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Durfte im Halbfinale zum ersten Mal bei der EM von Anfang an ran und traf gleich doppelt: der Hoffenheimer Nadiem Amiri.

U21-EM

Deutschlands Nachwuchs - mit Bolzplatzmentalität zur Titelverteidigung

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Die deutsche U21 steht im Finale der Europameisterschaft. Gegen Spanien soll die Spielfreude helfen.

Nadiem Amiri dribbelte auch noch in der Mixed Zone, zunächst von einem italienischen Reporter zu einem aus Rumänien und erzählte seine Geschichte in gutem Englisch. Schließlich tauchte der Offensivspieler der TSG Hoffenheim vor den Pulk von deutschen Journalisten auf, es herrschten auch kurz vor 22 Uhr noch fast 40 Grad unter dem Pressezelt im Stadion von Bologna. Aber Amiri wirkte frisch. Es war ja auch genau jener Moment, auf den er seit sieben Wochen hingearbeitet hatte. Damals hatte er sich im Bundesligaspiel gegen Bremen einen Außenbandriss im linken Knöchel zugezogen, seine Teilnahme an der U21-EM in Italien schien in Gefahr.

Doch Donnerstagnacht war er gefragt, nach dem 4:2-Sieg der Deutschen im Halbfinale gegen Rumänen. Amiri hatte ebenso zwei Tore erzielt wie der Freiburger Luca Waldschmidt und ist nun neben Mahmoud Dahoud, Timo Baumgartl und Levin Öztunali einer von vier Spielern im Kader, die zum zweiten Mal in Serie den EM-Titel gewinnen können. Wie vor zwei Jahren heißt der Finalgegner am Sonntag (20.45 Uhr/ARD) Spanien. Trainer Stefan Kuntz hatte vor dem Turnier mit einem rhetorischen Kniff seine Spieler motiviert: „Wir wollen den Titel nicht verteidigen, sondern erobern“, forderte der ehemalige Nationalspieler.

Überschwänglicher Amiri

Für Amiri war es in Bologna der erste Turniereinsatz von Anfang an, nachdem er zunächst dem Augsburger Marco Richter den Vortritt hatte lassen müssen. Richter überragte die ersten beiden Spiele, verletzte sich dann ein wenig, während Amiri von Trainer Kuntz immer wieder längere Spielpraxis bekam. Gegen Rumänien war er dann der beste Spieler im weißen Trikot. Das 1:0 erzielte er mit einem beherzten Schuss nach einem Antritt aus dem Mittelfeld – und in der Nachspielzeit traf er per Freistoß. Danach zog Amiri trotz der Hitze noch einmal einen Sprint an wie ein Hunderterläufer im entscheidenden Lauf seines Lebens. „Ich war eigentlich tot, aber dann hatte ich so viel Kraft, das waren einfach Emotionen pur“, erzählte er: „Der Trainer wollte mich auswechseln, aber ich habe gesagt, ne, lass mich drin. Ich wollte unbedingt schießen.“

Überschwänglich ist auch die Art, wie Amiri Fußball spielt. Wobei: Das Spiel des 22 Jahre jungen Technikers ist viel erwachsener geworden, er weiß jetzt viel besser, wann er abspielen soll und wann er dribbeln kann. Eine Lehre, die er in Hoffenheim unter Trainer Julian Nagelsmann, gezogen hat. „Die Bolzplatzmentalität aber lasse ich mir nicht austreiben“, betont Amiri. Sein Verbleib in Hoffenheim bei einer angeblichen Ausstiegsklausel von 14 Millionen Euro in seinem Vertrag ist nicht sicher.

U21 beweist in Italien Kreativität - das freut Reinhard Rauball und Stefan Kuntz

Bolzplatzmentalität ist übrigens eines jener Stichworte, die im Zentrum der Neujustierung der Talenteausbildung beim DFB stehen. In der Begeisterung nach dem abermaligen Finaleinzug sagte DFB-Vizepräsident Reinhard Rauball: „An allen Ecken und Ende hört man, dass es nicht gut bestellt sei um den deutschen Nachwuchs. Diese Mannschaft hat das widerlegt.“

Die U21 beweist in Italien nicht nur Kreativität. Fast alle Spieler sind gestandene Bundesligaprofis, Amiri beispielsweise absolvierte schon 105 Erstligaspiele. Diese in der Bundesliga gestählte Wettkampfhärte und Erfahrung gab auch im Glutofen von Bologna den Ausschlag für den Erfolg gegen zunächst überlegene, dann aber kraftlose Rumänen. Und Trainer Kuntz reißt mit seiner emotionalen Art die jungen Spieler mit. In der Halbzeit, erzählte Amiri, habe der Trainer die Mannschaft sehr hart angepackt: „Das hat uns gutgetan, das hat uns gepuscht.“ Kuntz hat es durch einfache menschliche Kniffe geschafft, die Spieler zu einem Team zu vereinen. Er gibt jedem das Gefühl, wichtig zu sein. Nach dem Sieg gegen Rumänien umarmte er beispielsweise ganz lange den Neu-Berliner Eduard Löwen, der wieder nicht zum Einsatz gekommen war. Oder: Nach Amiris Verletzung schrieb Kuntz dem gebürtigen Ludwigshafener und Sohn afghanischer Eltern noch im Stadion eine Nachricht, in der er ihm mitteilte, er baue auf ihn bei der EM.

Die Spieler danken Kuntz dessen Vertrauen, in dem sie sich immer wieder überwinden. Am Donnerstag in Bologna schafften sie trotz Rückstand, Hitze und 12 000 enthusiastischen rumänischen Fans die Wende. Vor zwei Wochen, im Trainingslager in Tirol, sagte Amiri: „Ich hoffe, wir können dem Trainer wieder etwas zurückzahlen.“ Das ist gelungen.

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