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„Es hat jede richtig Bock zu verteidigen“

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Von: Frank Hellmann

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Die Rangfolge im deutschen Tor bei der EM: Merle Frohms vor Almuth Schult. imago images
Die Rangfolge im deutschen Tor bei der EM: Merle Frohms vor Almuth Schult. imago images © Christian Schroedter/Imago

Torwarttrainer Michael Fuchs zu seiner Vorliebe für England, den Parallelen zur WM 2007 und zur Entwicklung des Frauenfußballs.

Herr Fuchs, Sie sollen aus der gesamten Delegation des deutschen Frauen-Nationalteams der größte England-Fan sein.

Ich habe keinen größeren bei uns gefunden.

Woran liegt das?

Ich habe Englisch studiert, aber hatte nie die Gelegenheit nach England zu gehen. Ich war mit 28 mal für eine Woche zum Probetraining in Wolverhampton – und fand es faszinierend, wie dort trainiert und gespielt wird. Auch die Landschaft mit ihren kleinen Felder, den vielen Hecken hatte es mir so angetan, dass ich zu einer Sprachschule bei Gasteltern gegangen bin. Seitdem bin ich von Südwest-England ein riesengroßer Fan. Ich mache jedes Jahr Urlaub hier, komme mit der Fähre im Auto.

Wenn Sie so schwärmen, müsste man mit einigen England-Vorurteilen aufräumen?

Dass immer das Wetter schlecht ist, stimmt zumindest für den Süden nicht. Und dass das Essen immer schlecht ist oder es nichts zu sehen gibt, da würde ich auch widersprechen. Ich habe eine Mitgliedschaft bei National Trust, um mir historische Häuser und deren Gärten anzusehen. Ich erlebe so viel Kultur und viel Humor. Kürzlich war ich im Kew Garden an der Themse.

Die Nationalspielerinnen bekommen wegen der Corona-Gefahr relativ wenig von Land und Leute mit.

Natürlich ist es schade, dass sie nicht richtig eintauchen können, aber ich finde, dass wir für unsere Mannschaft einen guten Kompromiss zwischen möglichen Freiheiten und nötigen Einschränkungen gefunden haben, um diese EM ohne Ausfälle zu überstehen.

Es hat am vergangenen Sonntag einen Teamabend an der Tower Bridge gegeben, dann würde es doch passend, nächsten Sonntag auch das Wembley-Stadion beim Finale zu sehen.

Es wäre wünschenswert das in der Reihe der Sehenswürdigkeiten noch mitzunehmen (lacht). Da hat keiner aus dem Team eine andere Meinung dazu.

Zuvor geht es im Halbfinale in Milton Keynes nun ja gegen Frankreich. Sie haben in einer Kladde stehen, wer die fünf Schützinnen fürs Elfmeterschießen wären, oder?

Ich habe die Aufgabe bekommen, da mal drüber Buch zu führen, wenn wir nach dem Training noch Elfmeter üben. Daher wissen wir schon, wer nach der Statistik die Favoritinnen wären. Aber wir wissen ja gar nicht, wer noch auf dem Platz steht und wie die einzelne Spielerin fühlt.

Welche Erinnerungen kommen an das Viertelfinale bei der WM 2015 hoch, als die lange überlegenen Französinnen im Elfmeterschießen unterlagen?

Die Bilder habe ich noch präsent. Ich denke vor allem an diese Halle in Montreal, die ich furchtbar fand. Dass damals die WM auf Kunstrasen gespielt wurde, war nicht schön. Zumal der kanadische Kunstrasen nach verbrannten Autoreifen gerochen hat, wenn die Sonne drauf schien.

Jenes Elfmeterschießen hatte 2015 Nadine Angerer entschieden. Sie waren vor der WM 2007 als Torwarttrainer dazu gekommen, als Angerer gerade Silke Rottenberg abgelöst hatte und ohne Gegentor Deutschland mit zum Titel führte. Jetzt hat wieder eine Wachablösung im Tor stattgefunden, und Merle Frohms ist noch ohne Gegentor. Sehen Sie da eine Parallele?

