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„Ich schaue nicht im Groll zurück“, sagt Achim Beierlorzer über seine Zeit in Mainz. dpa
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„Ich schaue nicht im Groll zurück“, sagt Achim Beierlorzer über seine Zeit in Mainz. dpa

Achim Beierlorzer

„Es gibt kein Medikament, das so wertvoll ist wie Sport“

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Fußball- und Gymnasiallehrer Achim Beierlorzer über Folgen des Lockdowns für die Jugend, Angst im Alltag als Bundesliga-Trainer und Begleitumstände seiner Entlassung bei Mainz 05.

Herr Beierlorzer, Sie haben hauptberuflich als Gymnasiallehrer, danach als Fußballlehrer in verschiedenen Positionen für RB Leipzig, den Zweitligisten Jahn Regensburg und die Bundesligisten 1. FC Köln und zuletzt Mainz 05 gearbeitet. Wer ist denn eigentlich schwieriger zu führen: junge Fußballer oder angehende Abiturienten?

Weder die eine noch die andere Gruppe. Ich hatte an der Schule zum Fach Mathematik noch das Fach Sport, was ein großer Pluspunkt ist, weil die Jungs da meist sehr motiviert sind. Und in der Mathematik habe ich mich immer als Dienstleister gesehen. Ich habe immer gesagt: Ich bin derjenige, der euch vermitteln möchte, was ihr am Schluss können müsst. Das könnt ihr nutzen oder nicht. Mit dieser Einstellung kommt man in der Schule super zurecht, und ich hatte auch richtig Spaß zu unterrichten. Im Fußball ist es wichtig, mit einer klaren Ansage und Idee zu kommen, um die Spieler auf seine Seite zu holen.

Spielt Autorität also immer noch eine große Rolle in jedem Lehrberuf?

Das klingt immer so negativ. Man denkt sofort an die ganz strengen Lehrer. Schüler oder Jugendspieler sind heute schon so weit, dass sie eine eigene Meinung haben und mitreden möchten. Als Trainer sollte man eine natürliche Autorität besitzen. Am Anfang meiner Trainerlaufbahn habe ich den Trainerjob parallel zu meiner Tätigkeit als Oberstudienrat am Gymnasium gemacht. Die Empathie, sich in junge Menschen hineinversetzen zu können, hat mir im Fußball sicherlich geholfen.

Sie haben in Ihrer Anfangszeit als Trainer in Leipzig auch mit Ralf Rangnick zu tun gehabt, der von Jürgen Klopp als bester Kandidat für den nächsten Bundestrainer empfohlen wird. Was würden Sie sagen, wenn man Sie um eine Einschätzung bittet?

Ralf Rangnick ist eine herausragende Persönlichkeit im deutschen Profifußball. Er hat in vielen Funktionen aufgezeigt, was er alles bewirken kann. Ich könnte mir vorstellen, dass die Aufgabe als Bundestrainer für Ralf sowohl eine Herausforderung als auch eine große Ehre darstellt.

Ralf Rangnick begleitet in Leipzig eine eigene Stiftung für Grundschulkinder und warnt davor, dass die Corona-Krise eine ganze Generation abhängen könnte. Wie chätzen Sie das ein?

Man spricht in der sportlichen, kognitiven und intellektuellen Entwicklung vom goldenen Lernalter zwischen sieben und zwölf Jahren, in dem vieles schnell erlernt wird. Nehmen wir nur die Bewegung: Wenn Kinder jetzt über eineinviertel Jahre mehr oder minder nicht regelmäßig ihren Sport, speziell die Mannschafts- und Hallensportarten, betreiben können, ist das ein riesiger Verlust. Das betrifft den Breitensport genau wie den jungen Spitzensport: Wenn ein U16- oder U-17-Fußballer nicht regelmäßig trainieren und spielen kann, dann wird das sowohl für den Spieler selbst, als auch für den deutschen Fußball negative Auswirkungen haben.

Inwiefern?

Die Jahrgänge von der U17 bis U19 haben jetzt einen unsäglichen Nachteil. Der Fußball wird merken, dass das Niveau hier sinken wird, denn zwischen diesen Altersstufen sind es riesige Entwicklungsschritte – zu den Profis ist es dann der Quantensprung. Dieser Übergang ist kaum noch zu schaffen. Aber diese Probleme gelten für andere Sportarten auch – und für die ganze Gesellschaft.

Wie nehmen Sie das wahr?

