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Entwicklung der Frauen-Nationalmannschaft: „Das macht Freude“

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Von: Frank Hellmann

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Erfrischendes Gesicht: Klara Bühl ist eine Leistungsträgerin aus dem Nationalteam.
Erfrischendes Gesicht: Klara Bühl ist eine Leistungsträgerin aus dem Nationalteam. © AFP

Der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou zur Entwicklung des Frauen-Nationalteams unter Martina Voss-Tecklenburg, zu den Favoriten dieser EM, zum Tweet von Olaf Scholz zur Equal-Pay-Debatte und zur Vorbildrolle der Spielerinnen.

Ihre erste Reise als Sportlicher Leiter der Nationalmannschaften führte Sie mit dem Frauen-Nationalteam im Februar 2018 zu einem Einladungsturnier in die USA, wo Deutschland keine gute Figur abgab. Sie haben als erste Amtshandlung die Ablösung von Bundestrainerin Steffi Jones veranlasst. War diese Entscheidung damals alternativlos?

Ja, deshalb habe ich diesen Schritt auch durchgeführt. Es war aber auch eine schwere Entscheidung, weil ich Steffi menschlich sehr schätze. Es ist nun einmal schwierig, den Job als Nationaltrainerin auszuüben, ohne Trainererfahrung zu besitzen. Ich habe auch einen anderen Anspruch, wie wir die Spiele angehen und analysieren. Darüber habe ich offen mit Steffi gesprochen, aber das ist jetzt Schnee von gestern.

Haben Sie noch Kontakt?

Nein, seitdem gar nicht mehr.

Die deutschen Fußballerinnen waren bei der EM 2017 in den Niederlanden im Viertelfinale ausgeschieden, hatten ein WM-Qualifikationsspiel gegen Island in den Sand gesetzt. Martina Voss-Tecklenburg wurde dann von Ihnen kontaktiert. Sie war lange im DFB nicht wohlgelitten, die Ausbootung nach ihrem Streit mit Inka Grings wirkte vielleicht im Verband nach. Warum wollten Sie eine Bundestrainerin mit Ecken und Kanten?

Ich verlange auch von Kollegen, dass sie intern kritisch diskutieren. Martinas Vergangenheit beim DFB hat mich nicht interessiert, sondern mich hat die Person mit ihrer fachlichen Ausrichtung interessiert. Sie hat mich von Beginn an gecatcht. Wir hatten auch andere Kandidaten. Mir ging es nicht um Mann oder Frau, sondern um Qualität. Ich bin echt glücklich, wenn ich heute sehe, wie sie mit den Spielerinnen umgeht, wie sie die Mannschaft entwickelt hat. Das macht große Freude.

War die heutige Bundestrainerin denn eigentlich sofort Feuer und Flamme für den Job?

Wir hatten beide richtig Bock zusammenzuarbeiten (lacht).

Trotzdem hat es bei der WM 2019 nicht hingehauen. Martina Voss-Tecklenburg hat sehr selbstkritisch in letzter Zeit ausgesprochen, dass es innerhalb ihres Teams mit Britta Carlson, Patrik Grolimund, Thomas Nörenberg und Michael Fuchs nicht reibungslos verlaufen ist.

Diese Personen arbeiten ja alle noch bei uns, aber wir haben ihre Rollen und ihre Funktionen klarer festgelegt. Tatsächlich gab es da Optimierungsbedarf – auch wegen der unterschiedlichen Charaktere -, und es gab auch Workshops dazu. Selbstreflektion gehört zu einer Fehlerkultur. So haben wir eine gute Form des Miteinanders gefunden. Wir waren generell vielleicht bei der WM 2019 noch nicht so weit, wobei ich immer noch sage, dass wir im Viertelfinale gegen Schweden (1:2) bis zum Gegentor die bessere Mannschaft waren. Dann kam ein unerklärlicher Einbruch.

Hat große Freude an der Entwicklung der Nationalmannschaft: der sportliche Leiter beim DFB Joti Chatzialexiou.
Hat große Freude an der Entwicklung der Nationalmannschaft: der sportliche Leiter beim DFB Joti Chatzialexiou. © IMAGO/MIS

Torhüterin Merle Frohms sagt jetzt aber fast nebenbei, hier entstehe gerade etwas Großes.

