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„Es ist ein desaströses Bild“

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Von: Jan Christian Müller

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Die Querelen bleiben beim DFB. Foto: dpa
Die Querelen bleiben beim DFB. © Hendrik Schmidt/dpa

Der Würzburger Professor und Fanforscher Harald Lange sieht in der Kampfabstimmung zum DFB-Chef aber auch eine Chance - man muss sie allerdings auch zu nutzen wissen.

Professor Lange, Sie forschen gerade danach, wie die Menschen im Land über den Deutschen Fußball-Bund denken. Mal kühn vorausgesagt: Sehr viele Einser und Zweier dürfte es in der Umfrage wohl kaum geben.

Dass die Stimmung um den DFB nicht die Beste ist, weiß ich tatsächlich auch ohne Studie. Wir wollen das medial geführte Missbehagen, das über den DFB geäußert wird, empirisch belegen, um die Stimmungslage auch mit Zahlen auf den Punkt zu bringen.

Der DFB hat nicht erst seit kurzem ein schlechtes Image. Schon in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends brüllten Fans nach Schiedsrichterentscheidungen: „Vorfelder raus“ und meinten damit nicht nur den damaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder als Person. Sondern den Verband insgesamt. Was ist jetzt anders?

Der Fußball hat seitdem eine viel größere Beachtung bekommen. Er ist nach der WM 2006 in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gleichzeitig wurde unfassbar viel Geld in den Fußball gepumpt. Das hat Begehrlichkeiten, Neid und Missgunst geweckt. Ich sehe eine gegenläufige Entwicklung: einen Anstieg der gesellschaftlichen Bedeutung des Fußballs auf der einen Seite und gleichzeitig ein Bröckeln an der Basis. Der DFB verliert seit Jahren Tausende von Jugendmannschaften, es ist ein desaströses Bild. Die Beteiligung im Ehrenamt geht ebenfalls zurück. Eigentlich müsste das System blühen, stattdessen steht das System entschieden in Frage.

Warum ist das so?

Der Vertrauensverlust in eine gute Führung des Verbands ist massiv. Das war anfangs ein Thema in der Fankurve, dann auch in den Medien, und inzwischen kann man beobachten, dass es mit handfesten Argumenten in der Gesellschaft angekommen ist. Die Leute fragen sich: „Was tun die im DFB eigentlich gegen diesen Vertrauensverlust?“

Sie wählen nach dem Rücktritt von Fritz Keller im vergangenen Frühjahr zumindest bald einen neuen Präsidenten, erstmals in einer Kampfabstimmung.

Aber haben sie die eigentlich anstehenden Reformen ihres Verbandes derweil wirklich vorangetrieben? Mein Eindruck ist: Der DFB hat ein Jahr verschlafen.

Die größte öffentliche Kritik gibt es derzeit daran, dass der unabhängige Vergütungsausschuss, der transparent die Bezahlung der Funktionäre streng regelt, nach nur drei Jahren wieder abgeschafft werden soll. Es entsteht der Verdacht: Haben die Führungskräfte im DFB nicht verstanden, was das für eine Botschaft nach draußen ist in dieser doch ohnehin sehr angespannten Phase, in der so viel Vertrauen verloren gegangen ist?

Sie haben es tatsächlich nicht verstanden. Es ist unverständlich, wie man einen solchen Antrag in dieser Zeit der gesellschaftlichen Stimmungslage einbringen kann, noch dazu völlig intransparent mit ganz schwachen Argumenten.

Es hieß von DFB-Seite, die Zeit sei zu kurz gewesen, den Antrag auszuformulieren.

Das ist unglaubwürdig. Wenn zu wenig Zeit gewesen sein sollte, was ich bezweifle, dann hätte man es ja besser vorbereiten und in vier Jahren zum Thema machen können. Wenn man es dennoch per Dringlichkeitsantrag kurzfristig durchzieht, darf man sich nicht wundern, dass die Basis das nicht toll findet.

Dahinter könnte stecken, dass die beiden Interimspräsidenten Rainer Koch und Peter Peters sich keineswegs gegenseitig unterstützen. Im Gegenteil: Peters ist gegen die neue Vergütungsregelung, Koch dafür. Peters möchte, dass Koch kein Amt mehr bekommt, Koch will verhindern, dass Kandidat Peters Präsident wird.

Sie setzen mit Blick auf ihre unterschiedlichen Standpunkte, wenngleich etwas abgemildert, das fort, was wir in der schäbigen Auseinandersetzung in der DFB-Spitze seit Jahren präsentiert bekommen. Aber die aktuelle Entwicklung ist andererseits auch konstruktiv. Alle Leute können sehen: Es gibt unterschiedliche Interessen und eine öffentliche Debatte. Eine solche Debatte hat es vor DFB-Wahlen noch nie gegeben.

Erstmals scheinen nicht alle Absprachen vorab getätigt und beim DFB-Bundestag nur noch abgenickt zu werden, sondern es gibt einen echten Wahlkampf. Nennt man das nicht Demokratie?

Ja, es findet im DFB etwas statt, was zu einer Demokratie eigentlich ganz selbstverständlich dazugehört. In der Politik ist das gang und gäbe, im Fußball sind wir damit völlig unerfahren und lernen jetzt dazu: dank Peter Peters und Bernd Neuendorf, die sich bereiterklären, gegeneinander zu kandidieren.

Peters ist doch eigentlich sehr mutig. Er weiß, dass er keine Chance hat, aber die will er nutzen. Warum tut er das?

