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Hartnäckig hält sich das Gerücht vom kontrollwütigen DFB aus den 90er Jahren, der das Lesbisch-Sein zwar duldete, aber nicht das öffentliche Reden darüber.

Frauenfußball

Entweder Sexobjekt oder Kampflesbe

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Wenn es um Homosexualität im Männerfußball geht, sprechen viele von einem Tabu. Und im Frauenfußball? Viele Spielerinnen sind lesbisch und werden immer noch angefeindet.

Nadja Pechmann hatte den Fußball früh schätzen gelernt, weil sie auf dem Rasen nicht in die traditionelle Rolle eines Mädchens schlüpfen musste. Sie warf sich als Torhüterin in den Matsch oder brüllte über das ganze Spielfeld. Ihrer Mutter gefiel dieses markige Verhalten gar nicht. Als Jugendliche merkte Nadja Pechmann, dass sie auf Frauen steht.

Eines Abends bei ihrem Verein, dem FC Spandau 06, rief der Trainer sie und ihre Freundin in die Kabine. Er verbat ihnen das Händchenhalten, schließlich könnten sie gesehen werden, von Nachbarn, Jugendspielerinnen oder deren Eltern. Er sagte: „Ich hoffe, Ihr findet doch noch den richtigen Mann fürs Leben.“

Bald darauf wurde die Berlinerin Nadja Pechmann Schiedsrichterin, sie wollte die Fäden in der Hand halten und sich so gegen die fremden Erwartungen auflehnen. Vor allem bei Partien zwischen Männern musste sie viele Sprüche erdulden: „Ich hoffe, du pfeifst so gut, wie dein Arsch aussieht.“ Pechmann entgegnete, dass sie Frauen mag – und erhielt die Antwort: „Du siehst gar nicht so lesbisch aus.“

Inzwischen ist Pechmann dreißig Jahre alt, sie sagt: „Entweder wurde ich als Sexobjekt dargestellt oder als Kampflesbe. Es gab vielleicht drei Spiele ohne Probleme.“ Vor drei Jahren wurde sie von einem Kreisligaspieler rüde geschubst. Sie legte eine Pause als Schiedsrichterin ein. Bis heute.

Sexismus und Homophobie gehören zum Alltag

Im Fußball hängt alles mit allem zusammen, die Spitze mit den Amateuren, die Nationalteams mit den Jugendinternaten. Dass Sexismus und Homophobie an der Basis zum Alltag gehören, liegt auch an der fehlenden Thematisierung im Profigeschäft, findet Manuela Kay, Gründerin und Chefredakteurin von „L-Mag“, einem der wichtigsten Lesbenmagazine in Europa: „Es heißt immer, dass Homosexualität im Frauenfußball kein Problem sei. Ich sehe das genau anders herum: Manchmal sind bis zu 50 Prozent der Spielerinnen in Teams lesbisch. Trotzdem wird gar nicht oder nur sehr anrüchig darüber diskutiert – das finde ich zynisch.“

Eigentlich, sagt Manuela Kay, könnte ein Turnier wie aktuell die Fußball-EM in den Niederlanden auch als Errungenschaft für lesbische Frauen gewürdigt werden. In einer Zeit, in der Homosexuelle in vielen Ländern an den Rand gedrängt sind oder sogar um ihr Leben fürchten müssen. „L-Mag“ erhält viele E-Mails und Briefe von Leserinnen, die nach der Sexualität ihrer Lieblingsspielerinnen fragen. Sie wünschen sich Vorbilder auf ihrem persönlichen Weg der Emanzipation.

Die Journalistin Kay beobachtet das Themenfeld seit mehr als dreißig Jahren. Auf Veranstaltungen von „L-Mag“ in Szenebars traf sie auch Nationalspielerinnern, doch öffentlich äußern wollten diese sich selten. „Privatsache“, hieß es oft. Nur scheint dieses Argument vor allem für Homosexuelle zu gelten. Bei prominenten Spielerinnen und Spielern werden Hetero-Beziehungen regelmäßig ausgeleuchtet. Manuela Kay möchte nicht missverstanden werden: Die Bedenken lesbischer Spielerinnen, die oft erst Anfang, Mitte zwanzig sind, nimmt sie ernst. Aber sie seien nur ein Symptom in einer Branche, die ein Coming-out nicht so leicht möglich macht.

Hartnäckig hält sich die Erzählung vom kontrollwütigen DFB aus den 90er Jahren, der das Lesbisch-Sein zwar duldete, aber nicht das öffentliche Reden darüber. In jüngerer Vergangenheit hat der Verband in Dutzenden Projekten für Vielfalt geworben, doch manchmal wurden das ad absurdum geführt, zum Beispiel in der Vermarktung der heimischen Frauen-WM 2011. Der offizielle Slogan: „20elf von seiner schönsten Seite“.

