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Streitbarer Charakterkopf: Trainer Carlos Queiroz.

Carlos Queiroz

Der Entwicklungshelfer

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Irans Trainer Queiroz rückt gegen sein Heimatland Portugal in den Fokus und relativiert den Aufstand der Außenseiter.

Wenn es einen Preis für den redegewandtesten Trainer des Turniers gäbe, Carlos Queiroz müsste seine Bewerbung wohl gar nicht erst einreichen. Vermutlich würde der in Ehren ergraute Fußballlehrer die Auszeichnung auch ohne großes Zutun gewinnen. Selbst die pflichtverordneten Pressekonferenzen mit dem 65-Jährigen besitzen oftmals den Charakter einer Fortbildung, so vertiefend vermag der seit sieben Jahren als Nationaltrainer des Iran tätige Grandseigneur zu referieren.

Dass der so leidenschaftlich wie zahlreich auf seiner Russland-Tour unterstützte Außenseiter vor dem letzten Gruppenspiel gegen Portugal in Saransk (Montag 20 Uhr/ZDF) überhaupt eine Chance aufs Weiterkommen erarbeitet hat, findet er fabelhaft. „Portugal ist perfekt, aber wie immer im Leben: Auch wenn es für alles Regeln und Gesetze gibt, gibt es immer mal Ausnahmen. Ich hoffe, dass die Ausnahme für Portugal das Spiel gegen Iran sein wird.“

Für ihn selbst ist es eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Der in Mosambik geborene Queiroz stellte einst im portugiesischen Fußballverband wichtige Weichen und gilt als Entdecker der Goldenen Generation um Luis Figo oder Rui Costa. Als Nachwuchstrainer mit dem portugiesischen U20-Nationalteam gewann er 1989 und 1991 zwei WM-Titel. Und er war es, der einst als Co-Trainer von Manchester United seinem damaligen Chef Alex Ferguson riet, doch bitte einen gewissen Cristiano Ronaldo zu verpflichten. Und: „Seine Entscheidung, zu Real Madrid zu wechseln, fiel in meinem Haus in Lissabon, in meinem Wohnzimmer, meine Familie war dabei.“

Das besondere Verhältnis zu Ronaldo ging indes in die Brüche, als Queiroz von 2008 bis 2010 für Portugals Nationalmannschaft das Sagen hatte. Legendär die Bemerkung, die die in ihrer Eitelkeit gekränkte Diva nach dem Achtelfinalaus bei der WM 2010 in Südafrika nach der 0:1-Pleite gegen Spanien fallen ließ. „Fragt Queiroz“ meinte der Superstar und eröffnete damit eine Debatte, aus der der Nationaltrainer gar nicht als Gewinner hervorgehen konnte. Es wäre ein Treppenwitz, wenn Queiroz acht Jahre später auf der Sonnenseite stehen und den Europameister noch aus dem Turnier werfen würde.

Lücke zu Europa wird größer

Nur wie realistisch ist das? Für den Entwicklungshelfer am Persischen Golf sind die knappen Resultate dieser Weltmeisterschaft – wie beim 1:0-Arbeitssieg der Spanier gegen den Iran – nämlich keine These, dass sich das Niveau angleicht. Das sei Irrtum aller Experten, meint Queiroz: „Ich bin seit 37 Jahren im Geschäft: Vor acht Jahren war die Lücke von Europa zu Afrika und Asien groß, vor vier Jahren war sie groß, und sie wird mit jeder WM größer.“ Letztlich würden sich nämlich doch nur die Teams durchsetzen, die auf europäischer Bühne gestählte Akteure aufbieten.

Beispielhaft seien die Entwicklungen bei Nigeria oder Senegal. „Das sind keine Teams mit afrikanischen Spielern, sondern sie sind in England oder anderswo geprägt.“ Umso bemerkenswerter, dass seine Mannschaft da noch mithalten kann. Zwar stehen immerhin auch 13 der 23 iranischen Nationalspieler im Ausland unter Vertrag, aber eben nicht in Topligen. Drei Akteure spielen wie der unermüdliche Abräumer Saeid Ezatolahi von Amkar Perm übrigens bei russischen Vereinen. Für Queiroz ist es der alternativlose Weg, um die Qualität zu erhöhen.

Er hat selbst als Trainer von Real Madrid (2003/04) erfahren, welches Niveau beispielsweise in der Champions League nötig, welche Professionalität im Liga-Alltag erforderlich ist. Insofern scheut er sich nicht, gegenüber dem eigenen Verband oder auch dem Weltverband Fifa Missstände anzuprangern, die bis ins sportpolitische Spektrum reichen. Dass seine Mannschaft beispielsweise keine Testspiele austragen oder Trainingslager abhalten konnte, sei ein Unding gewesen, kritisierte der durchaus streitbare Charakterkopf.

Und ganz besonders absurd empfand er, dass der amerikanische Ausrüster Nike wegen der Sanktionen auf einmal keine Fußballschuhe mehr in die Islamische Republik geliefert hätte. All diese Missstände hätten das Team Melli nur zusammengeschweißt. „Wir dürfen diese Probleme nicht als Rechtfertigung benutzen. Wir haben gegen Spanien einen Matchball vergeben, jetzt haben wir noch einen zweiten gegen Portugal.“ Da weiß einer, welche Rhetorik bei einer Weltmeisterschaft ankommt.

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