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Leere Stadien wie hier in Berlin werden auf absehbare Zeit der Alltag in der Bundesliga sein - wenn irgendwann gespielt werden kann.

Alle drei Tage ein Test

Extrawurst für die Fußball-Bundesliga

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Während der Amateurfußball bis auf Weiteres in allen Ligen die Füße still hält, entwirft die neue Task Force für den Profifußball offenbar kühne Pläne mit einem umfassenden Testprogramm – aber sind gesunde Kicker die Zielgruppe?

Für Facebook als Video viel zu lang.“ Mit dieser Einlassung beginnt Rainer Koch, der Hüter über die Amateure im Deutschen Fußball-Bund (DFB) seinen Beitrag, den er in Wort und Bild über sein Facebook-Profil eingestellt hat. Eine fast neunminütige Ansprache, an 4600 bayrischen Fußballvereine gerichtet, die aber auch Gültigkeit für 25 000 Klubs unter DFB-Obhut besaß. Am Freitag haben sich die 21 Landesverbände gemeinsam auf eine weitere Aussetzung des Spiel- und Trainingsbetriebes ab den Regionalligen abwärts verständigt.

Dem mächtigsten DFB-Vizepräsidenten, inzwischen auch Sprachrohr für den deutschen Fußball auf europäischer Ebene, war es in seiner Ansprache wichtig, den Amateurfußball als Teil der Gesellschaft zu betrachten, die sich brav an die Anordnungen hält. Wenn sich in der Öffentlichkeit nicht mehr als zwei Personen begegnen dürfen, kann kein Fußball gespielt werden. Obwohl der Anblick verwaister Sport- und Bolzplätze bei diesem herrlichen Frühlingswetter schmerzt; obwohl es mitunter fast herzzerreißend wirkt, wenn Kinder mit einem Ball unter dem Arm nach Spielpartnern Ausschau halten, aber von den eigenen Eltern ermahnt werden, nicht mit Gleichgesinnten auf einem kleinen Stück Freifläche zu bolzen.

„Es geht jetzt einzig und alleine darum, weitere Todesfälle zu verhindern. Dafür müssen wir alle staatlichen Vorgaben auch aus Überzeugung umsetzen und dürfen nicht fahrlässig werden“, schreibt und sagt der DFB-Funktionär Koch. „Mit der Diskussion über eine verfrühte Rückkehr in die Normalität, die aktuell gerade zu beginnen scheint, wird uns das aber nicht gelingen. Auch wir Fußballer sind deshalb gut beraten, uns zurückzunehmen.“ Deshalb kann und darf auf unbestimmte Zeit kein Ball rollen. Eine mögliche Fortsetzung werde übrigens mit einer Vorlaufzeit von mindestens 14 Tagen angekündigt, hieß es am Freitag von Verbandsseite.

Wegen der derzeitigen Entwicklung könnten aber keine verlässlichen Prognosen abgegeben werden, wann und in welcher Form der Spielbetrieb in den verschiedenen Ligen wieder aufgenommen werden kann. Der mitunter fast missionarisch wirkende Koch, deutlich konkreter als der in seiner jüngsten Botschaft beinahe päpstlich wirkende Präsident Fritz Keller, stellte klar, dass der neue Beschluss nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Saison 2019/20 sei. „Wir brauchen kurz-, mittel- und langfristig Klarheit. Die kann uns in dieser Minute niemand verschaffen – kein Arzt, keine Ärztin, kein Virologe, keine Virologin, kein Politiker und keine Politikerin.“ Man müsse auch gemeinsam erörtern, „ob wir Amateurfußballer überhaupt ohne Zuschauer spielen wollen und können. Amateurfußball ist in dieser Hinsicht völlig anders als Profifußball zu sehen.“

Wie Recht er damit hat. Denn während die Amateure beschlossen haben, die Füße still zu halten, scheinen die Profis wie Rennpferde zu warten, wieder aufs Gelände zu dürfen. Ob in Kleingruppen oder nur zu zweit: Hauptsache raus mit Ball am Fuß. Am Montag endet bereits die ohnehin nicht von allen Profiklubs befolgte Empfehlung, kein Training in der Gemeinschaft zu veranstalten. Alle sollen sich für den Tag X bereithalten, für den die Deutsche Fußball-Liga (DFL) eine Task Force gegründet hat, die unter Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer den medizinischen Rahmen für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs ausloten soll. Dessen Gremium soll Vorschläge machen, wie „eine engmaschige, unabhängige Testung von Spielern und weiterem Personal durchgeführt werden kann“, hieß es in der DFL-Mitteilung.

Laut des MDR sollen die Profis alle drei Tage auf eine mögliche Infektion mit dem tückischen Virus getestet werden. Bei einem positiven Befund sollen nicht mehr alle Spieler der Mannschaft in Quarantäne geschickt werden, sondern nur der infizierte. Zudem müssten die Teams zu einer Partie antreten, wenn sie 13 Feldspieler und zwei Torhüter zur Verfügung haben. Dementiert wurden die Details von DFL-Seite nicht, und so verraten sie, welche kühnen Szenarien es benötigt, um in einer virenfreien Sonderzone den Rest der Saison noch durchzupeitschen. DFL-Chef Christian Seifert hatte versicherte, man wolle keine Sonderbehandlung.

Allein in der Bundesliga spielen fast 500 Profis. Würden diese nun wirklich alle drei Tage auf Sars-CoV-2 untersucht, kämen für beide Lizenzligen in einem Monat allein für die Spieler schon 10 000 Tests zusammen. Dazu eine nicht näher zu beziffernde Zahl aus dem direkten Umfeld jedes Klubs. Das würde einen enormen Testaufwand bedeuten. Doch in den Laboren tun sich bereits Engpässe an Arbeitsmaterialien für die derzeit in Deutschland durchgeführten 300 000 Tests pro Woche auf. Unter anderem werden die Chemikalien sowie die Entnahmesets langsam knapp. Deshalb werden die Tests anhand der Kriterien des Robert-Koch-Instituts priorisiert.

„Vorhandene Testkapazitäten gilt es für medizinisches Personal, Sicherheitsorgane und weitere besonders gefährdete Personen, wie Hochrisikogruppen unter den Patienten und Patientinnen, zu sichern“, heißt es. Das hört sich ganz und gar nicht danach an, warum kerngesunde Kicker zu den Testpersonen gehören sollten. Der Profifußball wird viel Überzeugungsarbeit brauchen, warum ihm diese Extrawurst gebraten werden soll.

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