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Flankt wie in alten Frankfurter Tagen: Sebastian Jung.

Hannover 96

Ex-Eintrachtler Sebastian Jung: Neuer Anlauf in Hannover

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Der lange verletzte Ex-Frankfurter will bei Hannover 96 „zurück auf die Fußballbühne“.

Es ist noch unklar, wie gut die Stimmung am Samstag sein wird. Für diesen Abend hat Martin Kind, der Präsident von Hannover 96, die ganze Mannschaft des Bundesliga-Absteigers mitsamt Frauen und Kindern in sein Hotel Kokenhof in Großburgwedel zum Grillabend eingeladen. Schöne Sache, so was, aber ob es eventuell sogar wunderschön wird, hängt vom Geschehen knapp 24 Stunden früher ab. Dann sind die Niedersachsen zum Zweitligaauftakt am Freitagabend (20.30 Uhr) beim VfB Stuttgart zu Gast. „Auswärts beim Top-Favoriten, das ist der größtmögliche Gradmesser, daran können wir uns orientieren“, sagt der neue Sportchef Jan Schlaudraff.

Der ehemalige Nationalspieler will bei den 96ern ganz bestimmt nicht den „Oberboss“ spielen, erstens, weil er möchte, „dass die Jungs 24 Stunden lang immer zu mir kommen können“, und zweitens, weil nun mal der „Big Boss der Herr Kind“ ist. Und der habe „klar gesagt, dass er nicht mehr bereit ist, so in Vorleistung zu gehen, wie er das in der Vergangenheit getan hat““ Schlaudraff muss deshalb mit spitzem Bleistift rechnen. Die Stürmer Ihlas Bebou für 8,5 Millionen und Niklas Füllkrug für 6,5 Millionen Euro sind nach Hoffenheim und Bremen verkauft. Prominentester Neuzugang ist Ex-Nationaltorwart Ron-Robert Zieler, der weniger als eine Million kostete.

50 - 75 Spielerangebote - pro Tag

Schlaudraff kennt sich in der Branche gut aus, zwei Jahre lang arbeitete er für eine Spielerberatungsagentur, aber richtiggehend überrascht war der 36-Jährige dann doch, als ihm gewahr wurde, wie es einem leibhaftigen Sportdirektor in der zweiten Liga geht. An manchen Tagen, berichtet Schlaudraff, seien ihm von Beratern „zwischen 50 und 75 Spieler angeboten worden“. Da soll mal einer den Überblick behalten.

Einer, der es schließlich in den neuformierten 96-Kader schaffte, ist gespannt auf den Saisonbeginn und ein bisschen auch auf die Party beim Präsidenten. Denn Sebastian Jung, einst in Diensten von Eintracht Frankfurt, kennt Martin Kind bislang noch nicht persönlich, wiewohl der Rechtsverteidiger das vierwöchige Vorbereitungsprogramm unter Trainer Mirko Slomka komplett absolviert hat.

Gerade ist der 29-Jährige fertig mit dem Vormittagstraining, hat noch kurz in der Sauna regeneriert und sich ins Kältebecken begeben. Jetzt sitzt er in einem VIP-Raum der Arena mit Blick aufs Spielfeld. Da unten will er es zum Stammspieler schaffen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Er hat es gut gemacht in der Vorbereitung. „Ich konnte jede Trainingseinheit mitmachen, bin gesund und bereit für den Start.“ Jetzt will er „zeigen, dass ich noch kicken kann“.

Sebi Jung fühlt sich wohl in Hannover

Beim Schwitzen in der Sauna ist er schon der wichtigste Mann im Kader, die Mitspieler haben bald bemerkt, dass der vom Boulevard prompt zum „Sauna-Sebi“ Erkorene die besten Aufgüsse hinkriegt, sogar mit Zitrone und Blutorangearoma. Hat er in Wolfsburg gelernt, wo Jung fünf Jahre unter Vertrag stand, aber nach einem Kreuzbandriss im Februar 2016 in der Champions League in Gent und einer anschließenden Verletzungsodyssee nur noch genau sieben Mal in der Bundesliga zum Einsatz kam.