Meine Frau ist Grundschullehrerin. Es gibt viele Zweitklässler, die gerade Lesen und Schreiben gelernt haben und jetzt wieder um ein halbes Jahr zurückgefallen sind. Wir erkennen Kinder nach dem langen Lockdown auf der Straße kaum wieder, weil sie zehn Kilo zugenommen haben. Wenn Kinder nicht rauskommen, nicht mehr spielen, nicht in den Verein gehen, entstehen körperliche Probleme. Aber vielen fehlt auch ohne Schule und ohne Verein der soziale Kontakt. Wie sich das alles auswirkt, werden wir vermutlich erst in einigen Jahren wissen, aber eine positive Prognose habe ich da sicher nicht.

Kritik an der zu geringen Wertschätzung des Schulsports gab es auch schon vor der Corona-Krise.

Das stimmt. Sehr wohl könnte der Schulsport aber jetzt zum Bestandteil werden, das Immunsystem zu stärken. Es gibt kein Medikament, das so wertvoll ist wie Sport. Was mir in allen Diskussionen gefehlt hat, ist der Ausblick darauf, was wir denn machen können. Es wurde immer nur gesagt, was wir nicht machen dürfen. Im Salutogenese-Modell wird darauf hingewiesen, wie man gesund bleiben kann. Jeder sollte darauf achten, sich gesund zu ernähren, sich genügend zu bewegen und seine sozialen Kontakte zu pflegen. Wenn wir kaum mehr Freunde und Freude haben, leidet auch die geistige Gesundheit. Diese Gefahren wurden bislang zu wenig in Betracht gezogen.

Was schlagen Sie vor?

Wir werden mit diesem Virus leben müssen – wie wir doch auch längst mit anderen Viren leben. Man kann meines Erachtens besser damit umgehen, wenn man innerlich stabil und gesund ist. Angst ist hierbei kein guter Begleiter.

In einer Pandemie fällt positives Denken nicht leicht. Wer den Fernseher einschaltet, wird mit Negativnachrichten überhäuft.

Zur Person

Achim Beierlorzer hat sowohl den Beruf als Gymnasiallehrer für Sport und Mathematik als auch den des Fußballlehrers von der Pike auf gelernt. Lange ging er beiden Tätigkeiten parallel nach, entschied sich in seiner Zeit beim Zweitligisten Regensburg aber dazu, aus dem Beamtentum auszusteigen. 2019 heuerte er als Trainer des 1. FC Köln erstmals in der Bundesliga an, wurde nach elf Spieltagen aber entlassen. Wenig Tage später nahm ihn der FSV Mainz 05 unter Vertrag. Der Klassenerhalt gelang, in der laufenden Saison ereilte den 53-Jährige nach dem zweiten Spieltag das Aus. Der gebürtige Franke hat seinen Lebensmittelpunkt seit 2004 in dem kleinen Ort Stöckach am Fuße der Fränkischen Schweiz. Seine Kinder Luca, 18, Jule, 22, und Tim, 26, sind inzwischen allesamt erwachsen. (hel)

Ich möchte auf keinen Fall das Virus und die Gefahren kleinreden. Ich bin jedoch erschrocken darüber, wie man auch nach mehr als einem Jahr noch mit der Angst der Menschen arbeitet. Vielleicht müssen wir umdenken: Vielleicht werden wir in nächster Zeit nicht mehr die Freiheiten bekommen wie vor Corona. Aber wir sollten Geschäften, Restaurants, Fitnesscentern oder Sportvereinen mit ihren Hygienekonzepten vertrauen, wieder positiv in die Zukunft blicken zu können. Wir brauchen wieder Licht am Ende des Tunnels.

Genau solche Sätze hatte Hansi Flick benutzt, als der Unmut über die Corona-Politik aus ihm herausbrach. Da waren Sie also bei ihm?

Er hat mir gewissermaßen aus der Seele gesprochen, auch wenn einige Aussagen in einem anderen Zusammenhang standen – das mag ich nicht bewerten. Ohne eine konstruktive Lösung kommen wir indes nicht weiter. Dass wir uns alle wegsperren, den Kopf in den Sand stecken und danach glauben, es wird schon alles wieder gut – das funktioniert nicht. Dafür haben die drastischen Maßnahmen zu wenig gegriffen. Wir müssen Konzepte entwickeln, bei denen die Eigenverantwortung und das Vertrauen in die Menschen wieder im Vordergrund stehen. Dafür darf man aber nicht zu restriktiv unterwegs sein.

Wie bleiben Sie positiv?