Wir sind dabei, weil wir nicht nur in den ersten Spielen gegen Dänemark (4:0) und Spanien (2:0) gut performt haben, sondern eine positive Energie haben, die ich lange nicht innerhalb einer Mannschaft gespürt habe. Unsere Spielerinnen glauben an sich. Wir wollen jetzt das dritte Gruppenspiel gegen Finnland gewinnen und diesen Flow ins Viertelfinale mitnehmen.

Welche Teams haben Sie bislang am meisten beeindruckt?

Auch wenn Spanien gegen uns verloren hat: Es ist eine Augenweide, ihnen zuzusehen. Mit den Positionswechseln und dem Positionsspiel. Wenn sie noch ein bisschen vom deutschen Gen der Effizienz hätten, würden sie eine ganz andere Rolle spielen. Sie sind aber noch nicht weg. England gegen Spanien könnte ein ganz spannendes Viertelfinale werden. Wenn wir Frankreich und uns dazu nehmen, haben wir die vier besten Nationen.

Am Tag des Spanien-Spiels hat der Bundeskanzler Olaf Scholz einen Tweet abgesetzt und die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern in der Nationalmannschaft eingefordert. DFB-Direktor Oliver Bierhoff war ziemlich verärgert. Sie auch?

Unverständnis war auch bei mir da. Ich finde es schade, wenn in einem solchen Kontext jemand eine solche Äußerung trifft, der von unseren Inhalten und Themen weiter weg ist. Deswegen wäre es gut, wenn er mal vorbeikommen und sich die Gelegenheit zu einem Gespräch ergeben würde. Da würden sich auch die Spielerinnen sehr drüber freuen, und es wäre auch eine Wertschätzung für den Frauenfußball. Diese ideelle Anerkennung ist mitunter wichtiger als die finanzielle.

Sie laden ihn also zu einem Länderspiel ein?

Es steht definitiv fest, dass wir noch zwei Spiele bei dieser EM bestreiten. Es wäre schön den Dialog zu suchen und sich vielleicht auch mit der einen oder anderen Spielerin zu unterhalten, wie sie dieses Thema sieht. Das würde mehr Klarheit bringen.

Zur Person

Joti Chatzialexiou , 46, arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten für den Deutschen Fußball-Bund. Der gebürtige Frankfurter und frühere Jugendtrainer von Eintracht Frankfurt verantwortet seit 2018 als Sportlicher Leiter die Nationalteams der Männer und Frauen und deren Trainerstäbe. Er gehört bei der EM zur offiziellen Delegation der DFB-Frauen und ist seit Turnierstart vor Ort. In England ist er bei jeder Übungseinheit dabei und stimmt sich eng mit der Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ab. hel

Lena Lattwein sagte zum Tweet des Kanzlers, es sei immer einfach, so was zu sagen, ohne die Einblicke zu haben, wie die Bezahlungen zustande kommen. Freuen Sie sich darüber, dass die Nationalspielerinnen dem Verband die Gegenargumentation abnehmen?

Grundsätzlich bin ich stolz, dass wir tolle Persönlichkeiten und sehr intelligente Spielerinnen in unserem Team haben, die neben dem Platz bereits sehr viel für ihr weiteres Leben tun. Mir geht es in erster Linie ums Equal Play, also gleiche Bedingungen. Da haben wir bei diesem Turnier viel für die Frauen getan.

Lena Lattwein studiert Wirtschaftsmathematik. Lea Schüller Wirtschaftsingenieurwesen, Tabea Waßmuth promoviert im Fachbereich Neuropsychologie. Spielen bei den Frauen die klügeren Köpfe als bei den Männern?

Ich möchte nicht darin unterscheiden, wo Frauen oder Männer besser sind. Wir haben in beiden Mannschaften besondere Persönlichkeiten, die wir als Vorbilder für die Gesellschaft nehmen können.

Aber die Millionensummen bei den Männern führen dazu, dass Nationalspieler schon mal mit dem Bentley vorfahren. Derlei Abgehobenheit wird oft harsch kritisiert.

Materielle Dinge kommen eher zum Vorschein, wenn man viel Geld hat, das dann auch schon mal unnötig ausgegeben wird (lacht). Aber letztlich muss jeder selbst wissen, was er mit seinem Geld macht. Unsere Nationalspielerinnen besitzen sicherlich nicht diese Attitüde.

