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Wenn einer gute Elfmeter schießen kann, dann Harry Kane (Mitte). Und auch beim Selfieschießen macht er eine gute Figur.

Englands WM-Elf

Die englische Krankheit besiegt

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Die monatelange Arbeit am Elfmetertrauma zahlt sich für das Team von Gareth Southgate im WM-Achtelfinale aus.

Im Standbild sieht man es am besten. Es kann einfach nicht gutgehen. Der Oberkörper ist ein wenig nach rechts verdreht, zudem widerwillig nach hinten gekippt, selbst die Arme hängen irgendwie teilnahmslos herab, als würden sie sich bereits verabschieden wollen. Dann dieser Blick, aus dem eine Fußballergeneration Angst herauslesen konnte. Die Angst des Schützen beim Elfmeter. Eine Angst, die man auch die englische Krankheit nennt. Der englische Patient litt seit fast drei Jahrzehnten an einem sehr komplizierten „Penalty Shootout Hoodoo“. Ein hoffnungsloser Fall. Wohl auf ewig unheilbar, sagten Experten. Die Fußballwelt lachte mit jedem Mal lauter. Und vielleicht gab es sie ja wirklich, die Überlegung, das Elfmeterschießen als verpflichtendes Schulfach einzuführen.

Hoodoo klingt wie Voodoo und ist tatsächlich ähnlich. Denn auch dabei geht es um schwarze Magie, um böse Zauberkräfte, die so viel Unheil bringen können. Dass nun Gareth Southgate einen Gegenzauber gefunden hat, ist eine fantastische Geschichte. Und sie begann an jenem 26. Juni 1996: Europameisterschaft in England, Halbfinale der Gastgeber gegen Deutschland, Southgate, heute Trainer, damals Spieler, ging zum Punkt - ein ängstlicher Strich in der alten Stadionlandschaft von Wembley.

Lässt man diese Bilder noch einmal laufen, kann man auch da schon fatale Fehler erkennen. Southgate legte den Ball hastig hin, doch der wollte nicht liegenbleiben, rollte ein paar Zentimeter nach links. Es sah nicht nur so aus, als würde der Schütze die Kontrolle über die unmittelbare Zukunft verlieren. Southgate trat noch einmal verlegen in den Rasen, aber nicht an die Stelle, wo danach sein Standbein stehen sollte, wo man eher keine Platzfehler gebrauchen kann. Er machte dann zehn Schritte nach hinten, machte ohne innezuhalten, ohne sein Ziel zu fixieren, zehn nach vorne und schoss so halbherzig, dass Andreas Köpke nur zur Seite fallen musste, um den Ball zu halten. Danach traf Andreas Möller in den Winkel - und England war raus.

Am Dienstagabend kam England weiter. Am Morgen danach titelte der „Daily Telegraph“: „WM-Schock! England gewinnt im Elfmeterschießen!“ Andere Zeitungen und Onlineportale versahen ihre Schlagzeilen zum Achtelfinalsieg über Kolumbien mit einer Klammer („on penalties!“). Das Ausrufezeichen musste schon sein nach sechs verlorenen Elfmeterschießen seit 1990. EM, WM – England hatte es nur einmal auf den Punkt gebracht. Im Viertelfinale 1996 gegen Spanien, vier Tage vor Southgates Fehlschuss. Der sagte nun im Stadionbauch von Spartak Moskau: „Die Fans haben Jahrzehnte der Enttäuschungen durchgestanden. Aber auch für das Selbstvertrauen dieser Spieler und für alle Spielergenerationen, die noch folgen werden, war es ein sehr wichtiger Moment. Sie müssen nicht mehr gehemmt sein durch die Geschichte und die Erwartungen.“ Der Trainer sprach besonnen wie ein Staatspräsident, der im Rausch des Augenblicks als Einziger die Ruhe bewahren muss.

Natürlich gab es Versuche, Southgate zu demaskieren, um einen Blick in seine Gefühlswelt zu erhaschen. Nach dem finalen Treffer von Eric Dier war auch der 47-Jährige in die Luft gesprungen, hatte viele geherzt, sich von allen zurückherzen lassen. Jetzt aber sprach Southgate lieber davon, wie er seiner Mannschaft den Eindruck vermitteln wollte, dass er alles im Griff habe, auf alles vorbereitet sei und besonders gut auf ein Elfmeterschießen. Einige Spieler konnten nicht mehr, wurden von Krämpfen geschüttelt, waren gezeichnet von einem Spiel, das ihnen so viel abverlangt hatte – kein Problem. Southgate änderte die Liste der Schützen. Harry Kane war trotz krampfender Muskeln der Erste. Und auch da lohnt es sich, die Bilder anzuhalten.