Ich bin froh darüber, dass ich mit meiner Frau einer Meinung bin und wir uns nicht gegenseitig Angst, sondern Hoffnung machen. Es ist meine Lebenseinstellung, dass es keine Alternative zum Optimismus gibt. Aber es ist schwierig und eine Herausforderung.

Wie war das im ersten Lockdown als Bundesligatrainer beim FSV Mainz 05?

In allen Mannschaftssportarten geht es um das Miteinander. Auf einmal waren wir drei Wochen im Homeoffice. Da haben die Spieler ihre Läufe oder Krafttraining absolviert. Danach waren wir froh, dass kontaktloses Training möglich war.

Wie hatte sich damals Ihre Arbeit verändert?

Wenn ein Spieler positiv getestet wurde, hat man nicht nur die Angst bei der betroffenen Person gespürt, sondern innerhalb der Gruppe ist Aufruhr entstanden. Auch die eine Woche Quarantäne-Hotel vor dem Re-Start wirkte befremdlich. Heute finde ich komisch, dass man sich fast an die Atmosphäre gewöhnt hat. Und erstaunlich ist, dass die Qualität der Spiele kaum gelitten hat.

Fußball ist ein Sport, bei dem sich die Beteiligten nicht nur auf dem Platz, sondern normalerweise auch in der Kabine nahe kommen. Mussten Sie auch Hygienebeauftragter sein, der an die Einhaltung der Regeln ermahnt?

Am Anfang war das ein ganz, ganz komisches Gefühl, den Spielern zu sagen: ‚Achtet auf den Abstand in den Trainingseinheiten‘. Oder das Jubeln nach Toren. Obwohl die Spieler, die sich umarmten, bestimmt 15-mal getestet waren, mussten wir an die Verantwortung appellieren, wie dies auf die Zuschauer wirken könnte.

Nils Petersen vom SC Freiburg oder Andreas Luthe von Union Berlin haben anschaulich beschrieben, wie sehr die Emotionen fehlen. Man würde spielen und fertig. Ging es Ihnen auch so?

Ja, es ging viel verloren. In den Trainingseinheiten war es normal, da hatten wir ja in Mainz ohnehin kaum Fans, aber an den Spieltagen keine Zuschauer zu sehen, war irritierend. Ich habe es sonst genossen, eine halbe Stunde vor Anpfiff im Stadion die Menschen zu sehen und die Stimmung aufzunehmen. Aber für die Vereine war es damals wichtig, den Spielbetrieb am Laufen zu halten. Nicht nur, um den Profifußball zu erhalten, sondern auch für Ablenkung zu sorgen. Ich bin ja seit einiger Zeit selbst Fernsehzuschauer und freue ich mich schon, dass Fußball läuft.

Sie sind früh in der Saison beim FSV entlassen worden. Letztlich hat auch der Spielerstreik eine große Rolle gespielt, bei dem es um die einbehaltenen Gehälter ging. Fühlen Sie sich ein wenig auch als Opfer der Umstände?

Ich möchte mich gar nicht so sehr mit der Vergangenheit beschäftigen, das gehört auch zu meiner Lebenseinstellung. Ich bin damals recht schnell von Köln nach Mainz gewechselt (November 2019, Anm. d. Red.), und gefühlt ist das noch heute für mich hundertprozentig richtig gewesen. Denn wir hatten im Sommer 2020 mit Mainz den Erfolg, in der Liga zu bleiben. Man sieht ja jetzt wieder, wie schwierig es für einen Verein wie Mainz ist, in der Bundesliga zu bleiben. Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht: Was wäre passiert, wenn es kein Corona gegeben hätte? Der Gehaltsverzicht war einer von vielen Punkten, der mit der Pandemie zu tun hatte. Man hätte hier sicher anders kommunizieren müssen. Ich schaue nicht im Groll zurück.

Würden Sie gerne noch einen dritten Anlauf in der Bundesliga nehmen?

Natürlich, aber ich bin da völlig offen, um welche Liga es sind handelt – und auch ob es in Deutschland oder im Ausland ist. Mein Vertrag in Mainz läuft noch bis Sommer 2022, so dass ich mir die nächste Aufgabe in Ruhe anschauen kann. Ich habe es nie bereut, dass ich aus der Beamtenlaufbahn ausgestiegen bin. Der Profifußball ist etwas, womit ich meine Leidenschaft zum Beruf machen kann – und da gibt es eigentlich nichts Schöneres.

Interview: Frank Hellmann

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