenden Spirale aus Aktion und Reaktion, auf die wieder eine Reaktion folgt? Der Spielraum ist extrem eng geworden. Der Dreistufenplan, ursprünglich entworfen, um rassistische oder antisemitische Ausfälle in den Griff zu bekommen, zwingt Schiedsrichter automatisch zu Schritten, die das Spiel verändern. Man wünschte sich bisweilen ein wenig mehr Gelassenheit, vielleicht auch Souveränität.

Zweifellos ist die Macht eines Teils der organisierten Fanszene in den letzten Jahren enorm gewachsen, wahrscheinlich sogar zu stark. Zahlreiche Klubs haben ihrem Klientel zudem viel zu viele Freiheiten eingeräumt, etwa bei der Ticketvergabe zu Auswärtsspielen. Das führte bei ihnen tatsächlich zu dem Irrglauben, Einfluss nehmen zu können, Vereinspolitik in Teilen mitgestalten zu können. Das ist natürlich Unsinn. Keiner ist größer als der Klub, und bei vielen Selbstdarstellern auf den Stehrängen drängt sich der Eindruck auf, es geht ihnen ohnehin in erster Linie um das Kühlen des eigenen Mütchens, um Aufmerksamkeit, die sich am leichtesten auf der größten Bühne erlangen lässt, die man sich hierzulande denken kann. Statt um den Fußball.

Der Karren ist ziemlich verfahren in diesem Konflikt, die Spirale der Eskalation ist so weit nach oben gedreht, dass es derzeit schwerfällt, zur Normalität zurückzukehren. Schlimmer: Vermutlich werden die Gräben nur noch tiefer. Drakonische Strafen übrigens haben noch nie sonderlich viel bewirkt.

Ganz dünnes Eis: Der Kulturkampf zwischen Fans und Verbänden dürfte im Pokal weiter eskalieren.

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