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Jamie Vardy erzielt das 1:0 für Leicester gegen Manchester City. 

Premier League

Englische Schnapsidee 2.0

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Wie Leicester City drei Jahre nach der wunderlichen Meisterschaft in England schon wieder an einer Überraschung bastelt.

Leigh Herbert muss jetzt wieder Interviews geben, wie in der Saison 2015/2016, als er die verrückteste Zeit seines Lebens erlebte, so sagt er das. Damals wettete der Zimmermann aus Leicester fünf Pfund auf den Meistertitel von Leicester City. Laut den Quoten der Wettbüros war die Entdeckung des Ungeheuers von Loch Ness oder die Auferstehung von Elvis Presley genau so wahrscheinlich. Herbert hatte die Idee zu der Wette im Urlaub, er war nicht ganz nüchtern. Als er am Morgen danach aufwachte, mit schwerem Kopf, war er sich sicher, fünf Pfund verschenkt zu haben.

Doch das Wunder nahm bekanntlich seinen Lauf. Leicester schaffte mit dem Titelgewinn die größte Sensation im modernen Sport, und Herbert wurde berühmt als der Fan, der 20 000 Pfund mit einer Schnapsidee gewann. Reporter aus der ganzen Welt wollten seine Geschichte hören: „Mein Telefon stand nicht mehr still. Es riefen Leute aus Australien, Mexiko, Peru und Japan an. Ich habe gemerkt, warum berühmte Leute einen Manager haben, der sich um ihre Termine kümmert. Ich kam nicht mehr hinterher“, sagt er und lacht.

Es ist ein Sonntag im Dezember, die Luft in Leicester ist kalt und feucht, Herbert steht vor dem Stadion und spricht darüber, dass sich Geschichte wiederholt. Er erzählt, dass er wieder Geld auf den Titel gesetzt habe, dass jetzt wieder viele Journalisten anfragen würden, und dass er wieder an die Sensation glaube, wie 2015/2016. „Wir haben damals gesehen, dass Magie passieren kann. Vielleicht passiert sie wieder. Drücken wir die Daumen!“, sagt er.

Leicester ist die Überraschung der Saison in der Premier League und steht auf dem zweiten Platz. Am zweiten Weihnachtstag, dem Boxing Day, empfangen die Foxes, die Füchse, den Spitzenreiter und frisch gekürten Klub-Weltmeister FC Liverpool zum Topspiel. Es werden im Moment viele Erinnerungen wach an die Meisterschaft, die Euphorie der Fans ist riesig. Es liegt ja auch nahe, die Vergleiche zur Wundersaison von vor vier Jahren zu ziehen. Dabei ist diesmal fast alles anders bei Leicester City.

Da wäre zum Beispiel die Mannschaft. Leicester holte den Titel mit einem Team, in dem viele durchschnittliche Spieler die Saison ihres Lebens ablieferten, und das von ein paar Weltklasse-Profis wie N’Golo Kanté (mittlerweile FC Chelsea) und Riyad Mahrez (mittlerweile Manchester City) veredelt wurde. Der aktuelle Kader ist viel besser ausbalanciert und von vorne bis hinten hochwertig besetzt. Im Tor gehört Kasper Schmeichel, einer der Veteranen von vor vier Jahren, immer noch zu den besten Schlussmännern der Premier League. Çaglar Söyüncü ist in seiner zweiten Saison nach seiner Ankunft vom SC Freiburg von der vierten zur ersten Wahl in der Innenverteidigung aufgestiegen. Er ersetzt den für fast 90 Millionen Euro zu Manchester United abgewanderten Harry Maguire problemlos und wird selbst schon mit einem Transfer zu Manchester City in Verbindung gebracht.

Im defensiven Mittelfeld ist der Nigerianer Wilfred Ndidi das geheime Herz des Teams. Spielmacher James Maddison, im vergangenen Jahr vom damaligen Zweitligisten Norwich City gekommen, wird schon mit David Beckham verglichen, nicht nur wegen der optischen Ähnlichkeit. Auf den Außenbahnen sind der aus Newcastle gekommene Ayoze Pérez und der dem eigenen Nachwuchs entstammende Harvey Barnes echte Schlüsselspieler. Im Angriff ist alles wie in der Meistersaison: Jamie Vardy trifft wieder wie er will und steht nach 18 Spieltagen bei 17 Toren.

Das moderne Leicester City ist eine gute Mischung aus alten Helden, schlauen Transfers und hervorragender Nachwuchsarbeit. Zwar wird das Team trotz des Aufschwungs nicht als ernsthafter Kandidat auf den Titel gesehen, zu stark ist Liverpool in dieser Spielzeit. Auch die 1:3-Niederlage zuletzt bei Meister Manchester City hat der Mannschaft die Grenzen aufgezeigt. Doch anders als nach der Meistersaison könnte diesmal etwas Langfristiges entstehen in Leicester. Das Team ist gut ausgerüstet und hat genug Potenzial, um dauerhaft um einen Platz in der Champions League mitzuspielen. Entscheidenden Anteil daran trägt auch der Trainer.

Die Meisterschaft war das Werk des routinierten italienischen Wandervogels Claudio Ranieri. Der aktuelle Übungsleiter Brendan Rodgers steht eher noch am Anfang seiner Laufbahn. Er führte Liverpool 2014 fast zum Titel, doch das war nach allgemeinem Empfinden der Klasse einzelner Spieler zu verdanken, vor allem der von Angreifer Luis Suárez. Erst als Rodgers im Herbst 2015 gefeuert wurde und Jürgen Klopp für ihn übernahm, wuchs Liverpool wieder zu einer echten Spitzenmannschaft. In Leicester zeigt der 46 Jahre alte Nordire, dass er gereift ist als Trainer. Er hat den Verein seit seiner Ankunft vor zehn Monaten verwandelt, lässt die Mannschaft ansehnlichen Ballbesitz-Fußball spielen und wird für seinen Umgang und seine Ehrlichkeit mit den Spielern gelobt.

Rodgers bekommt durch den aktuellen Erfolg die Wertschätzung in England, die er lange vermisst hat. Ein Beleg dafür ist der Umstand, dass er kürzlich beim FC Arsenal als Kandidat auf die Nachfolge von Unai Emery gehandelt wurde. Statt eines Wechsels nach London entschied sich Rodgers allerdings für die Zukunft in Leicester und verlängerte seinen Vertrag bis 2025. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass die aktuelle Saison noch lange nicht der Höhepunkt der Entwicklung bei den Foxes sein soll, sondern erst der Anfang.

Das alles passiert vor einem tragischen Hintergrund. Im Oktober des vergangenen Jahres stürzte der allseits beliebte Klub-Besitzer Vichai Srivaddhanaprabha nach einem Spiel mit dem Hubschrauber ab und kam ums Leben. An der Absturzstelle am Rande eines Parkplatzes hinter dem Stadion befindet sich mittlerweile ein Garten mit Springbrunnen und Gedenkstein. „Wir haben in den vergangenen Jahren die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen erlebt“, sagt Leigh Herbert, der Zimmermann mit der Wette: „Das Unglück hat uns alle zusammen gebracht.“ Es macht den Aufschwung bei Leicester City noch erstaunlicher.

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