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Sorgenvoll: Für Joachim Löw steht heute Abend einiges auf dem Spiel.

Joachim Löw

Das Entscheidungsspiel

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Es könnte für die deutsche Nationalmannschaft kaum eine schwierigere Aufgabe geben, als ausgerechnet beim Weltmeister Frankreich den Turnaround zu schaffen.

Dass das vor zwei Jahrzehnten eingeweihte Stade de France in einen nicht bestens beleumundeten Stadtteil von Paris erbaut worden ist, ist hinlänglich bekannt. Trotzdem strahlt die Fußball-Kathedrale in Saint Denis, von den Pariser Sehenswürdigkeiten nicht so weit entfernt wie aktuell die deutsche Nationalmannschaft von der Weltspitze, immer noch eine gewisse Erhabenheit aus. Gerade wenn die Sonne ihr gleißendes Licht auf das riesige Stadiondach wirft. Drumherum an den Gitterzäunen hängen blaue Banderolen, die auf “#FRAALL – le 16 octobre 2018“ verweisen. Frankreich gegen Deutschland am Dienstagabend (20.45 Uhr/ARD).

Es sind ausnahmslos französische Stars, die an einem herrlichen Herbsttag von den Plakaten im Längsformat lächeln, jubeln oder feiern. Kylian Mbappé, N’Golo Kanté oder Samuel Umtiti. Aber das passt doch auch: Der prestigeträchtige Vergleich hat sich zum Duell unter völlig ungleichen Vorzeichen entwickelt. Hier eine Équipe Tricolore, die ihr Hochgefühl einfach in die Nations League mitgenommen hat. Dort eine DFB-Auswahl, die ihre Sinnkrise mitgeschleppt hat. Dass der deutsche Tross übrigens wieder das Hotel bezogen hat, als vor drei Jahre auch am Stade de France die blutigen Terroranschläge verübt wurden, die die Welt erschütterten, ist nur eine Randnotiz.

Joachim Löw negiert nicht mehr, dass er sportlich die schwierigste Phase seiner Amtszeit durchmacht, weil Selbstverständnis und Selbstvertrauen, Leichtigkeit und Lockerheit von seiner Mannschaft abgefallen sind wie die welken Blätter von einem bunt gefärbten Baum, den der erste Herbststurm trifft. Dass die deutsche Nationalelf auf einmal aufblüht, kann sich kaum einer vorstellen. Stattdessen haben düstere Szenarien Hochkonjunktur. Sogar beim Bundestrainer. Wenn der Turnaround nicht sofort gelingt, hat der 58-Jährige gesagt, „dann steigen wir ab“.

Ein Abstieg aus einem schwer zu überblickenden und auch der Öffentlichkeit nur mühsam zu vermittelnden Format wäre eigentlich kein Weltuntergang, erst recht nicht für den auf Turniere fokussierten Fußballlehrer Löw, aber die Umstände sind jetzt andere. Es geht ums große Ganze. Um schnelle Lerneffekte inklusive Trainerstab. Und um sichtbare Ergebnisse. „Mit den von mir geforderten sechs Punkten wird das jetzt nichts mehr, aber wir dürfen den Glauben nicht verlieren“, verlangte der Taktgeber Toni Kroos. Abzudriften in die B-Kategorie, „das wollen wir vermeiden, auch wenn es nicht der allerwichtigste Wettbewerb der Welt ist“. Noch klarer formulierte Abwehrmann Mats Hummels den Anspruch; „Alles andere als ein Sieg ist zu wenig. Wir müssen ein Ergebnis einfahren. Wir müssen in Frankreich gewinnen – ohne Wenn und Aber.“

Dabei existieren gerade so viele Einschränkungen, dass der Bundestrainer vor seinem Entscheidungsspiel fast ein bisschen machtlos erscheint. Das beginnt bei seinem einstigen Welttorwart (Manuel Neuer), der keine Weltklasse mehr ist; von seiner Innenverteidigung, die zu viel mit sich selbst zu tun hat; und es geht über die Außenverteidiger, die Notbesetzung (Matthias Ginter) oder Zweitligaspieler (Jonas Hector) sind, bis zu seinem defensiven Mittelfeldspieler (Joshua Kimmich), den die einen beim 0:3-Nackenschlag in den Niederlanden als einzigen Ordnungsstifter, die anderen als weiteren Verwirrfaktor ausmachten. Dazwischen liegt die Wahrheit: Wenn das Mittelfeld mit einem Sechser und zwei Achtern so wenig eingespielt ist, ergeben sich Lücken zwangsläufig. Gerade bei schlampigen Ballverlusten, die sich beim deutschen Team nach einem ermüdenden Anrennen häufen.

Nur Sané hilft auch nicht

In Löws Verantwortungsbereich fällt, dass er seiner Dreier-Offensive derzeit keinen erkennbaren Plan mitgibt, wie sie mithelfen soll, die Defensive zu entlasten und gleichzeitig ihren Ursprungsauftrag in der Offensive zu erfüllen: Tore zu schießen. Der gesetzte Timo Werner scheint anders im Verein seine Laufwege nicht genau zu kennen. Mark Uth, nicht wirklich schlecht, aber auch nicht gut beim Debüt, konnte sie gar nicht verinnerlichen. Und Thomas Müller? Muss eigentlich zwingend auf die Bank. Sein „angekratztes Selbstbewusstsein“ sei offensichtlich, sagte Löw, der seinem „Unruhestifter“ wohl eine Denkpause gibt.

 

Es braucht endlich neue Hoffnungsträger. Viele fragen sich ohnehin, warum mit Julian Brandt eine Stütze vom Confed Cup nicht mehr Einsatzzeit bekommt. Der Blondschopf hat immerhin die Nummer zehn bekommen, und das bestimmt nicht ohne Grund. Auch Julian Draxler dürfte Ansprüche anmelden, gerade in seiner Pariser Wahlheimat. Und dann ist ja auch noch Leroy Sané, der allein mit seinem Tempo ein Merkmal besitzt, das ihn von allein Mitspielern abhebt. Aber dem wuseligen Dribbler den Auftrag zu geben, jetzt den deutschen Fußball zu retten, wäre allein aufgrund seines Alters wohl ein bisschen viel verlangt. Der Spatenstich zum Stade de France fiel noch vor seine Geburt.

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