In Wolfsburg ist Jörg Schmadtke der verantwortliche Sportmanager, einer der besten Kumpels von Jan Schlaudraff. Das Vertrauensverhältnis der beiden war beim Jung-Transfer sicher nicht hinderlich. Erstmal hat er nur einen Ein-Jahres-Vertrag bekommen, in Hannover wollen sie sehen, wie er sich macht. Sebi Jung ist die paar Kilometer von Wolfsburg in die Landeshauptstadt umgezogen. Er fühlt sich wohl hier. „Die Stimmung ist sehr gut, wir haben viel Spaß miteinander. Aber dazu gehört dann natürlich auch eine erfolgreiche Saison“, sagt er, „wir wollen oben dabei sein und wenn möglich auch aufsteigen. Ich denke, wir können eine sehr gute Rolle spielen.“

Der Vorgesetzte Schlaudraff stimmt Jung zu: „Wir haben auf jeden Fall eine Mannschaft, die in der zweiten Liga viele Spiele gewinnen kann. Stuttgart ist Top-Favorit. Dann kommen wir mit einigen anderen,“ Schlaudraff zählt auf: „Der HSV, Nürnberg, auch Heidenheim hat sich stabilisiert, St. Pauli – aber da müssen wir uns nicht verstecken.“

So wollen sie auch in die Spiele gehen. „Wir werden in den meisten Spielen viel Ballbesitz haben und nach Ballverlust schnellstmöglich ins Gegenpressing kommen“, erläutert Sebastian Jung und klingt selbstbewusst. Der Fußball hat dem Jungen aus Königstein im Taunus eine Menge gelehrt, vor allem, mit Rückschlägen klarzukommen. Manche mögen es vergessen haben, er selbst natürlich nicht: Im Mai 2014 absolvierte er sein einziges Länderspiel, ein 0:0 in Hamburg gegen Polen, in der 70. Minute eingewechselt für Kevin Volland. „Das Trikot habe ich natürlich behalten. Das hängt bei meinen Eltern. Den Tag werde ich nie vergessen: das erste Länderspiel für mein Land. Das nimmt mir ja keiner mehr.“

Noch immer Kontakte nach Frankfurt

Kurz darauf entschied er sich, von Frankfurt nach Wolfsburg zu wechseln, ein großer Vertrag war das damals, in einer längst vergangenen Zeit. Er kam vor fünf Jahren als Nationalspieler und ging nun als Zweitligaspieler. Er hat diese Rolle angenommen, ganz so, wie Schlaudraff das sehen möchte: „Wir mussten den Spielern klar machen, dass sie weniger verdienen und wir dennoch mehr erwarten, als sie letzte Saison gezeigt haben.“ Das Credo des Sportchefs: „Wir müssen uns gegenseitig dabei anstecken, immer hundert Prozent zu geben.“ Sebi Jung, als einstiger Bäckergeselle harte Arbeit gewohnt, ist bereit dazu. „Ich will auf die Fußballbühne zurückkehren, dort Gas geben und glaube, dass ich das noch ein paar Jährchen tun kann.“

Kontakte nach Frankfurt pflegt er nach wie vor. Diesen Dienstag hat er natürlich nicht vergessen, dem alten Teamkollegen Alex Schur zum Geburtstag zu gratulieren. „Auch zu Basti Oczipka habe ich noch guten Kontakt, mit Seppl Rode schreibe ich regelmäßig, und bei Pirmin Schwegler habe ich mich vorher informiert, wie es in Hannover ist.“ Auch seine alten Freunde aus Kinderzeiten im Rhein-Main-Gebiet sind ihm geblieben. „Mit denen bin ab und an noch in Frankfurt unterwegs.“ Aber damit ist nun erst einmal Schluss. Die Pflicht ruft. Erst in Stuttgart, dann beim Präsidenten.

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