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Schon vor der EM-Vergabe haben die türkischen Medien den Umgang des DFB mit Mesut Özil genüsslich ausgeschlachtet, um mit dem Finger auf Deutschland zu zeigen.

EM 2024

An Erdogan gescheitert

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Die türkischen Medien reagieren empört auf die EM-Vergabe an Deutschland. Doch die türkischen Journalisten sollten sich fragen, wie es um die Menschenrechtssituation im eigenen Land bestellt ist. Ein Kommentar.

Die Reaktionen der regierungstreuen türkischen Zeitungen auf die verlorene EM-Vergabe 2024 waren vorhersehbar. „Schmutziges Spiel“, schrieb „Fotospor“. In der „Milliyet“, die der Holding des türkischen Verbandspräsidenten Yildirim Demirören gehört, hieß es: „Er hat uns den Dolch in den Rücken gestoßen“. Gemeint war Uefa-Präsident Alexander Ceferin, dem die türkischen Medien vorwerfen, er hätte die anderen Delegierten davon überzeugt, für Deutschland zu stimmen. „Das ist nicht gerecht. Die Uefa unterstützt den Rassismus“, titelte „Yeni Safak“.

Schon vor der EM-Vergabe war die Causa Mesut Özil in den türkischen Medien genüsslich ausgeschlachtet worden, um mit dem Finger auf Deutschland zu zeigen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat nach der Veröffentlichung der Fotos von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vollkommen falsch reagiert, das ist klar. Der Verband hatte die Wirkung des Fotos unterschätzt. Der DFB und seine Auswahl hätten nach den zahlreichen rassistischen Äußerungen im Internet und den Pfiffen gegen Özil und Gündogan ein klares Zeichen setzen müssen. Egal, ob ihnen die Fotos mit Erdogan nun gefallen haben oder nicht. Diese Reaktion blieb jedoch aus. Das verletzte Özil so sehr, dass er aus dem Nationalteam zurücktrat und dann in einem Rundumschlag dem DFB Rassismus vorwarf.

Es spricht für sich, dass Özil trotz aller Bemühungen von Bundestrainer Joachim Löw nicht auf seine Anrufe reagiert und ein Gespräch mit seinem einstigen Förderer abgelehnt hat. Sein mehrseitiges Schreiben, das von seiner Beraterfirma verfasst wurde, war ein finaler Beitrag in einem Konflikt, den er überhaupt nicht geführt hat. Gelegenheiten, das Wort gegen Rassismus zu erheben, hätte es schon im Vorfeld des Turniers in Russland angesichts der gesellschaftlichen Spannungen zur Genüge gegeben.

Und die Türkei? So falsch der Umgang mit Özil und Gündogan in Deutschland gewesen war, sollten sich die türkischen Journalisten fragen, wie es um die Menschenrechtssituation im eigenen Land bestellt ist. 

Arif Kizilyalin zumindest tat das am Freitag in seiner Kolumne in der „Cumhuriyet“. Der Staat sei beim kostenlosen Bau für Stadien und dem kostenlosen Transport der Fans während des Turniers in die Vollen gegangen. „Da ist hart gearbeitet worden, aber wenn sie doch nur ein, zwei Schritte bei den Menschenrechtsverletzungen gemacht hätten“, schrieb Kizilyalin. Zum Beispiel, wenn man den Ausnahmezustand nicht als Vorwand benutzt hätte, um junge Menschen für nicht genehme politische Slogans ins Gefängnis zu werfen. Die Türkei hätte mit ihrer Liebe zum Fußball, den modernen Stadien und trotz der kaputten Wirtschaft die EM bekommen, glaubt Kizilyalin: „Aber etwas hat extrem gefehlt.“ 

Genau das ist es. Weil die Türkei Menschenrechte, Grundrechte wie Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit missachtet, und die Opposition unterdrückt. Weil das Land unter Recep Tayyip Erdogan ein autoritärer Ein-Mann-Staat geworden ist, den die Uefa-Delegierten nicht mit einem Turnier belohnen wollten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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