Besteht die Gefahr, dass bald auch so viel Geld in den Frauenfußball fließt, dass die Bodenständigkeit verloren geht?

Diese Gefahr sehe ich nicht. Wir werden auch in näherer Zukunft nicht an die Summen des Männerfußballs herankommen. Der Markt lässt sich nicht so einfach in kürzester Zeit umkrempeln.

Die Scheinwerfer sind jetzt für den Frauenfußball an. Aber die Zahl der aktiven Frauen und Mädchen ist auf 187 000 abgefallen, die Zahl der Mädchen hat sich in zehn Jahren halbiert. Es gelingt nicht in ausreichendem Maße, Spielerinnen mit Migrationshintergrund zum Fußball zu bekommen. Was ist zu tun?

Das Problem gibt es definitiv. Die Spanierinnen haben bei den aktiven Spielerinnen eine Steigerung von 64 Prozent vermeldet, das macht uns natürlich hellhörig. Uns geht das große Plus verloren, aus einer großen Anzahl Spielerinnen für die Nationalmannschaft schöpfen zu können. Dieses Thema müssen wir unbedingt mit den Landesverbänden besprechen, wie wir wieder mehr Mädchen für den Fußballsport gewinnen können.

Aber konkret: Können Vereine in tradierte Familienstrukturen eindringen, wenn Väter sich weigern, ihre Töchter Fußball spielen zu lassen?

Mit Sicherheit ist damit der Verein um die Ecke im Einzelfall überfordert. Trotzdem brauchen wir kreative Lösungen, damit Jungs und Mädchen schon im Kindesalter gemeinsam Fußball spielen. Ich beobachte, dass England und die USA eine andere Haltung zum Sport aufgebaut haben als wir. Deutschland ist kein Sportland mehr, das hat auch die Bundestrainerin schon gesagt. Ich rede da ja nicht nur für den Fußball. Wenn ab 2026 die Ganztagsschulen kommen, dann muss auf dem Sportunterricht ein stärkerer Fokus liegen – da spreche ich gerne für alle Sportverbände. Dann entwickelt sich hoffentlich auch für Familien mit einem anderen kulturellen Hintergrund eine andere Offenheit. Wir sehen es ja bei den Männern, wie die Spieler mit Migrationshintergrund unseren Fußball besser machen, weil sie technisch versierter sind, eine weitere Mentalität einbringen. Diese Mischung brauchen wir bei den Frauen auch.

Können mit dieser EM neue Mädchen zum Fußball gelockt werden?

Unser Präsident sagt immer, ohne Breite keine Spitze, ich ergänze dann immer: ‚Ohne Spitze keine Breite‘. Am Ende brauchen wir Vorbilder, damit die Spielerinnen an der Basis mehr Zeit und Schweiß für ihre Entwicklung opfern.

Mehr als acht Millionen Zuschauer haben das letzte EM-Spiel gesehen. Kann dieses Interesse in die Frauen-Bundesliga gerettet werden, wenn im September das Eröffnungsspiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem FC Bayern in der großen Arena stattfindet?

Ich bin ein Frankfurter Junge. Das ist ein Aufruf an alle, ein Spiel mit zwei Topteams und vielen Nationalspielerinnen zu besuchen. Es wäre die Möglichkeit, nach der EM aus Deutschland heraus ein Zeichen zu setzen, dass es ein tolles Event auch auf Vereinsebene gibt. Aber auch hier hilft uns keine Eintagsfliege. Wir überlegen schon heute, wie wir die Heim-EM 2024, wo die Männer in den Fokus rücken, auch für die Frauen nutzen können.

Sie haben Eintracht Frankfurt angesprochen: Wäre es nicht an der Zeit, dass sich einfach mal alle 18 Bundesligisten zur Förderung des Frauen- und Mädchenfußballs bekennen?

Schlussendlich muss jeder Bundesligist für sich selbst entscheiden. Aber ich bin bei unserer Generalsekretärin Heike Ullrich, dass ich nichts von einer Verpflichtung halte, weil das mit Liebe und Leidenschaft geschehen sollte. Ich glaube nur, dass man als Verein irgendwann nicht mehr daran vorbei kommt, dieses gesellschaftliche Statement abzugeben. Ein jeder Verein wird davon profitieren, in den Frauenfußball zu investieren!

Interview: Frank Hellmann

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