Eine gute Frage. Zufall sollte das nicht sein, aber man hat gegen Österreich mit ein paar Pfostenschüssen gesehen, dass zu solch einer Serie auch glückliche Momente gehören. Aber Merles Situation ist nicht mit der von ‚Natze‘ zu vergleichen, die damals in deutlich höherem Alter Stammtorhüterin geworden ist.

Aber die Abwehrhaltung scheint doch ähnlich ausgeprägt wie damals beim zweiten WM-Titel?

2007 bin ich mit wenig Erfahrung im Frauenfußball zu meinem ersten großen Turnier gereist. Ich habe dann gemerkt, wie ein Team im Laufe der WM von einer Welle erfasst wurde – und diese Welle hat uns durch China getragen. Uns hat in England auch eine solche Welle durch die Vorrunde getragen, die unheimlich viel Energie erzeugt. Es hat hier jeder richtig Bock zu verteidigen. Vergleichbar mit 2007.

Noch einmal zurück zu den Torhüterinnen: Silke Rottenberg, Nadine Angerer und Almuth Schult sind prägende Charaktere, sehr robust, sehr meinungsstark, sehr dominant – auch nach außen. Merle Frohms passt nicht in dieses Schema.

Zur person

Michael Fuchs trainiert mit kurzer Unterbrechung seit 2007 die Torhüterinnen beim deutschen Nationalteam. Zuvor war der gebürtige Nürnberger von 2000 bis 2005 Torwarttrainer beim 1. FC Nürnberg, wo er selbst auch in der zweiten Mannschaft spielte. Der 52-Jährige, den alle nur beim Spitznamen „Mix“ rufen, gilt seit vielen Jahren als guter Geist bei den DFB-Frauen. Zuletzt arbeitete er auch bei der Männer-Nationalmannschaft für die vier Nations-League-Spiele im Juni im Trainerteam mit. hel

Sie ist sicherlich ein anderer Typ. Aber eine Torhüterin muss auch nicht ein bestimmter Charakter sein. Wenn ich Silke (Rottenberg) und ‚Natze‘ (Angerer) in einen Topf werfen würde, steigen mir heute noch beide aufs Dach (lacht). Die Gesamtkomposition muss stimmen, eine Torhüterin gegenüber der Mannschaft authentisch sein. Merle ist ein Typ für sich, die ihren eigenen Weg geht. Als Ersatztorhüterin von Wolfsburg nach Freiburg, dann Frankfurt jetzt zurück nach Wolfsburg als Nationaltorhüterin: Es wird spannend, ihren weiteren Weg zu beobachten.

Wie geht Almuth Schult im täglichen Training mit der Situation um?

Sie akzeptiert ihre Rolle und versucht diese auch möglichst gut auszufüllen. Es ist ja nicht damit getan, die Handschuhe auf der Bank anzuziehen, falls sie in die Hütte muss. Sie spielt eine wichtige Rolle: Allein mit ihren Kindern verbreitet sie so viel Freude im Mannschaftskreis – das ist wirklich toll. Auch Ann-Katrin Berger nimmt einen wichtigen Part ein. Das möchte ich nicht vergessen haben.

Sie trainieren also keine frustrierte Ersatztorhüterin?

Das wäre schlimm. Das hatte ich einmal 2007 mit Silke und ‚Natze‘, als sie sich vor einem Training nur angegiftet haben. Ich habe zu beiden auf der Fahrt zum Platz nach Wuhan gesagt, dass ich mit Uschi Holl alleine trainiere. Die beiden sollten so lange laufen gehen sollen, bis sie sich vertragen und dann zum Torwarttraining dazustoßen. Sonst hatte ich aber nie schlechte Stimmung im Torwartteam.

Sie werden als der gute Geist beschrieben. Wie macht man das?