Für ein Kosmetikunternehmen posierten Nationalspielerinnen in engen Abendkleidern, und fünf Bundesligaspielerinnen ließen sich im Playboy ablichten. Spielerinnen schienen nur von Interesse zu sein, wenn sie dem gängigen Schönheitsideal entsprachen – weit entfernt von den Klischees über lesbische „Mannweiber“. „L-Mag“ bat damals über Monate um Interviews mit Nationalspielerinnen und DFB-Sponsoren, der Verband sträubte sich. Letztlich titelte das Magazin: „Eine von Elf ist hetero“. Bis heute war es die bestverkaufte Ausgabe.

„Die Spielerinnen sagen, es gibt keinen Druck von Vereinen und DFB“, berichtet Manuela Kay. „Ich glaube das auch, es ist eher vorauseilender Gehorsam“. Laut Studien sind allgemein fünfzig Prozent der Lesben und Schwulen an ihren Arbeitsplätzen nicht offen homosexuell, im Fußball ist die Interessenlage komplexer, auch wegen der Sponsoren. Der Verlag, in dem „L-Mag“ erscheint, möchte Unternehmen klar machen, dass sie nur gewinnen können, wenn sie sich als weltoffen darstellen. „Aber da ist Deutschland zwanzig Jahre hinterher“, sagt Manuela Kay.

Unternehmen kommen mit Ausreden

Natürlich geben sich Unternehmen nicht offen homophob, aber sie kommen mit Ausreden. Sie halten es für schädlich, im Zusammenhang mit Homosexualität genannt zu werden.“ Der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger war nach seinem Coming-out 2014 auch auf die Resonanz der Wirtschaft gespannt – Anfragen erhielt er lange nicht.

In anderen Ländern ist man da weiter: Elf Spielerinnen dieser EM sind in der Öffentlichkeit geoutet – fünf kommen aus Schweden. Die Bekannteste, Nilla Fischer, läuft bei ihrem Klub, dem VfL Wolfsburg, mit Regenbogen-Kapitänsbinde auf und unterstützt in ihrer Heimat schwullesbische Veranstaltungen. Auch Schwedens Trainerin Pia Sundhage gilt als Ikone der LGBT-Bewegung. Ob Casey Stoney in England oder Ramona Bachmann in der Schweiz – etliche Spielerinnen gaben differenzierte Interviews über Homosexualität. Megan Rapinoe in den USA oder Erin McLeod in Kanada nahmen an politischen Kampagnen teil.

Schrittweise Annäherung an die Debatte

In Deutschland haben sich etwa Trainerin Steffi Jones oder die ehemalige Torhüterin Nadine Angerer schrittweise der Debatte genähert. Angerer postete 2016 ein Kuss-Foto von ihrer Verpartnerung. Wie es auch ablaufen kann, zeigte Isabel Kerschowski vom VfL Wolfsburg. In einem Interview erwähnte die Stürmerin ganz beiläufig ihre Freundin. Ansonsten war von aktuellen Nationalspielerinnen wenig zum Thema zu hören.

Das übernahm auch der europäische Sportverband der Lesben und Schwulen (EGLSF) mit seinem „Pride House“ in Utrecht. Die Aktivisten warben während der EM für Gleichberechtigung von Homosexuellen, mit Diskussionen und einer Ausstellung. Sie wiesen darauf hin, dass Fußballerinnen während der Olympischen Spiele 2016 in Rio massiv von Fans beleidigt wurden. Und dass es sehr schwer wird, ein solches Pride House bei der Männer-WM 2018 in Russland zu eröffnen.

Und hierzulande? Man muss das Thema nicht dauerhaft in den Mittelpunkt stellen, findet Nadja Pechmann in Berlin, aber verschweigen sollte man es auch nicht. So lange Spielerinnen nicht selbstverständlich mit ihrer Freundin zur Weihnachtsfeier kommen, müsse man auf die Probleme hinweisen. Und die liegen auch in den hierarchischen Führungsstrukturen des Fußballs, die mehrheitlich von Männern besetzt sind.

Im Präsidium des DFB findet sich nur eine Frau, selbst bei der Frauen-EM wurden zehn der 16 Teams von Männern trainiert. „In gemischtgeschlechtlichen Strukturen würde das Thema nicht so verkrampft diskutiert werden“, glaubt Pechmann. Im Herbst möchte sie wieder als Schiedsrichterin aktiv werden. Sie hat wieder Kraft und Motivation. Sie möchte sich den Fußball nicht wegnehmen lassen. 

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