Weil er sich augenscheinlich konkret eine Chance ausrechnet. Vor vier, fünf Wochen hat doch noch niemand ernsthaft gedacht, dass Peters gewinnen könnte. Viele glaubten, seine Kandidatur sei nur eine Nebelkerze und er würde dann schon irgendwie eine Aufgabe im DFB bekommen, um sein Fifa-Mandat zu sichern. Das wäre dann das alte System: Wir schachern uns die Posten zu und jeder wird gut entlohnt. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass Peters´ Chancen steigen.

Die Chefs der 21 Landesverbände haben sich aber schon fast einstimmig festgelegt, für Neuendorf zu stimmen.

Ja, aber jetzt kommt eine Selbstverständlichkeit demokratischer Verfahren in die Diskussion: die geheime Wahl! Jeder, der diese Debatte verfolgt, hat damit ein Paradebeispiel, warum geheime Wahlen in demokratischen Prozessen so bedeutend sind. Wir sehen eine interessierte Seite im DFB, die diese geheimen Wahlen verhindern will, und eine, die sie unbedingt durchsetzen will. Für mich ist das ein Lernfall für Demokratie.

Es gibt aber auch die Frauengruppe „Fußball kann mehr“, die vehement gefordert hat, der DFB möge eine Doppelspitze mit einem Mann und einer Frau an der Spitze bilden. Die Frauen liefen damit gegen eine Wand. Ist die Gesellschaft schon viel weiter als der DFB?

Die Gesellschaft ist deutlich weiter. Der DFB hat einen riesengroßen Nachholbedarf. Er hätte dankbar sein müssen für diese Initiative von hochkompetenten Frauen. Jede andere Organisation hätte sofort versucht, mit dieser Gruppe ins Gespräch zu kommen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Frauen nicht aufgegeben hätten.

Wäre es übertrieben, zugespitzt zu formulierten: Sie sprangen als Tigerinnen und landeten als Bettvorlegerinnen?

Finde ich schon. Denn die Frauen um Katja Kraus haben mit ihrer Vorbildwirkung ganz viel ausgelöst. Womöglich hat auch die Bereitschaft der Sportwissenschaftlerin Silke Sinning vom Hessischen Fußballverband zur Kandidatur als Vize-Präsidentin damit zu tun. Sinning traut sich nun bezeichnenderweise, gegen Rainer Koch, den mächtigsten Mann im DFB, anzutreten.

Allerdings muss sie von einem Landesverband oder der Deutschen Fußball-Liga noch nominiert werden bis spätestens zum 11. Februar. Ihr hessischer Landesverband hat das schon abgelehnt.

Und doch erkennt man in der Kandidatur des Peters-Teams, genau wie bei der Frauen-Initiative, dass auch die Basis eine Debatte mitbekommt. Das System DFB wird daraus lernen, auch wenn einige der mächtigen DFB-Bosse das derzeit völlig anders sehen.

Die Basis guckt genauer hin, was passiert?

Ja. Und sie stellt fest, welche Macht die 21 Landesfürsten besitzen, die ja nicht aus Zufall so heißen, sondern weil sie in ihrem Habitus wie Fürsten agieren.

Die Landesverbände stellen die Wahlmänner- und -frauen. Die Macht ist also sehr konkret.

Ja, und die zeigen sie uns auch. Und wir fragen uns: Wie frei sind die Delegierten tatsächlich, sich ein eigenes Urteil zu bilden und sich dann für den einen oder anderen Kandidaten zu entscheiden?

Müssten die Landesverbände nicht ihre Vereine abfragen, ehe sie wählen gehen?

Ja, eigentlich schon. Aber das wird eher nicht passieren. Das tun wir deshalb in unserer Umfrage. Jetzt können sich diejenigen profilieren, die das System reformieren möchten: Erstens, wir wollen die Basis mitnehmen, zweitens, wir wollen das Wahlsystem überprüfen, und drittens: Wir wollen eine öffentliche Debatte um Ideen, nicht um Macht.

Eine inhaltliche Diskussion findet ja durchaus statt!

Stimmt, und Peter Peters hat sich zu einem absoluten Tabubruch getraut, indem er neben Silke Sinning mit Ralf Viktora einen weiteren Funktionär aus Hessen gegen den ausdrücklichen Wunsch des Landesverbandes in sein Team holte. Peters Botschaft ist: Das System soll durchlässiger werden. Das wirkt als bedrohlicher Affront gegen diejenigen, die die Ochsentour in die erste Reihe schon geschafft haben. Jetzt kommen da nämlich welche aus der zweiten Reihe. Das wäre eine gute Botschaft nach draußen für Leute mit guten Ideen. Es sei denn, das System DFB frisst Sinning und Viktora auf.

Erwarten Sie zum ersten Mal bei einem DFB-Bundestag auch eine echte Debatte im Bonner World Conference Center?

Das kann ich mir nur dann vorstellen, wenn es gelingen sollte, den Zusammenschluss der 21 Landesverbände aufzulösen. Wenn also einzelne Landesfürsten das Fürstentum aufgäben.

DFB-Funktionäre haben auch in der Coronazeit oft wiederholt: „Der Fußball ist das letzte Lagerfeuer der Nation.“ Was stimmt an diesem Satz noch?

Nichts!

Was gilt also?

Ich würde den Satz umformulieren: Der Fußball könnte das letzte Lagerfeuer unserer Gesellschaft sein. Wenn es denn brennen würde.

I nterview: Jan Christian Müller

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