Es zählen Nervenstärke und Technik

Entschlossenheit lässt sich zwar nicht bestimmen, aber Körperhaltung analysieren. Das hat Southgate getan. Er ist der erste englische Nationaltrainer, der Elfmeterschießen nicht als ein Glücksspiel begreift, dessen Ausgang kaum zu kalkulieren ist. Southgate hat ein Trainerteam um sich versammelt, mit dem er die vermeintlich so einfache Übung, einen Torwart unbedrängt aus bester Position zu überwinden, in ihre Einzelteile zerlegte. Seine Überzeugung: Wenn das Glück nicht will, muss man es eben zwingen oder irgendwie austricksen. Der Gang von der Mittellinie, der ein innerer Kampf ist zwischen Tatendrang und Versagensängsten, gehörte deshalb zur Turniervorbereitung. Dann das sorgsame Hinlegen des Balls, der Anlauf, die Oberkörperhaltung, die richtige Fußstellung. Ein Elfmeter ist letztlich der Wettbewerb zweiter Talente: Nervenstärke und Technik. Die Nerven übernahm ein Teampsychologe. Für die Technik gab es Sonderschichten. Denn beides lässt sich trainieren.

Beides beherrscht Kane so gut, dass er alle seine vier Elfmeter in Russland sicher verwandeln konnte. Gegen Kolumbien traf er in der regulären Spielzeit. Und auch sein zweiter Versuch war so hart und platziert, dass selbst ein Hellseher von Torwart kaum die Handschuhe an den Ball bekommen hätte. Am Kapitän gab es keine Zweifel in England. An den anderen schon. Vor dem Elfmeterschießen tauchten gleich einige inoffizielle Schützenlisten auf. Spieler mit Bärten, Hüten, Brillen, roten, langen oder gelockten Haaren, die nur eines gemein hatten: Sie waren alle verkleidete Harry Kanes. Denn fünf Harry Kanes würden fünfmal treffen. Der Fehlschuss von Jordan Henderson, der einzige der Engländer, war wirklich besser gehalten als schlecht geschossen – und am Ende völlig egal. „Ich habe viele Elfmeterschießen gesehen, wo der erste gehaltene Schuss nicht der entscheidende war“, sagte Southgate hinterher.

Okay, noch ein Versuch, ein Trainergefühl zu entlocken. Ob er endlich seinen verschossenen Elfmeter vergessen kann, wurde Southgate gefragt. „Nein“, war die Antwort, „das wird für immer an mir kleben.“ Darum gehe es aber nicht mehr. Jetzt sollen seine Spieler ihre eigene Turniergeschichte schreiben. „Man bekommt nicht immer das, was man verdient im Leben, heute jedoch schon.“ Und: „Wir wollen noch lange nicht nach Hause fahren.“

Southgate hat eine innere Ruhe, die sich auf seine Spieler übertragen hat, nicht nur am Ende dieses Abends. Früher waren englische Nationalteams für ihre Hühnchenphasen bekannt. Plötzlich verloren die Spieler den Kopf, flatterten aufgeregt über das Spielfeld, konnte keine Trainerhand sie mehr einfangen. Southgate hat es geschafft, den Nachteil, ein junges und unerfahrenes Team zu führen, in einen Vorteil umzuwandeln. Jugend steht jetzt für Ehrgeiz. Mangelnde Erfahrung ist, ins Positive verkehrt, fröhliche Unbekümmertheit.

Über all die Elfmetergeschichten, die keiner im Kader selbst mitgeschrieben hat, haben sie gelacht. Haben das auch oft erzählt in den vergangenen Tagen. War wohl Teil des Mentaltrainings. Genauso wie das Poolplantschen mit aufblasbaren Einhörnern oder die Dartsrunden gegen Reporter im Teamhotel. Und vielleicht haben sie sich auch diesen Pizzawerbespot angeschaut, in dem ihr Trainer vor sieben Jahren auftrat. Southgate saß mit einer Papiertüte über dem Kopf am Tisch, um nicht erkannt zu werden. Neben ihm Stuart Pearce und Chris Waddle, die 1990 verschossen hatten - womit sich die englische Krankheit auszubreiten begann.

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