Ich finde es halt viel angenehmer, wenn man auch lachen kann. Ich kann auch viel über mich selber lachen. Ich rede manchmal doch nur Blödsinn, damit etwas Blödes zurückkommt. Das klappt hier im Team. Aber ich habe auch eine dankbare Rolle. Ich muss mich doch hauptsächlich um drei Torhüterinnen kümmern und kann für den Rest die gute Seele sein (lacht).

Martina Voss-Tecklenburg sagt, dass sie als Bundestrainerin nicht in den Torwartbereich reinredet. War Silvia Neid früher auch so?

Silvia hat sicher auf mein Torwarttraining und meinen Bereich mehr Einfluss genommen als Martina, aber mit beiden bin ich gut zurechtgekommen bin. Jede hat ihre Art.

Wie ähnlich sind sich die beiden eigentlich?

Parallelen sehe ich nicht. Dafür haben sie einen zu unterschiedlichen Führungsstil, aber es gibt ja verschiedene Wege im Umgang, die zum Erfolg führen. Am Ende muss klar kommuniziert werden, und eine Mannschaft muss wissen, woran sie ist.

Sie haben in der Ära unter Silvia Neid viele Erfolge erlebt: Neben dem WM-Titel 2007 gab es am Ende den Olympiasieg 2016, aber auch zwei EM-Siege: 2009 gab es ein oft vergessenes Finale, das Deutschland mit 6:2 gegen England gewonnen hat.

Oh, das war in Finnland! Schöne Sache, schöner Sieg, schönes Turnier, aber da war England noch in einem völlig anderen Zustand. Gerade der Verband hat enorm viel im Frauenfußball getan, um aufzuholen. Falls es zu diesem Endspiel kommen sollte, glaube ich nicht, dass sich solch ein Resultat wiederholt!

Was hat sich seitdem am meisten im Frauenfußball verändert?

Es ist wesentlich athletischer geworden; im positiven Sinne. Und es gibt eine andere Akzeptanz: Es ist eine wunderschöne Sportart für Frauen und Mädchen, weil auch die spielerische Ausbildung viel besser geworden ist. Wir hatten damals natürlich viele hervorragende Persönlichkeiten, wenn ich an Birgit Prinz oder Inka Grings denke.

Birgit Prinz gehört als Sportpsychologin jetzt dazu. Könnte Sie in ihrer damaligen Verfassung eigentlich jetzt noch mithalten?

Definitiv. Sie hat alles mitgebracht. Technik, Taktikverständnis, Athletik – und einen unbändigen Willen, zu gewinnen. Das ist eine der wichtigsten Eigenschaften überhaupt. Ihr großer Vorteil ist, dass sie als Spielerin schon vieles hinterfragt hat. Jetzt schaut sie von einer anderen Seite drauf, zudem weiß sie von uns, was wir denken. Insofern kann sie einiges vermitteln.

Ihnen wurde Anfang Juni eine Brücke zur Männer-Nationalmannschaft gebaut, als Sie bei den Nations-League-Spielen als zweiter Torwarttrainer mit Manuel Neuer oder Kevin Trapp gearbeitet haben.

Diese Anfrage hat mich gefreut, denn daraus wächst ja was. Mich hat gerade kürzlich auch der Standardtrainer Mads Buttgereit von sich aus angerufen und mir angeboten, bei unseren Standards vielleicht auch noch ein bisschen was machen zu können. Andere vom Trainerteam bei Hansi Flick melden sich vor und nach den Spielen. Das ist eine sehr große Wertschätzung unserem ganzen Team gegenüber. Bei der Torwartausbildung arbeiten Marc Ziegler und Silke Rottenberg ohnehin schon miteinander. Es wächst etwas zusammen im DFB: Das geht definitiv in die richtige Richtung.

Interview: Frank Hellmann

Gut drauf: Torwarttrainer Michael Fuchs.
Gut drauf: Torwarttrainer Michael Fuchs. © Imago/Beautiful Sports

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